Ein gehäuftes Auftreten bestimmter Erkrankungen in der Familie Luther ist nicht überliefert. Von Martins 7 Geschwistern starben 3 im Kindesalter, darunter 2 Brüder 1505 an der Pest (13, 14). Er soll ein zarter, schwächlicher und krankheitsanfälliger Junge gewesen sein. Es wird vermutet, dass Luther während seiner Schulzeit in Magdeburg 1497 an Atemwegsentzündungen und Typhus erkrankt war (3. 10, 13).

1503 wurde der Student Martin Luther in der Nähe von Erfurt wahrscheinlich im Duell von seinem Kommilitonen Conradus Wigant durch einen Degenstich verletzt. Die zunächst stark blutende Wunde infizierte sich sekundär (14).

1505 brach Luther sein Jurastudium ab und wurde Mönch. Die bekannteste Erklärung hierfür ist Luthers angebliches Gewittererlebnis bei Stotternheim in der Nähe von Erfurt. Nach dieser Version gelobte er in ein Kloster einzutreten, wenn er das heftige Gewitter überleben würde. Ein anderer Grund könnte der natürliche oder durch Luther mitverschuldete Tod seines Kommilitonen Hieronymus Buntz gewesen sein. Einige Autoren sehen den Grund in einem seelischen Konflikt durch ein angebliches Liebesverhältnis Luthers zu einer verheirateten Frau. Es wird auch darüber gemutmaßt, dass Luther mit dem Klostereintritt einer Heirat mit der Tochter eines Mansfelder Hüttenmeisters aus dem Weg gehen wollte. Schließlich existiert auch eine medizinische Begründung, derzufolge das Gewittererlebnis als Halluzination und Teil der Aura eines epileptischen Anfalls angesehen wird, ähnlich der optischen Halluzination des Apostels Paulus auf seinem Weg nach Damaskus. Die Befürworter der Epilepsie-Hypothese verweisen darauf, dass es kurz nach Luthers Eintritt in das Kloster zu einem zweiten Krampfanfall gekommen sei. Er begann angeblich mit Luthers Ausruf „Ich bin’s nicht, ich bin’s nicht!“, der als Initialschrei eines epileptischen Grand-mal-Anfalls gedeutet wurde. Selbst wenn man in beiden Fällen Grand-mal-Anfälle unterstellt, reicht ihre Zahl nach heutiger Auffassung nicht für die Annahme einer Epilepsie aus. Differentialdiagnostisch wird das Geschehen retrospektiv als Synkope oder ein „psychogenes Angstsyndrom“ gedeutet (13, 14). Schließlich könnte es sich bei Luthers zweitem Anfall im Augustinerkloster um die Folge einer Exsikkose durch unzureichende Flüssigkeitsaufnahme gehandelt haben (6).

Forscher sehen den Hauptgrund für Luthers spätere Krankheiten in seinem 16-jährigen Klosterleben mit zahlreichen Entbehrungen und strapaziösen Exerzitien (1, 10). Er selbst hat den negativen Einfluss seines Lebens im Kloster auf seine Gesundheit mehrmals hervorgehoben (2, 3, 13).

1510 klagte Martin Luther auf einer Romreise über ein „allgemeines Unwohlsein“, das er auf den „Aer infectus“ der am Wege liegenden Sumpfgebiete zurückführte. Behandlungsversuche mit Granatäpfeln waren wirkungslos. Die Rückreise war durch „heftiges Kopfweh und Ohrensausen“ getrübt (14). Ab 1515 traten bei Martin Luther wiederholt Erschöpfungszustände auf, die durch Lehrverpflichtungen und selbstgewählte Überforderungen verstärkt wurden (3, 14). 1516 grassierte die Pest in Wittenberg. Sie verschonte Martin Luther und flößte ihm auch keine Furcht ein. Wie auch später, nahm er betroffene Familien von Freunden in seinem Haus auf. 1518 erkrankte Luther auf einer Fußreise zum Konvent der Augustiner in Heidelberg an einer nässenden Dermatose (Candidose? Ekzem?) der Genitoanalregion.

Bereits 1517 hatte sich mit Luthers ablehnender Haltung gegenüber dem Ablasshandel des Dominikanermönchs Johannes Tetzel eine Konfrontation mit der Romkirche angebahnt, die auf seiner Seite zunächst in der Formulierung von 95 lateinischen Thesen gegen Ablass und für Buße gipfelte. Die Thesen und Luthers reformerische Schriften begeisterten nicht nur seine Anhänger, sondern riefen auch seine Gegner bis hinauf zu Papst Leo X. und Kaiser Maximilian I. auf den Plan. Eine Vorladung nach Rom zum Verhör und zur Aburteilung konnte Luthers Landesfürst Friedrich III., der Weise, verhindern. Stattdessen kam es zur Vernehmung Luthers am 12. Oktober 1518 am Rande des Reichstages in Augsburg durch den päpstlichen Legaten Cajetan. Martin Luther lehnte den von Cajetan geforderten Widerruf seiner Thesen ab und floh.

Als Luther 1518 zu Fuß nach Augsburg aufgebrochen war, stellten sich unter dem Druck der zu erwartenden Unannehmlichkeiten Magenbeschwerden und ein Schwächegefühl ein, sodass er eine Kutsche mieten musste.

Luthers permanente Anspannung in dieser Zeit und die Leipziger Disputation mit Dr. Johannes Eck 1519, die den Bruch mit der Papstkirche besiegelte, erschöpften bis 1519 den Reformator zunehmend. Am 15.6.1520 erreichte Martin Luther die Bannandrohungsbulle aus Rom. Schließlich erfolgte durch die Bannbulle 1521 Luthers Exkommunikation. Kaiser Karl V. schickte Luther am 6.3.1521 die Vorladung zum Reichstag in Worms. Bis zum Reichstag in Worms 1521 waren Luthers gesundheitliche Probleme erträglich. Das änderte sich jetzt. Schon auf dem Hinweg zwang ihn eine „gählige und heftige Erkrankung“ (14) zu einer Zwangspause. Nach Aderlass und Heilwasseranwendung in Eisenach konnte Luther die Reise fortsetzen. Als er am 16.4.1521 in Begleitung von 100 Berittenen in Worms eintraf, wurde er von Obstipation und Herz-Kreislaufbeschwerden geplagt.

Am 17.4. zum Widerruf aufgefordert, bat Luther um einen Tag Bedenkzeit, was ausschließlich gesundheitliche Gründe gehabt habe. Es war die erste Situation, in der der Gesundheitszustand des Reformators auf sein Wirken durchschlug (3, 13, 14). Martin Luther war praktisch für vogelfrei erklärt worden. Bei der „gähligen“ Krankheit handelte es sich wahrscheinlich um den später, im Jahre 1912, von Ludwig Roemheld beschriebenen gastro-kardialen Symptomenkomplex (14). Luther hat bis an sein Lebensende daran gelitten. Der Erfolg der Aderlassbehandlung in Eisenach könnte ex juvantibus als Hinweis auf das Vorliegen einer arteriellen Hypertonie bei Luther gedeutet werden (14).

Bekanntlich wurde der Reformator auf dem Rückweg von Worms durch Beauftragte des Kurfürsten Friedrich des Weisen entführt und 10 Monate lang auf der Wartburg als „Junker Jörg“ versteckt. Hier übersetzte er das Neue Testament, litt aber unter der „Einöde“ und „Wüstenei“. Zweifel an seinem reformerischen Werk, das die jahrhundertealte Ordnung der Katholischen Kirche umstieß, überfielen ihn. Optische und akustische Halluzinationen ließen ihn Gespenster und den Teufel sehen, wie die Legende vom Wurf mit dem Tintenfaß versinnbildlicht (14).

Über seine Obstipation, die Hämorrhoiden und vermutliche Analfissuren schrieb Martin Luther am 12.5.1521 an Philipp Melanchthon: „Mein Stuhl ist so hart, dass ich gezwungen werde, ihn mit großer Kraft bis zum Schweißausbruch herauszustoßen. Je länger ich es aufschiebe, desto mehr verhärtet er sich. Gestern habe ich nach 4 Tagen einmal ausgeschieden, dadurch die ganze Nacht weder geschlafen, noch habe ich bis jetzt Ruhe. Bete – bitte – für mich. Denn dieses Übel wird unerträglich, wenn es so weitergeht, wie es angefangen hat.“

Luthers riskantes Vorhaben, von der Wartburg aus einen Arzt in Erfurt zu konsultieren, konnte durch die Übersendung von Medikamenten aus Wittenberg verhindert werden. Bewegungsmangel und ballaststoffarme hochkalorische Ernährung auf der Wartburg begünstigten Luthers Obstipation, Alkoholgenuss förderte das Hämorrhoidalleiden.

Luther sprach dem Bier und leichten Weinen zu (14). Sein Trinkverhalten, das damals nicht ungewöhnlich war, könnte man heute als Beta- bis Gammatrinken nach Jellinek einordnen. Kaiser Karl IV., der dafür bekannt war, dass er angeblich wenig trank, ließ sich mittags 3 Flaschen Wein schmecken und Kurfürst Joachim II. von Brandenburg trank 1 l Wein auf einen Zug aus (14). Luther meinte, man müsse einem jeden Land seine Gebrechen zugute halten: „Die Behmen fressen, die Wenden (Slawen) stelen, die Deutschen sauffen getrost (tüchtig).“

Martin Luther, der auf seinen guten Ruf bedacht war, fragte angeblich den Kardinal Vergerius, „ob es wahr sei, dass man in Rom gesagt habe, die Reformation sei im Rausch erzeugt und das Werk eines besoffenen Deutschen“ (14).

Fortsetzung in Heft 11/2017

Korrespondenzanschrift:
Prof. Dr. med. habil. Hans-Dieter Göring
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie/
Immunologisches Zentrum des Städtischen Klinikums Dessau
Auenweg 38, 06847 Dessau-Roßlau

Literatur:

  1. Ebstein, W.: Dr. Martin Luthers Krankheiten und deren Einfluß auf seinen körperlichen und geisitigen Zustand. Stuttgart, 1908.
  2. Emme, D.: Martin Luther. Seine Jugend- und Studentenzeit 1483-1505. 4. Aufl., Regensburg, 1986.
  3. Erben, N.: Leben und Werk Martin Luthers aus medizinischer Sicht – ein Interpretationsversuch. Rostock: Med. Diss. 1987.
  4. Erikson, E. H.: Der junge Martin Luther. Frankfurt/M., 1975.
  5. Feldmann, H.: Martin Luthers Anfallsleiden. Sudhoffs Arch. 73 (1989) 26-44.
  6. Gaude, W.: Zur Krankengeschichte Martin Luthers. In: Beiträge zhur Geschichtge der Universität Erfurt (1392-1816). Heft 19 (1979-1983), 113-163.
  7. Grossmann, E.: Beitrag zur psychologischen Analyse der Persönlichkeit Dr. Martin Luthers. Monatsschr. Psychiatr. Neurol. 132 (1956), 274-290.
  8. Kawerau, G.: Etwas vom kranken Luther. Dtsch. evangel. Bl. gesamten Bereich dtsch. Protestantismus 24 (1904) 303-316.
  9. Kowa, G.: War Luther hier? Mitteldeutsche Zeitung. 15.4.2016.
  10. Küchenmeister, F.: Martin Luthers Krankengeschichte. Leipzig, 1881.
  11. Mock, A.: Abschied von Luther. Psychologische und theologische Reflexionen zum Lutherjahr. 2. Köln, 1985.
  12. Möbius, P. J.: Ein Grundproblem aus Luthers Seelenleben. Kölner Volkszeitung Nr. 40, 1905. Schmidts Jahrbuch Ges. Med. 288 (1905), 264.
  13. Neumann, J.-J.: Der kranke Luther. Z. klin. Med. 41 (1986) 939-942.
  14. Neumann, J. J.: Luthers Leiden. Die Krankengeschichte des Reformators. Berlin: Wichern-Verlag, 1995.
  15. Reiter, P. J.: Martin Luthers Umwelt. Charakter und Psychose II. Luthers Persönlichkeit, Seelenleben und Krankheiten. Kopenhagen, 1941.