Thea Dorn - Die UnglückseligenRoman. Knaus Verlag München 2016, ISBN 978-3-8135-0589-6,
gebunden mit Schutzumschlag, Oktavformat, 552 Seiten, 24,99 €

Unverbürgt, aber auch nicht tot zu kriegen ist der dem Alten Fritz in den Mund gelegte Ausruf: Hunde (Racker), wollt ihr ewig leben! Er soll ihn 1757 in Böhmen angesichts der sich anbahnenden Niederlage in der Schlacht von Kolin seinen zurückweichenden Grenadieren entgegen geschleudert haben!

Ganz anders die Intention der Hauptfigur dieses Romans, der Stammzellforscherin Johanna Mawet. Die leibliche Unsterblichkeit ist das Thema der Schriftstellerin und Philosophin Thea Dorn und ihrer Romanfigur Johanna. Sie macht diese Art der Unvergänglichkeit in ihrem neuesten Werk zum Lebensprojekt der Wissenschaftlerin. Diese hat sich das ehrgeizige Forschungsziel gestellt, alle Körperzellen des Menschen mit bisher nicht vorhandenen Regenerationspotenzen genmanipulatorisch aufzurüsten, die Zellalterung abzuschaffen und so den Weg zur Unsterblichkeit zu ebnen. Da sie in ihrem renommierten Forschungsinstitut am Fuße der deutschen Alpen nicht mit embryonalen Stammzellen arbeiten darf, lässt sie sich zu Forschungsaufenthalten im nordamerikanischen Dark Harbor freistellen. Dort kollidiert ihre Biographie mit einem sie faszinierenden Kerl unbestimmten Alters und seltsam zeitlosen Aussehens in Form des Hilfsarbeiters John William Knight, dem sie sich mehr oder weniger verschreibt. Sie beabsichtigt, ihn zu Ihrem Forschungsobjekt zu machen. Es handelt sich, wie sie bald feststellt, um den 1776 geborenen Pastorensohn und Physiker Johannes Wilhelm Ritter, einst tätig an den Universitäten Jena und München, mit wissenschaftlicher Reputation auf dem Gebiet der Elektrizität, insbesondere des Galvanismus. Ihm ist realiter u. a. die Entdeckung der UV-Strahlung und die Entwicklung des stromspeichernden Akkus zu verdanken. Goethe, Herder, Novalis und die ganze Phalanx der Romantiker gehörten zu seinen Kreisen, von Thea Dorn nicht immer mit der gebührenden Ehrfurcht bedacht.

Nach einem Blick bei Wikipedia muss Johanna annehmen, dass ihre neue Bekanntschaft, der Pfarrerssohn aus Schlesien, eigentlich 1810 gestorben sein sollte. Auch der Leser kann sich unabhängig vom Roman davon überzeugen. Wie er ihr später glaubwürdig darlegt, war dieser Tod nur mit Hilfe galvanisierender Techniken vorgetäuscht. Zu seiner im Weiteren angebotenen Lebensgeschichte gehören dann eine eigene Familie, die Teilnahme an der Völkerschlacht 1813 und der kriegsbedingte Verlust eines Armes, der ihm aber später wunderbarerweise wieder nachwuchs. Schließlich folgte die Flucht nach Übersee in ein erbärmliches abenteuerliches Leben mit nachrückenden weiblichen Partnerschaften. Johanna war von seiner beeindruckenden Fähigkeit, Kälte, Hunger und Durst auszuhalten, angetan. Sie findet auch in der wissenschaftlichen Literatur seine Spuren in Form der Fragmente aus dem Nachlass eines jungen Physikers (s. Faksimile S. 106). Schließlich meint sie, an ihm nach kleineren Verletzungen eine auffällige Tendenz zur Regeneration im Wundbereich festzustellen - den Ansatz für Ihre Forschungen zum Erreichen eines sehr hohen Alters, wenn nicht gar der leiblichen Unsterblichkeit. Sie will sich dessen vergewissern und entnimmt ihm Gewebeproben für eine illegale, wenn auch sehr teure DNA-Sequenzanalyse. Bisher hatte sie es nur mit Zebrafischen und Labormäusen zu tun. Der inzwischen mehr als 200 Jahre alte Mann entpuppt sich in seinem Genmuster als Dreißigjähriger! Ist er ein Ungestorbener, ein Wiedergänger oder ein Zombie? Der Stoff bietet viele Ansatzpunkte zur Spekulation, biologische und philosophische. Der gemein-sam besuchte Weltkongress der Immortalisten bietet ein breites Spektrum ver-bissen verteidigter, angeblich zielführender Lebensführungsstrategien, ohne wirklichen Durchbruch und ohne Im-
pulse für das eigene Vorhaben.

Thea Dorn führt den Leser mit offensichtlicher Lust am literarischen Gestalten und mit dramaturgischer Meisterschaft durch die zwei Teile des Buches mit 22 Kapiteln auf mehr als 500 Seiten. Sie bewegt sich unter den Romantikern und im naheliegenden Faustsujet mit einer Leichtigkeit, die den Leser nur hinterher hecheln lassen kann. Ihre häufigen Wechsel in den Erzählebenen lockern aber das Lesen auf. Naturwissenschaftliche Erörterungen samt Gensequenzanalysen, Landschaftsschilderungen und Arbeitsabläufe tragen ebenso wie Phantastisches aus Religion und Okkultismus zur Erfüllung der Erwartungen des gespannten Lesers unter dem etwas zweideutigen Buchtitel bei. Auch mit Satz und Schrift spielt sie. Soweit sie nicht zitiert, bedient sie sich ihrer bekannt ausdrucksstarken Sprache, z. B. wenn sie das Gesicht des aufgegabelten Johann als eines beschreibt, wie man es heute nicht mehr macht. An Deftigkeiten fehlt es ebenso nicht. Ab und zu ist man versucht diagonal zu lesen. Aber dann könnte man etwas verpassen, Johann Christian Reil und Otto von Guericke z. B. Zu den Sciencefiction-Romanen ist dieses bemerkenswerte Buch in seiner Erd- und Geschichtsgebundenheit sowie den literarischen Bezügen aber nicht zu zählen.
Zum Kern: Johann und Johanna loten in gegenseitiger Anerkennung ihre wissenschaftlichen Potenzen unter Nutzung alter und modernster Technik aus. Ihr gemeinsames Leben in Amerika und nach einer Flucht in der alpenländischen Villa der Protagonistin bilden den führenden Erzählstrang. Die Geschichte kulminiert in einer willkommenen Schwangerschaft, die ihr die konsultierte Ärztin trotz vorgewölbten Leibes nicht bestätigen möchte. Die Diagnose eines Gebärmutterkrebses ignoriert die junge Frau, tauft diese Frucht schon mal auf den Namen Beelzebub. Ihre eigene genetische Sequenzanalyse, das "Erbsenzählen", hatte ein vielfach erhöhtes Risiko für eine Demenzerkrankung ergeben. Die Schicksalsgemeinschaft des Paares endet im nahegelegenen Bergsee. Spielend und verliebt verlieren sie sich im Horizont des Wassers und der Handlung.

Das Buch atmet über weite Strecken den Geist der romantischen Märchen und spielt mit dem Teufel. Es vermittelt letztlich nicht, dass ein jahrhundertelanges Leben auch eine wünschenswerte Option sei. Es bemüht das Bild des hängengebliebenen Apfels vom vorigen Herbst zwischen den Blüten des neuen Frühlings.


F. T. A. Erle, Magdeburg