Alfred Grosser - Le MenschDie Ethik der Identitäten

Dietz Verlag, 2. Auflage Berlin 2017, ISBN 978-3-8012-0499--0, gebunden im
Oktavformat, mit Schutzumschlag, 282 Seiten, 24,90 €

Warum nicht „Der Mensch“? fragt man sich bei der Wahrnehmung des etwas befremdlichen, gar nicht unsympathischen Buchtitels auf der Frontseite dieser Neuauflage. Und schon ist Neugier geweckt. Sicher war dies eine Absicht des Autors, eines französischen Intellektuellen, Soziologen, Politologen, Familienoberhauptes mit deutscher Vergangenheit und jüdischer Herkunft incl. Schicksal. Man kennt seine etwas listig-verschmitzten Züge aus zahlreichen öffentlichen Auftritten, häufig streitbar, nicht selten umstritten. Sein Vater war Kinderarzt, Sozialdemokrat und Freimaurer. Er selbst bekennt sich zum Atheismus, dem Christentum nahe stehend. Seine Frau, mit der er nach eigener Einschätzung nach einem halben Jahrhundert Ehe immer noch im Honigmond lebe, ist gläubige Katholikin. Wenn sich also jemand der zahlreichen Identitäten seiner Lebenswelt bewusst ist, so Alfred Grosser. Er weiß, dass er als Fahrradfahrer ein anderer ist als der Autolenker in gleicher Person. Zu seinen Identitäten zählt er, nie eine demagogische Rede zu halten, sich nicht an die Instinkte seiner Zuhörer zu wenden und nur der Vernunft verpflichtet zu sein. Er benutzt den Terminus „mein Vaterland“ ohne Scheu für Frankreich, der in Frankfurt a. Main Geborene. Seine Biografie liefert die Logik für eine solche Liebe.

Das vorgelegte Buch besteht nach einer kurzen Einleitung aus sechs themenorientierten Kapiteln, einer Schlussbetrachtung und einem umfangreichen Register zitierter, begegneter oder anderweitig zum Stoff gehörender Personen von Kaiser Valentian II. bis Präsident Donald Trump. Überhaupt verarbeitet er noch die Ereignisse von eben, mehr aber die aus der Mitte seines bisher 92-jährigen Lebens. Unter Identität versteht er vor allem die gesellschaftliche Zugehörigkeit des Menschen. Und so beginnt er in seiner Einleitung mit der Feststellung, dass er ein Mann und keine Frau sei. Er wird es wissen!

Er entwickelt dann den Fortgang seiner Darstellungen, in einem beachtlichen Maße Selbstdarstellungen, unter den Kapitelüberschriften: Der Finger und das schlimme „Die“; Geschichte und Erinnerung; Politik; Europa ohne und mit Flüchtlingen; Gesellschaft; Identitäten der Religionen. Es folgt eine Schlussbetrachtung unter der Überschrift: Das Menschwerden inmitten der Verzweiflung am Weltgeschehen: Pessimistische Zuversicht.

Seine Ansichten zu manchen Fragen sind mitunter irritierend oder gegenläufig zur öffentlichen Meinung. So unterscheidet er z. B. die Identität von SS und von Waffen-SS im Zusammenhang mit dem späten Outing des Günther Grass. Manchmal argumentiert er in diesem Zusammenhang etwas schräg, wenn er nicht die Deutschen sondern die Preußen in die Verantwortung als Erben von Goethe und Auschwitz nimmt. Interessant auch die Relativierung des von Beate Klarsfeld geohrfeigten Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger als „alten Nazi“. Ein veränderter Blickwinkel von außen scheint manchmal schon Aufschlüsse zu zeitigen, die sich Betroffene oder sich schuldig Fühlende nicht von sich aus zutrauen. Für den an Politik und Geschichte interessierten Leser sind Grossers Gedankengänge und Spurensuchen einfach mitnehmend. Le Mensch ist immer dabei. Manchmal liegt er aber faktisch etwas daneben: So behauptet er schlicht, die prominente Journalistin Lea Rosh sei keine Jüdin. Der Faktencheck für die Rezension ergibt aber, dass eine ihrer Großmütter schon Jüdin gewesen sei. Oder er verpasst ganz beiläufig der Potsdamer Universität je eine Katholische und eine Protestantische Fakultät, die es aber dort nicht gibt. Selbst die von ihm angeblich mit geschaffene Jüdische Fakultät kam nicht über den Willen zu ihrer Einrichtung hinaus. Es reichte lediglich zur Installation eines Instituts für Jüdische Studien an der Philosophischen Fakultät, auch ein Erfolg für beide, die jüdische Kultur und die preußische Universität.

Qualitative Unschärfen im Lesestoff stellen sich auch in der unübersehbaren Häufigkeit grammatikalischer Fehler dar, sicher verursacht durch Textkorrekturen ohne Gegenkontrollen, eine Folge des flüchtigen digitalen Schreibens. So etwas stört natürlich am ehesten den lesenden Preußen! Der Gewinn durch die Lektüre des Inhalts überwiegt angesichts solcher Marginalien, z. B. wenn man aus betroffenem Munde erfährt, dass Protest und Intervention der Niederländischen Bischöfe gegen die Deportation der Juden letztere nur noch verstärkte. Interessant auch die Stellungnahme des Autors zu den Medien – und zu Demoskopien, die offensichtlich mehr und mehr zu Medien mutieren.

Alfred Grosser ist auf Grund seiner Vita von Jugend an ein kreativer Mittler zwischen Franzosen und Deutschen und auch ein Verteidiger der europäischen Einigung samt ihrer Institutionen. Er geht der Frage „Wann ist das Boot voll?“ nicht aus dem Wege und weiß zwischen unten und oben zu unterscheiden! „To big to jail“ (zu groß um in den Knast zu kommen), ist eine seiner herangezogenen verblüffenden Formulierungen aus der gesellschaftlichen Realität. Er nennt Donald Trump den Weltrekordler der Lügner und weiß, dass Wladimir Putin die EU und die NATO zum Grund aller Übel erkoren hat. Anfangs störend, mit der Zeit aber gewöhnbar ist sein Hang, sich mit eigenen Zitaten einzurahmen und Elogen über sich sprechen zu lassen. Aber er bewundert auch ehrlich z. B. die Franckeschen Stiftungen in Halle. Es nervt ihn, dass bezüglich des Staates Israel in Deutschland ein vorauseilender Gehorsam zu bemerken sei aus Furcht vor der „Keule Antisemitismus“. Er sieht auch wohl, dass sich in Polen, Ungarn und der Türkei neue Diktaturen etablieren und postuliert, dass das Wissen um die Gesellschaft zur Kultur des Menschen gehören sollte.

Was aber nun die Ethik der Identitäten ist, das erfährt man erst nach dem Zuklappen des Buches, beim Reflektieren desselben. Mit den Identitären wird es wohl kaum etwas zu tun haben. „Le Mensch“ – Mensch sein, liest sich gut!

F. T. A. Erle, Magdeburg