Peter Waldmann Der konservative Impuls"The past is never dead. It is not even past". (Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen). Mit diesem Ausspruch William Faulkners überschreibt der Autor sein Buch. Für einen mit der Geschichte arbeitenden Schriftsteller ist das ein ziemlich passendes Zitat. Der eigentliche Buchtitel offenbart in sich eine gewisse Spannung. Steht doch der Begriff des Konservativen gemeinhin für das Festhalten an Bewährtem, an der Tradition, mit der Versuchung zur schönenden Rückschau. Unter dem Begriff des Impulses dagegen versteht man mehr den Anstoß, die Anregung – Vokabeln des Fortschritts. Der Wandel und die Verlusterfahrung aus dem Untertitel verstärken das Spannungsgefühl noch.

Nach seinem aktiven Schaffen in der soziologischen Forschung mit einem gewissen Fokus auf Gewalt und Terrorismus und nach dem Ausscheiden aus den universitären Verpflichtungen ist Waldmann der Wissenschaft treu geblieben, insbesondere auf dem Feld der Entwicklungs- und Modernisierungstheorien. Er kann auf einen reichen Fundus eigener Untersuchungen zurückgreifen. In der vorgelegten Monografie geht er u. a. auf die Umbrüche im Spanien der 30er Jahre mit nachfolgender Franco-Diktatur, auf die Entwicklung in Perons Argentinien, die Gründe für den baskischen Separatismus, die foudroyante Industrialisierung Südkoreas nach Ende der japanischen Okkupation und Krieg sowie auf die Probleme mit der islamischen Migration in Europa ein. Klammer für dieses breit gefächerte Untersuchungsspektrum ist die These: Ein radikaler sozioökonomischer Wandel führt zur ambivalenten Reaktion des konservativen Impulses, der die weitere Entwicklung bremsen, fördern oder auch voraussetzen kann. Das Beharren auf traditionellen Lebensformen muss in der Situation des radikalen Umbruchs nicht nachteilig wirken. Es kann Impulse zur Überwindung des gefährdenden Zustandes erzeugen. Diesem Phänomen und seinen Bedingungen ist das Buch gewidmet mit höchst interessanten und z. T. überraschenden Einblicken. In solcher Situation trifft der Beifall breiter Bevölkerungskreise meist auf den Widerstand von Gruppen, die sich als künftige Modernisierungsverlierer sehen. Die Gesellschaft spaltet sich in gegensätzliche Lager auf, in die Festhalter und die Fortschrittlichen. Das gilt für die individuelle Situation Einzelner in gleicher Weise wie für Familien, Gruppen und ganze Gesellschaften. Wie soll diese Konfrontation kompensiert werden?

Am besten verständlich lässt sich der Vorgang am Todesfall einer nahestehenden Person darstellen. Der rapide Wandel für den Hinterbliebenen ist offensichtlich. Die einsetzende Trauer als Reaktion auf das abrupte Ereignis mit Formen der Depression, Angst, Einsamkeit und Schuldgefühlen bis zur Aggressivität muss anerkannt werden. Sie stellt den Hinterbliebenen in mehrfacher Hinsicht in Frage. Diese Trauerreaktion ist ein ausgesprochenes Kulturphänomen, geradezu eine der Voraussetzungen für Kultur. Der konservative Impuls ermöglicht das Abfinden mit dem Verlust, nicht seine Verdrängung.

Waldmann wendet seine Theorie logischerweise auf weitere Situationen sozialen Verhaltens an, darunter auf den immer aktuellen Komplex von Migration mit Exil und Diaspora. Im Exil ist der Migrant, solange er nicht wahrnehmen kann oder will, dass das Leben in der Fremde mit der Illusion der Heimkehr verknüpft ist. Der konservative Impuls lässt die Migranten in der Annahme eines Provisoriums schuften, sparen und sammeln. Die meisten von ihnen bleiben dann aber und zeugen weitere Generationen in den Zustand der Diaspora, in der die Nachkommenden nicht mehr wissen, wohin sie gehören. Ihre traditionelle Verwurzelung im Islam führt bei den Alten zu einer Renaissance desselben, dessen Impulse stärker sind als die überkommenen aus Vater- und Mutterland. Der Weg der Jungen in den Fundamentalismus ist dann nachvollziehbar. Allein schon dieses Textanteils wegen ist die Lektüre des Buches zu empfehlen. Aber auch die anderen, aus der neueren und neuesten Historie analysierten Beispiele werden unter dem Blickwinkel des konservativen Impulses zu aufschlussreichen Vorgängen für den an Zeitgeschichte interessierten Leser. Es werden mit der Schrift nicht nur historische Fakten vermittelt. Es wird ein Denken angeboten, das mit Nutzen auch auf die sich täglich generierende Geschichte anwendbar ist.

Die Texte sind jedoch nicht flüssig lesbar. Dafür ist der Autor zu sehr seinem wissenschaftlichen Stil verpflichtet. Die von ihm fast poetisch als Schaubilder bezeichneten Zeichnungen entpuppen sich als sachliche, trockene Grafiken. Etwas kritisch anzumerken wäre, dass Deutschland bei ihm nur eine westliche Geschichte gehabt zu haben scheint. Dabei trifft die Sinnfälligkeit der Anwendungsmöglichkeit des konservativen Impulses auf den radikalen Wandel der politischen Wende von 1989 unübersehbar zu. Aber, die Vergangenheit ist ja noch nicht vorbei und bietet weitere Forschungsansätze unter dem Aspekt des konservativen Impulses. Das Buch lehrt Denken, nicht nur in soziologischen Kategorien.

| F.T.A. Erle, Magdeburg