Cover Hallesche Helden der Heilkunst und andere HeldenEdition Templerkapelle Band 4, hrsg. v. Achim Lipp u. Jürgen Lasch. Verlag Freunde Templerhof Gut Mücheln, Wettin-Löbejün 2015, ISBN 978-3-00-049152-8, Hardcover m. Schutzumschl., Großoktavformat, reich illustriert, 183 S., € 20,-

Ein weiterer Band der o. g. Edition greift das Thema verdienter Ärzte und Wissenschaftler an der Halleschen Universität auf. Der Vorgängerband war nach Aussage der Herausgeber ein voller Erfolg (2 Auflagen). Jetzt galt es nachzulegen.

Als Erstes wird die „...Hallesche Herz-Lungen-Maschine made in GDR by Schober and Struß...“ zum Thema. Es ist die Geschichte vom mit eisernem Willen, großer Begeisterung und Herzblut umgesetzten Traum eines Teams, man kann es auch Abenteuer nennen, vor dem Hintergrund einer beschränkten Wirtschaftsstruktur der realsozialistischen Gesellschaft. Die emotionale Bindung an Stadt und Universität mit Grenzgängen und kollegialer Solidarität von jenseits des Zaunes waren wohl ausschlaggebende Faktoren des Erfolgs. 1962 wurde in Halle mit dem Eigenbau der HLM eine zukunftsfähige Chirurgie am offenen Herzen gestartet. Die Maschine gibt es heute noch zu besichtigen. Ihr ist die Illustration des Buchdeckels und des Schutzumschlags gewidmet. An den Inaugurator Karl-Ludwig Schober (1912 - 1999), leitender Chirurg, Kunstförderer und Schriftsteller, erinnert eine Ehrenmedaille.
Einen großen Zeitensprung zurück folgt die seinerzeit viel verlangte „Essentia dulcis halensis“, ein Arcanum aus der Waisen-Apotheke bzw. den Franckeschen Anstalten. Sie wird zu einem „Renner“ auf dem Medikamentenmarkt des 17. Jahrhunderts, beforscht und vertrieben unter der Aegide von Christian Friedrich Richter (1676 - 1711), Franckes angestelltem Schularzt. Gold spielt dabei seine geheimnisvolle Rolle.

Wilhem Roux (1850 - 1924), der geniale Begründer der nomenklatorisch ministeriell anerkannten Entwicklungsmechanik als kausalen Ansatz der Morphologie der Organismen, musste hier natürlich auch im Reigen der Geehrten erscheinen. Er kann als einer der Gründer der modernen biologischen Forschung bezeichnet werden und dürfte eine offensichtlich beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein, ohne Scheu vor der scharfen geistigen Auseinandersetzung in Schrift und Disput.

Fehlt noch Franz Volhard (1872 - 1950), Schüler der Franckeschen Stiftungen und der Landesschule Pforta. Er führte die Medizinische Universitätsklinik in Halle zur Blüte. 1927 wechselte der Schöpfer einer modernen Nephrologie nach Frankfurt am Main. „Besser Urin im Zylinder als Zylinder im Urin“, soll er überzeugt gewesen sein. Die Prominenz seines Namens setzte sich u. a. in dem seiner Enkelin Christiane Nüsslein-Volhard fort, der Nobelpreisträgerin für Physiologie und Medizin von 1995, Mitglied der Leopoldina, gebürtig in Heyrothsberge.

Und wer sind die im Titel genannten „anderen Helden“? Die Kreuzritter etwa? Der größere Teil des 4. Bandes befasst sich, den Ort seiner Impulsgebung würdigend, mit kreuzritterlichen Menschenbildern, Rossen und Reitern, Logistik über Land und Meer, der christlichen Plünderung des christlichen Konstantinopel und mit Pferdezucht. Diese Kapitel sind nur mittelbar mit Heldentum und kaum mit Medizin versehen, lesenswert sind sie aber allemal. Abschließend erfolgt noch eine Betrachtung zum Nachleben vergangener und zukünftiger Universitätsgelehrter und zum Stadtgottesacker.

Ein paar Gedankenäußerungen nach der Lektüre der beiden Heldenbücher seien dem Rezensenten, selbst Alumnus der Alma Mater Halensis, erlaubt. Die Helden setzen Moos an! Man kann sich davon auf dem Halleschen Südfriedhof überzeugen, wo mindestens zwei Helden der Sowjetunion plastisch aufragen. Der Gardesoldat Alexander Matrossow (1924 - 1943), der wahrscheinlich nicht wusste, dass es ein Halle überhaupt gibt, warf sich selbst-opfernd vor den Schießschlitz eines deutschen Bunkers an der Ostfront und half mit dieser martialischen Geste als Sichtblende, denselben einzunehmen. Da fallen einem doch u. a. der Pionier Carl Klinke an den Düppeler Schanzen von 1864 oder aktueller die „Helden von Tschernobyl“ von 1986 ein. Und dann ist da noch die vergrünende Stele mit der Büste des Gardekapitäns Alexander Sergejewitsch Smolin (1924 - 1946), hochgeehrt und vergessen. Die bittere Inflation der Helden der Friedhöfe ging dann nahtlos in die der Helden der sozialistischen Arbeitswelt über.

Der Begriff des Helden wird in beiden Bänden verteidigt und unter unterschiedlicher Intention verwendet. Er erinnert bei dieser Anwendung manchmal an die Götter in Weiß und andere Praktiken der kultnahen Personenverehrung. Es ist ein verbrauchter und problematischer Begriff! Die deutsche Sprache lässt meist andere, wenn auch nicht so spektakuläre Ausdrucksmöglichkeiten zu. Unter dieser Kennzeichnung besteht die Aussicht auf Zunahme der Patina – und das wäre schade in Anbetracht der einstigen Lebendigkeit der Protagonisten. An einigen Stellen scheint etwas davon in den Texten durch.

Ebenso schade ist es, dass die Initiative zur Verbindung zwischen Templerhofgemeinde und Universität zu stocken scheint. Es ist ihr neues Leben zu wünschen!

F.T.A. Erle, Magdeburg

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