Maja Lunde: Die Geschichte der BienenRoman, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
btb Verlagsgruppe Random House, München 2017, 6. Auflage, ISBN 978-3-442-75684-1,
gebunden mit Schutzumschlag, Oktavformat, 508 Seiten, 20,- €

Ein trockener sachlicher Titel und das irritierende Bild auf dem Umschlag, das eine offensichtlich tote Honigbiene mit kaputtem Flügel zeigt, fängt den Blick des Betrachters. Maja Lunde, bisher als Drehbuchautorin und Schriftstellerin für Kinder- und Jugendliteratur bekannt, legt hier ihren ersten Roman vor. Der Titel des Buches tut so, als ob es umfassend über den historischen Weg dieser uns mehr oder weniger vertrauten geflügelten Art und ihren Platz in unserer Kultur informieren wollte. Aber das in einem Roman?

Maja Lundes Buch erzählt von der intensiven Beschäftigung von Menschen mit Honigbienen und ihrer Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft. Man sollte deshalb wohl ein Sachbuch erwarten. In der Tat spielen Sachinformationen darin eine stützende Rolle. Aber es ist mehr. Es ist die Erzählung von drei Menschenschicksalen in Zusammenhang mit Bienen in unterschiedlichen geografischen Regionen und historischen Epochen. Die Protagonisten treten als Ich-Erzähler unter ihrem Vornamen auf, der jede der Buchseiten mit einer Art Unterschrift markiert. Kapitelüberschriften gibt es sonst nicht. Ihre Geschichten erzählen sie in jeweils relativ kurzen Abschnitten, die in lockerer Folge einander abwechseln und so miteinander chronologisch vermischt werden. An diese Art der Darbietung des Stoffs muss sich der Leser erst einmal gewöhnen, mag aber bald deren Kurzweiligkeit zu schätzen wissen.

Da ist Mitte des 19. Jahrhunderts der Bienen-Biologe und Händler William in England, gesegnet mit sieben Töchtern, einem Sohn und einer ihm fremd gewordenen Ehefrau. In der Forschung ist er gescheitert. Ein scheinbarer Durchbruch mit der Konstruktion eines neuartigen und sehr praktischen Bienenstocks kommt zu spät. Die Konkurrenz von Übersee ist schneller. Sein Hoffnungsträger, Sohn Edmund, versinkt im Alkohol.

Da ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Imker George in Ohio, der aus Tradition und mit rein ökonomischer Intention eine mittelgroße Bienenwirtschaft mit 324 Völkern führt und auf die Vergrößerung seines Betriebes hart hinarbeitet. Sein einziger Sohn, Erbe und ebenfalls Hoffnungsträger, mit dem er nur unter ständiger Spannung auf Distanz kommuniziert, mag diesen geplanten Weg nicht mitgehen – eine große Enttäuschung. Und dann kommt die Katastrophe über George. Die Bienen verschwinden, die Stöcke bleiben leer. Das große Bienensterben hält Einzug. Seine wirtschaftliche Existenzgrundlage verflüchtigt sich.

Und schließlich ist da noch Ende des 21. Jahrhunderts die wissenschaftlich interessierte, jedoch zur kollektiven körperlichen Arbeit verdammte junge Chinesin Tao samt kleiner Familie in der südchinesischen Provinz Sichuan. Sie muss täglich unter Aufsicht in die Bäume einer riesigen Obstplantage steigen und deren Blüten manuell im Akkord bestäuben. Die Bienen, die das früher einmal getan haben sollen, gibt es schon lange nicht mehr. Auf einem verbotenen Familienausflug ins Grüne erleidet ihr dreijähriger Sohn einen anaphylaktischen Schock und wird von staatlichen Organen nach unbekannt abtransportiert. Später stellt sich heraus, dass ein Bienenstich Auslöser dieser fatalen Reaktion war. Sie findet ihren kleinen Jungen nach abenteuerlicher Suche im dahinsiechenden Peking wieder, jedoch nicht mehr am Leben. Auch er war ein Hoffnungsträger.

Die drei Erzähler gestalten jeder für sich ein Stück Geschichte des Umgangs der Menschen mit den Bienen, den zwischenzeitlich sehr wichtigen Nutztieren. Im Verlaufe des beschriebenen großen Zeitraumes wandelt sich ihr Wert vom Honigproduzenten zu ausschwärmenden Befruchtern in den riesigen Kulturen der Erzeugung von Obst und anderen Früchten, deren Ertrag von der Blütenbestäubung abhängig ist. Der Honig spielt für den Menschen nur mehr eine nachgeordnete Rolle. Den Profit erreichen die Halter durch das Wandern mit tausenden Bienenkästen, immer der Blüte nach, der pure Stress für Bienen und Züchter. Es besteht eine Abhängigkeit von Wetterextremen, Schädlingsbefall, Insektiziden, Genmanipulation und anderen Risiken an Nutzpflanzen. Hinzu kommt der Konkurrenzkampf der Unternehmer.


Das alles und die zwischenmenschlichen Beziehungen der handelnden Personen malen so gar nicht märchenhafte Bilder dieser Majabienen-Geschichten. Im Roman sind es die sehr realistischen Beschreibungen des Lebens einer armen kinderreichen akademischen Imkerfamilie, eines modernen Kampfes um Bestehen im sich wandelnden Markt und der Zukunftsaussichten einer Gesellschaft nach globalem Sterben einer ganzen kleinen Art. Im Fortgang der Romanerzählung wird klar, wie auch hier alles mit allem zusammenhängt, so etwas überraschend auch der Lebensweg der Protagonisten trotz zeitlicher und räumlicher Distanz. Dass es ausgerechnet der schwer getroffenen jungen Chinesin gelingt, ihre Geschichte mit Hoffnung zu versehen, wärmt den Leser. Und dass dabei, wohlgemerkt in unserer fernen Zukunft, dem gedruckten Buch die Rolle eines Hoffnungsträgers zukommt, soll als schöne Bestätigung für die Liebhaber dieser Form von Kulturvermittlung, also für Bücherfreunde, angemerkt werden. Ein Roman, der zum Nachlesen anregt!

F.T.A. Erle, Magdeburg