Cover - Marc Kayser - Große Freiheit OstAuf der B 96 durch ein wildes Stück Deutschland

Verlag Bild und Heimat (in Koop. m. Superillu) Berlin 2015, ISBN 978-3-95958-000-7, Hardcover 21cm x 12,5 cm, 52 Farbfotos, 185 S., € 14,99

Straßen können Stars sein, in den Zentren der Metropolen allemal. Der Broadway in N.Y. und die Champs Elysees in Paris, die Via Veneto in Rom und der Bund in Shanghai sind solche Divas. Die Wolokolamsker Chaussee von Moskau hat es sogar in den Roman und auf die Bühne gebracht. Über Land haben sie nur selten einen Namen: Die Via Appia von Rom nach Brindisi, die Route bleue von Paris nach Nizza und die Mother Road von Chicago quer durch Nordamerika bis nach Santa Monica. Sie klingen nach Grandezza und Geschichte. Das änderte sich mit dem Bau der Autobahnen in Deutschland, die zum Vorbild der zukünftigen Straßenverkehrskonzepte wurden und nach Klassifizierung verlangten mit dem Präfix A bzw. jetzt BAB. Die FVS (Fernverkehrsstraße) der 20er Jahre wurde in der NS-Zeit zur R (Reichsstraße) und nach letzteren 1000 Jahren zur F (Fernverkehrsstraße der DDR) bzw. B (Bundesstraße).

Marc Kayser, Journalist und Schriftsteller mit medizinischem familiären Hintergrund in Potsdam, berichtet in diesem Buch über die B 96. Sie beginnt in Zittau im südlichsten Zipfel Sachsens und schlängelt sich konsequent nach Norden, in gebührendem Abstand und mehr oder weniger parallel zu Neiße und Oder, westlich der polnisch-deutschen Grenze. Sie bahnt sich ihren Weg durch Sachsen, Brandenburg incl. Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bis auf die Insel Rügen. Dort verliert sie sich im Meer bzw. entspring sie aus demselben. Generationen von Seeurlaubern haben sie erwartungsfroh mit Kind und Kegel befahren, artig in Kolonnen mit Brummis, Transportern und Militärfahrzeugen. Wohl jeder der Fahrenden hat seine Erinnerungen an diese Bäderstraße, Erlebnisse der besonderen Art, Geschichten, Vorkommnisse, Landschaften, architektonische Silhouetten.

Straßenschreiber Marc Kayser sah sich nun veranlasst, die B 96 auf ganzer Länge zu befahren, sie immer wieder mal zu verlassen auf Steinwurfweite, wie er es des Öfteren formuliert. Er teilt seinen Bericht ein in sechs Etappen von Zittau über Bautzen, Berlin, Oranienburg, Fürstenberg, Neubrandenburg, Greifswald und Stralsund bis Saßnitz. Für das besondere Gebiet um Wünsdorf, der ehemaligen Quasiexklave der Roten Armee, nimmt er sich ausreichend Zeit. Von dort gab es eine direkte Zugverbindung nach Moskau. Die B 96 musste dafür auf einer Strecke von mehreren Kilometern verschwinden und ist dort auch heute noch nicht wieder vorhanden, nur von niederen Rängen ersetzt. Überhaupt hatte die deutsche Teilung an dieser Straße zu Turbulenzen und Schizophrenien im Verlauf der Trasse geführt, die auch nach der Wiedervereinigung noch fortbestehen, insbesondere in Berlin. Der Neubau der Verkehrswege tat sein übriges. Die preußisch korrekte Nummerierung war nicht durchgehend haltbar.

Laut und schrill als Fest für die Sinne bietet sich die Straße in Berlin an. Hier kreuzt sie auch ihre ältere und berühmtere Schwester, die B 1 (s. Rez. ÄB Sachsen-Anhalt 2007). Beim Buchautor zeichnet sich ein gewisser Hang zum Abenteuer, zur Gastronomie und zu weiblicher Gesellschaft ab. Eine besondere Nähe lässt er aber zu Rheinsberg erkennen. Er kommt dort mit Nachkommen des Arztes Dr. Joachim Weidauer zusammen, des geborenen Dresdners, dessen berufliche und biografische Bahn in diesem brandenburgischen Städtchen endeten. Als Halbjude geriet er in die Fänge der Gestapo, überlebte mehrere KZ und bis Kriegsende die Schwerstarbeit in einem Steinbruch bei Aschersleben. Als in Seyda am Fläming eine Landarztpraxis zu besetzen war, griff er zu. Eine Kollision mit der Arbeiter- und Bauernmacht in Form ihrer Stasi brachte ihm mehrere Jahre Haft in Bautzen ein. In Rheinsberg leitete er zuletzt eine Staatliche Arztpraxis.
Ein weiterer politisch und medizinisch relevanter Ort ist Alt-Rehse bei Neubrandenburg, ganz in der Nähe der B 96. Es war ein NS-Musterdorf und beherbergte die Führer- und Rassenhygieneschule der organisierten deutschen Ärzteschaft. NVA und Bund waren Nachnutzer. Heute ist das Gut in den Händen einer alternativen Kommune.

Einfache und lebendige Geschichten entreißt Kayser der B 96. Dem einen war sie die Straße seiner Liebe, dem anderen ist sie zum Hassobjekt geworden, z. B. dort in Fürstenberg/Havel, wo sie bei anhaltend hoher Verkehrsdichte innerorts die Lebensqualität schlicht vernichtet. Armin Müller Stahl lässt auf Rügen an ihr ausstellen und verkaufen. Till Schweiger machte sie zur Kulisse einer Filmproduktion.

Reisen veredle den Geist, meint der Autor und hält auffällig oft sein Konterfei in die zahlreichen Fotoillustrationen. Es ist ein kurzweiliges Buch mit Unterhaltungswert und Ostalgieeffekten, teils sogar mit hausgemachter Lyrik. Ein paar Ungereimtheiten halten die Spannung. So ist der PKW Lada nun einmal nur als Übersetzungsfehler ein Kahn, als Fuhre vielleicht doch. Bio-Kühe auf der Weide sind wohl als solche nicht zu erkennen und Lübeck liegt immer noch im Westen, Stettin im Osten der B 96 bzw. ihrer Stellvertreter im Norden, nicht umgekehrt. Der Buchtitel erscheint etwas dichterisch überzeichnet. Aber er regt dazu an, mal eine Rast einzulegen, einen Abstecher aus der strengen Spur einer Bundesstraße zu wagen. Gute Reise und fröhliche Wiederkehr!

F.T.A. Erle, Magdeburg

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