Paul Bosse 1881 – 1947
Paul Bosse 1881 – 1947

Am 5. März jährt sich zum 70. Mal der Todestag von Paul Bosse, Chirurg, Gynäkologe und Geburtshelfer aus Wittenberg.

Vielen Wittenbergern ist der Name Bosse noch im Zusammenhang mit der ehemaligen Entbindungsklinik in der Heubnerstraße oder dem Reinsdorfer WASAG-Sprengstoffunglück bekannt.
Wer war Paul Bosse?

Julius Paul Bosse wird am 8. März 1881 in Wittenberg als 3. Sohn des Kaufmanns und Stadtrates Julius Bosse geboren. Er studiert Medizin in Genf, Paris, Berlin und Freiburg i. Br., dort promoviert er 1904 „zur Erlangung der Doktorwürde in der Medicin, Chirurgie und Geburtshilfe“ mit dem Thema „Über interstitielle Gravidität“.
Er lässt sich in Wittenberg als praktischer Arzt nieder und heiratet 1906 Käte Ledien, die aus einer angesehenen Wittenberger Rechtsanwaltsfamilie stammt. Diese Familie war im 19. Jahrhundert vom jüdischen zum christlichen Glauben übergetreten, der Name änderte sich von Levin in Ledien.

Seit 1907 ist Paul Bosse im 1883 gegründeten Paul-Gerhardt-Stift als Arzt tätig und konzipiert mit dem damaligen Chefarzt Erwin Wachs das neue, 1910 errichtete Krankenhaus in der heutigen Paul-Gerhardt-Straße. Er baut es in den Folgejahren zu einem modernen Provinzkrankenhaus aus. Nach Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg leitet er ab 1915 die „Äußere Abteilung“ des Krankenhauses (Chirurgie, später auch die Gynäkologie und Geburtshilfe).

Nachbildung der Blinddarmklemme  Foto: Hr. PD Dr. med. Wilfrid Seifart
Nachbildung der Blinddarmklemme Foto: Hr. PD Dr. med. Wilfrid Seifart

Früh zeigt sich Bosses wissenschaftliches Interesse. Er bearbeitet anästhesiologische Themen (Arbeiten zur Lumbalanästhesie 1906 und 1907, „Über intravenöse Pernoctonnarkose“ 1928), ist aber auch Erfinder und Kon-strukteur. So ist seine Entwicklung einer speziellen Blinddarmklemme sehr interessant, die über einen dosierten Druck der gebogenen Branchen das Abrutschen des Wurmfortsatzes bei der intraperitonealen Appendektomie auch bei „ungenügender Assistenz (!)“ vermeiden soll (1).
Über seine Erfahrungen in der Anwendung von Sulfonamiden berichtet er erstmals 1931, später veröffentlicht er gemeinsam mit Karl-Heinz Jäger und seinem Sohn Günther ein vielbeachtetes Buch über „Die örtliche Sulfonamidtherapie“ (2). Nobelpreisträger Gerhard Domagk würdigt in seiner Enzyklopädie 1947 die wissenschaftliche Arbeit Bosses auf diesem Gebiet, ja, er bezeichnet ihn gemeinsam mit seinen Mitautoren gar als Erstanwender von lokal wirkenden Sulfonamiden
(z. B. bei Mastitiden) (3).

Am 13. Juni 1935 kommt es in den Reinsdorfer WASAG-Sprengstoffwerken nahe Wittenberg zur Explosion der gesamten Toluolanlage, erstbehandelndes Krankenhaus ist das Paul-Gerhardt-Stift. Hier organisiert Paul Bosse – z. T. bereits Prinzipien der heutigen Triagierung von Verletzten anwendend – die Aufnahme und Behandlung von 300 Verletzten (davon 90 Schwerverletzte) innerhalb von 4 Stunden. Wie er in einem Artikel in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (4) später berichtet, sind nach 24h alle Verletzten endgültig statistisch erfasst, operiert und versorgt! Um alle Verletzten im vollbelegten Krankenhaus behandeln zu können, werden die bereits stationären Patienten in umliegende Privathäuser verlegt. Bosse berichtet im Artikel u. a. von sehr guten Erfolgen der Wundbehandlung mit Lebertransalbe, ein interessanter, heute eher nicht mehr üblicher Behandlungsansatz.

Bosses sehr gute Arbeit wird in der lokalen und überregionalen Politik im Deutschen Reich sehr beachtet. Seine Hoffnung, mit Unterstützung der Nazis eine bereits zuvor ausgesprochene Kündigung als Chefarzt rückgängig machen zu können, zerschlägt sich jedoch, er muss Ende 1935 das Paul-Gerhardt-Stift verlassen.

Bosse eröffnet daraufhin am 1.1.1936 eine auf Geburtshilfe spezialisierte Privatklinik in seinem Haus in der nahen Heubnerstraße, die großen Zuspruch bei der Bevölkerung findet.

Die Familie Bosse ist seit 1933 antisemitischer Verfolgung ausgesetzt, sie muss unter Berufsverboten, -behinderungen und Schikanen leiden. 1944 kommt es zur Verhaftung der Familie und Beschlagnahme der Klinik. Paul Bosse muss ab November 1944 als Arzt in einem Zwangslager arbeiten. Käte Bosse wird in das KZ Ravensbrück deportiert und kommt dort im Dezember 1944 ums Leben.

Von diesem Schicksalsschlag erholt sich Paul Bosse nicht mehr, er kehrt im Dezember 1945 nach Wittenberg zurück und stirbt am 5. März 1947 kurz vor Vollendung seines 66. Lebensjahres an den Folgen eines Herzinfarktes. Paul Bosse ist auf dem Friedhof seiner Heimatstadt in der Dresdener Straße begraben.

In der Bosse-Klinik werden noch bis zum Jahr 1996 Kinder entbunden.
Der Name Bosse lebt in Wittenberg weiter! Neben der Fachklinik für Neurologie und Psychiatrie (Klinik Bosse) wurde zu Ehren von Käte und Paul Bosse am 16.12.16 die Heubnerstraße, in der sich sein Haus und die Entbindungsklinik befanden, in Bossestraße umbenannt.

Literatur beim Verfasser

Korrespondenzanschrift:
Dr. med. Stephan David
Ärztlicher Direktor
Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie
Ev. Krankenhaus Paul-Gerhardt-Stift
Paul-Gerhardt-Straße 42-45
06886 Lutherstadt Wittenberg