Eduard Kaeser – Trost der Langeweile
Rüegger Verlag Zürich/Chur 2014, ISBN 978-3-7253-1016-6, Klappenbroschur 21 x 14,5 cm, 132 S., € 22,40

Die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten.

Mediale Technologien bauen unseren Körper um, nicht nur das Gehirn! Eduard Kaeser, promovierter Philosoph, studierter Physiker, langzeitig praktizierender Gymnasiallehrer entdeckt in den digitalen Verfahren Einflüsse auf eine defizitäre Anthropologie. Er widmet sich in dieser Sammlung von neun Essays dem verblüffenden Thema der Langeweile. Im Gegensatz zum Buchtitel kann man jedoch an keiner Stelle aufkommende Langeweile verspüren. Das mag daran liegen, dass wir buchstäblich in Mediotope eingesponnen, also weitgehend selbst betroffen sind. Langeweile sei die Grundstimmung unserer post-industriellen Lebensformen, so der Autor. Sie sei wie der Dreck; man kann sie nicht abschaffen, sondern nur verschieben. Und darum bemühe sich eine gewaltige Unterhaltungsindustrie.

Was tut der Mensch, wenn er sich langweilt? Vieles, z. B. legt er Feuer an Häusern, schlägt einen ihm unbekannten Passanten zusammen, führt Buch über irgendeine abstruse Sammlung von Dingen oder er besucht einen Kongress, der erfüllt ist vom Geist der Langeweile. Schließlich stehen Probleme zur Lösung an, wie die des Boreout, das Ausgelangweiltsein. Fernweh z. B. erzeugt und vertreibt Langeweile in immerwährenden Zyklen, einer Tretmühle gleich. Dabei ist nicht das Fernweh das Problem, sondern die vorhandene Freizeit. Man kann auch der Dromomanie, der Bewegungssucht verfallen, der Begierde, nicht da zu sein wo man gerade ist. Die unaufhörliche Bekämpfung der Langeweile vermehrt sie geradezu durch ein Fernweh, das somit zum Wirtschaftsfaktor wird. Kaeser findet Parallelen bzw. Zusammenhänge zwischen dem Langeweiledefizitsyndrom (LDS) und dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) auf der Ebene der Dopaminproduktion. Dabei ist Aufmerksamkeit zum knappen Gut geworden, zum pädagogischen Schleifstein bürgerlicher Bildung und Disziplin. Im schulischen Unterricht erkennt er gerade eine Umkehr der Richtung derselben zwischen Lehrern und Schülern.

Ein Großteil der heutigen Wirtschaft wird von gelangweilten Konsumenten gefüttert, z. B. durch die allgegenwärtige, batteriegespeiste Kakophonie draußen und drinnen. Sie ist einerseits Zeichen der Flucht vor uns selbst und doch auch heimliche Komplizin des Glücks, Grundlage des Spiels und Zauberformel aller Kreativität. Neu und beängstigend ist das alles nicht, neu sind nur die digitalen Technologien, die eine nicht ganz geheuer scheinende Alltäglichkeit erzeugen. Was ist, erhält seine Würde durch das, was sein könnte. Aber, das being unconnected oder die disconnectivity anxiety wird zur Ursache der grassierenden Inkontinenz der elektronischen Kommunikation. Menschen haben eben den mehr oder weniger starken Drang, jemand zu sein, als Person wahrgenommen zu werden.
Das Netz vergisst nicht. Nur die Reichen können es sich leisten offline zu sein. Die vom User losgelassenen Informationen führen zum totalen Recall, zur unerträglichen Leichtigkeit des Erinnerns. Sie ritzen sich in die digitale Haut wie ein Tattoo – aus dem Nutzer wird ein Benutzter. Vergessen leicht und Erinnern aufwändig – das war einmal. Das Vergessen würde Platz im Kopf schaffen, eine geradezu hohe Gottesgabe. So aber bleibt der Nutzer ein Gefangener der Vergangenheit mit der Last des Nichtvergessens.

Ein längerer Abschnitt des Buches ist in diesem Zusammenhang dem Lesen und Schreiben, dem analogen und dem digitalen gewidmet, beides Kultur- und Körpertechniken. Der früheren Prophezeiung, der physische bzw. haptische Teil der beiden würde unter dem Druck der digitalen Techniken verschwinden, ist nicht eingetreten. Sie wirken bei aller Unterschiedlichkeit zusammen, die Hand und das Hirn, das Ding und das Zeug.

Das freundlich in der Hand liegende Buch ist in Gestaltung und Inhalt einfach sympathisch. Der Stoff ist gut portioniert. Man begegnet sich über Strecken selbst bei der Lektüre. Es kann sehr zum Lesen und Schenken empfohlen werden, Fingerspitzengefühl vorausgesetzt.

F. T. A. Erle, Magdeburg