Abb. 1: Dr. Gerhard Heede mit seiner Frau Agathe (geb. Ruffing, 1919-1993), April 1988 (mit freundlicher Genehmigung von Familie Honigmann)
Abb. 1: Dr. Gerhard Heede mit seiner Frau Agathe (geb. Ruffing, 1919-1993), April 1988 (mit freundlicher Genehmigung von Familie Honigmann)

Am 3. März 2016 wäre der weit über die Grenzen des Mansfelder Landes bekannte Praktische Arzt Dr. Gerhard Heede aus Hergisdorf bei Eisleben 100 Jahre alt geworden.

Heede wurde 1916 in Petrograd (heute St. Petersburg) geboren und kam mit seiner Familie nach Eisleben, wo er das Abitur ablegte. Ein Studium an der Martin-Luther-Universität in Halle sollte 1938 folgen. Die Wahl zwischen Medizin und Chemie/Physik fiel ihm nicht leicht. Er entschied sich zunächst gegen die Medizin. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde das Studium jedoch unterbrochen und Gerhard Heede wurde eingezogen. Den Krieg überlebte er glücklicherweise mit einer Schussverletzung an der Hand.

Nach dem Krieg entschloss er sich Humanmedizin zu studieren und schrieb sich hierzu im Wintersemester 1946 in Göttingen ein. Naturwissenschaftlich interessiert war er dort nebenher Gasthörer u. a. bei Otto Hahn, Max Planck, Max v. Laue und Carl Friedrich von Weizsäcker.

Noch vor dem Ende seines Studiums schloss er in der Pharmakologie seine Promotion im Jahr 1951 ab. Das Thema lautete: „Analyse der Beeinflussung der Hautsinnesorgane durch Antihistaminika und Lokalanästhetika“.

Ein Angebot vom Internisten und Radiologen Professor Gerhard Heidelmann, in die Angiologie der Universität Halle zu wechseln, lehnte Heede 1953 ab. Ebenso die damit verbundene universitäre Laufbahn, wie er mir später mehrfach in Gesprächen mitteilte. Stattdessen übernahm er 1955 die Praxis seines Schwiegervaters Dr. Albert Ruffing, eines im Mansfelder Land sehr geachteten Praktischen Arztes, der seit 1908 in Hergisdorf praktizierte.

Das Schicksal einer 26-jährigen Patientin mit einem fremddiagnostizierten „unheilbaren Beingeschwür“ und nachfolgender Amputation, war nicht zuletzt der Auslöser sich „systematisch, von Grund auf mit der Phlebologie“ autodidiaktisch zu beschäftigten. Später beklagte er mir gegenüber einmal, dass „sich heutzutage viele junge Kollegen nicht von Grund auf damit beschäftigen wollten oder zeitlich nicht könnten“.

Gustav Pütters Mitteilungen über den Einsatz von Kreuzverbänden bei Patienten mit venösem Beinleiden aus dem Jahr 1952 waren wegweisend für Heede. 1957 begann er systematisch mit der Trockentherapie bei venösen Ulzerationen unter Anwendung der Pütter-Kompression. Der Erfolg ermutigte ihn die Therapie fortzuführen, weiter zu entwickeln und ließ ihn schnell regional bekannt werden. Jeder im Umkreis seines Heimatortes wusste schnell um seine therapeutischen Erfolge. Erste wissenschaftliche Publikationen ließen ihn bald darauf auch als Spezialist überregional bekannt werden. Patienten dankten es ihm, sie kamen aus der ganzen ehemaligen DDR in seine Praxis und konnten erfolgreich behandelt werden.

Heede hat nicht nur die Therapie des Ulcus cruris mit beeinflusst, sondern auch die Entwicklung der Phlebologie in der ehemaligen DDR und in ganz Deutschland. Die Heilungsrate des Ulcus cruris bei venöser Insuffizienz über die Trockentherapie und des Pütter-Verbandes erreichte bei Heede beachtliche 94 %. Damit konnte er „seine“ Therapie auch auf eine fundierte wissenschaftliche Basis stellen und sein Wissen auf Tagungen und Kongressen weiter vermitteln.

Zu Gute kam ihm, dass er neben russisch, englisch und französisch fließend beherrschte, in letzteren beiden Sprachen vortragen, diskutieren und sich die internationale Literatur erschließen konnte. Auf nationalen und internationalen Tagungen war er wegen seinen praktischen Erfahrungen und wertvollen Ratschlägen ein viel aufgesuchter Kollege.

Die Gründung und Weiterentwicklung der Sektion Phlebologie in der Dermatologischen Gesellschaft der DDR hat er durch seinen persönlichen Einsatz und sein Fachwissen entscheidend mit geprägt. Seine über 30 Publikationen – für einen Praktischen Arzt eine überdurchschnittlich große Zahl – sind zum Teil noch heute relevant und waren wegweisend für die Therapie in der Praxis. Sie beinhalten ein breites Spektrum meist venöser Erkrankungen und deren Komplikationen. So publizierte er nicht nur über die Therapiemöglichkeiten des venösen Ulcus cruris, sondern auch über Varizensklerosierung, Probleme bei der hohen Armvenensperre und den Morbus Mondor als obliterierende Lymphangiopathie. Die Bedeutung seiner Arbeit zur „Saisonabhängigkeit vom Ulcus cruris venosum“ wurde von der Tübinger Hautklinik als sehr bedeutsam eingestuft.

In den Jahren 1986-1989 initiierte er eine Pilotstudie zur Beurteilung einer Varikosis bei Schulkindern, in die er 403 Eisleber Schulkinder einschloss. Er konnte nachweisen, dass Varikosis keineswegs ein Problem des höheren Lebensalters ist und fand in der Altersgruppe der 11-12-Jährigen bereits in 15 % variköse Veränderungen, bei 17-18-Jährigen waren es sogar schon 24 %. Dabei wurde gezeigt, dass primäre Faktoren eine familiäre Disposition und das weibliche Geschlecht sind.

Jedem phlebologisch tätigen Arzt war und ist der Name Gerhard Heede bekannt. Er war als Phlebologe ein Pionier der Phlebologie in Deutschland. Sein Name findet sich bis heute in Lehrbüchern der Phlebologie.

Seine medizinische Tätigkeit und sein Spezialwissen waren landesweit anerkannt. Durch das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR wurde ihm der Titel „Sanitätsrat“ verliehen.

Darüber hinaus war Gerhard Heede sehr vielseitig interessiert, besaß ein außergewöhnlich umfangreiches Allgemeinwissen und beschäftigte sich neben der Medizin auch mit Physik, Chemie, Astronomie, Geschichte, Politik, Kunst, Fotografie und besonders mit Geologie, Mineralogie und Paläontologie.
Bei seinen Patienten nutzte er die Infrarotfotografie (keine Wärmebildkamera!) bereits in den 60er und 70er Jahren zur Dokumentation von Befunden, zur Diagnosestellung und u. a. zur Darstellung venöser Kollateralen am Oberschenkel und Becken. Seine Ergebnisse publizierte er 1973 und war damals der Erste in ganz Deutschland zu diesem Thema. „Ich habe mich auch als einziger Med[iziner] in der DDR u. BRD mit IR-Technik … in der Med[izin] zur Diagnostik beschäftigt und kenne das Problem der überschneidenden Wellenlänge…“ (Brief an Verf. vom 12.4.1990).

Zu derselben Zeit verwendete er auch ein Ringblitzlicht. Den positiven Effekt der Fotografie mit Ringblitz zur Befunddokumentation und bei der Fotografie seiner Mineralien und Fossilien erkannte er schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich kaum jemand damit beschäftigte und noch lange bevor man in der Fachwelt die Bedeutung dessen erkannte. Fotos von Heede und Berichte darüber wurden in bekannten DDR-Fotobüchern publiziert. Er bemerkte dabei sowohl die Verstärkung als auch die Abschwächung der plastischen Wirkung bei der Fotografie kleiner Objekte. Alle Fotos entwickelte er selbst in seinem eigenen Fotolabor zu Hause.

Begeistert von der Erfahrung und den Ergebnissen, konnte der Autor Heedes Ringblitzlicht selbst seit Anfang der 90er Jahre erfolgreich nutzen. Erst in den letzten 10 Jahren fand die Technik eine breite Anwendung in der Fotografie und gehört heute, nicht zuletzt dank moderner LED-Technik, zum Standard einer Fotoausrüstung und das etwa 40 Jahre nach den Erfahrungen und praktischen Anwendungen Gerhard Heedes.

Sein ganzer Stolz war die Fossilien- und Mineraliensammlung. Hiermit befasste er sich intensiver seit Anfang der siebziger Jahre und pflegte Kontakte zu zahlreichen gleichgesinnten Sammlern.
So konnte er knapp 1.000 Stücke – etwa 250 Fossilien und ca. 700 Mineralien aus der ganzen Welt zusammentragen. Letztere waren hinter seinem Schreibtisch im Arztzimmer in mehreren Vitrinen ausgestellt. Auch wenn es sich dabei, im Vergleich zu anderen privaten Sammlungen, um eine quantitativ kleinere Sammlung handelte, bestachen die Stücke besonders durch die meist ungewöhnlich gute Qualität.

Gerhard Heede betrieb seinen Beruf und seine Hobbys mit Akribie, er besaß die Fähigkeit komplex zu denken und ein großes Allgemeinwissen. Er war „einer der Pioniere der ostdeutschen Phlebologie“ (vgl. Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 2010(1): 54) und „Arzt aus Berufung und Leidenschaft“. Dr. Gerhard Heede hat nicht nur der Phlebologie in Deutschland viel gegeben, sondern vor allem seinen Patienten, bei denen er mehr erreichte als eigentlich möglich war (Petter & Holzegel 2005).

Sein Wirken ist nicht zuletzt ein eindrucksvolles Beispiel für die vielfältige Verknüpfung der Medizin mit anderen Naturwissenschaften. Er war ein umfassend naturwissenschaftlich gebildeter Arzt und ist ein Vorbild für Mediziner und Naturwissenschaftler.

Am 25. Juli 1994 starb er auf einer Reise in die Schweiz im 79. Lebensjahr an den Folgen einer überwiegend rechtsseitigen, von ihm selbst noch diagnostizierten Lungenembolie.


Literatur beim Verfasser


Korrespondenzadresse:
Dr. med. Silvio Brandt
OA an der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie der Martin-Luther-Universität Halle
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