Von der Poststation zur Heilanstalt

Unweit der Autobahnausfahrt Halle/Brehna steigt ganz unvermittelt der Landsberg aus der Ebene auf, ein mächtiger Felsen, der von einer romanischen Doppelkapelle gekrönt wird. Nördlich davon liegt, umrahmt von einem Park voller prächtiger alter Gehölze „Carlsfeld“, ein Kliniks-Komplex mit wechselhafter Vergangenheit. Seine Geschichte ist gemessen an dem Alter der Kapelle aus der Zeit der Staufer-Kaiser relativ kurz und dennoch von besonderem Interesse. Die Einrichtung wurde am Beginn des 19. Jahrhunderts als Poststation begründet, der ein Justizrat Carl Vogel einen Gasthof mit Fremdenzimmern und Ausspanne anfügte. Nachdem die Eisenbahn die Postkutsche verdrängt hatte, wurde das Anwesen in eine Darre für die als Kaffee-Ersatz und Heilpflanze dienende Zichorie verwandelt. Ein Dr. Niemeyer kaufte das Grundstück 1862 um eine Heilstätte für Geisteskranke zu errichten. Das Vorhaben konnte jedoch erst Dr. Heinrich Böttger verwirklichen, der das Areal nach Niemeyers frühem Tod 1867 von dessen Witwe erwarb.

Sein Nachfolger, Dr. med. Georg Conrad Benno, verkaufte die „Privatheilanstalt“ 1896 an Dr. med. Alexander Schmidt. Dem vermögenden Manne ging der Ruf eines tüchtigen Arztes voraus, der sich um Weiterbildung und kollegialen Austausch bemühte. Deshalb trat er schon bald der Vereinigung mitteldeutscher Psychiater und Neurologen bei, die mehrfach in Halle/S. tagte. Ihr gehörten unter anderem der bedeutende Jenenser Psychiater Prof. Otto Binswanger (1852-1929) und Dr. Arthur Tecklenburg (1870-1957) an, der die Heil- und Pflegeanstalt Schloss Tannenfeld/Löbichau im Altenburger Land leitete. Sowohl Dr. Schmidt, als auch die zuletzt genannten Ärzte beeinflussten das spätere Schicksal Hans Falladas (1893-1947) in besonderer Weise. Bis zur Aufnahme des Schriftstellers in die private Heilanstalt Carlsfeld vergingen jedoch noch ereignisreiche Jahrzehnte, in denen sich die Klinik zu einer „gesuchten Adresse“ für die psychisch- und suchtkranken Patienten der Oberschicht des deutschen Kaiserreichs und darüber hinaus entwickelte, die hier diskret behandelt wurden. Zu ihnen gehörte der Architekt und Architekturtheoretiker Carl Schäfer (1844-1908), der unter anderem die Türme des Meißener Domes vollendete, den Friedrichsbau des Heidelberger Schlosses rekonstruierte und die Merseburger Domküsterei entwarf. Er starb hier im Jahre 1908 an den Folgen seines Nervenleidens.

Die Jugend und die frühen Probleme des Rudolf Ditzen – Hans Fallada

Zu diesem Zeitpunkt besuchte Rudolf Wilhelm Ditzen (1893-1947), der später den Künstlernamen Hans Fallada annahm, noch ein Gymnasium in Berlin -Charlottenburg. Im Jahre 1909 zog die Familie jedoch nach Leipzig. Denn der Vater, der Jurist Wilhelm Ditzen (1852-1937), war zum Reichsgerichtsrat ernannt worden. Hier erlitt Rudolf im Jahre 1911 einen Fahrradunfall, bei dem ein „Magenriss“ und eine schwere Hirnerschütterung auftraten. Danach plagten ihn ständige zum Teil heftige Kopfschmerzen. Daneben machten sich psychische Auffälligkeiten bemerkbar, die freilich zum Teil der Familienstruktur geschuldet sein mochten. Denn der Vater wird als übergenaue akzentuierte Persönlichkeit geschildert, während die Mutter, Elisabeth Ditzen (1868-1951), an depressiven Verstimmungen, „Hysterie“ und psychosomatischen Beschwerden litt. Nachdem sich bei Rudolf Ditzen suizidale Tendenzen bemerkbar machten, schickten die Eltern ihn im Frühjahr 1911 zunächst in das Sanatorium „Schloss Harth“ in Bad Berka und gaben ihn danach dem Rudolstädter Superintendenten in Pension. Während dieser Zeit unternahm er mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker (1894-1911) einen gemeinschaftlichen als Duell getarnten Selbstmordversuch, bei dem er den Freund tödlich traf und sich selbst schwer verletzte. Als Motivation diente beiden ein abgewandeltes und missverstandenes Nietzsche-Zitat aus dem „Zaratustra“. Das darauf folgende Gerichtsverfahren wurde nach dem Gutachten des Jenenser Prof. Otto Binswanger niedergeschlagen, der ihm eine beschränkte Schuldfähigkeit zubilligte. Der namhafte Psychiater und Neurologe hatte schon Friedrich Nietzsche (1844-1900) behandelt und befreite 1918 Johannes R. Becher (1891-1958) durch „kalten Entzug“ von seiner schweren Morphiumsucht. Nach seinem längeren Aufenthalt in der Jenenser Universitätsklinik wurde Rudolf Ditzen im Sanatorium Tannenfeld weiterbehandelt und durchlief danach eine Ausbildung in der Landwirtschaft.

Eine problematische Liebe und das Abgleiten in die Morphiumsucht

Da er vom Wehrdienst freigestellt wurde, arbeitete er während des 1. Weltkrieges zunächst als Gutsangestellter in Hinterpommern, dann als Assistent in der Landwirtschaftskammer Stettin und schließlich in der Kartoffelbaugesellschaft Berlin, wo er 1917 die fast 9 Jahre ältere verheiratete Anne Marie Seyerlein (1885-1971) kennenlernte. Zwischen beiden entwickelte sich ein wechselvolles, von seinen erotischen und regressiven Wünschen gleichermaßen bestimmtes Verhältnis. Seine zum Teil sehr intimen Briefe unterzeichnete er in ständigem Stimmungswechsel als „Dein Du“, „Dein“ und „Dein Junge“, und häufig R. D. (Rudolf Ditzen). Heißt es an einer Stelle noch „Ich bin zurückgekrochen in Dich, in Deinem Bauche liegend, hast Du mich mit Deinem Herzblut genährt“, so schreibt er am 4. Juli 1917: „Ich bin nicht der, den Du liebst.“ Am 1. Juli 1917 hatte er sich selbst schon als eine „Laus mit Erbkrankheiten“ bezeichnet. Die Freundin hoffte wohl Reifungsprozesse anzustoßen, indem sie ihn anregte, seine Erlebnisse aufzuschreiben und sie zu einem Roman zu verarbeiten, der im Jahre 1920 unter dem Titel „Der junge Herr Goedeschal“ erschien. Dennoch verfiel er zunehmend der Morphiumsucht, die er später psychologisch überaus genau in seiner Erzählung „Sachlicher Bericht über das Glück ein Morphinist zu sein“ beschrieben hat.

Nach dem 1. Weltkrieg nahm die Zahl der Drogensüchtigen ungewöhnlich zu, denn in den Lazaretten war von den suchtauslösenden Drogen reichlich Gebrauch gemacht worden. Und nach Kriegsende wurde ein erheblicher Teil der Heeresbestände dieser Schmerzmittel auf dem Schwarzmarkt verkauft. Einen Begriff von den Größenordnungen, um die es hier ging, gewinnt man aus den Daten der Jahresproduktion dieser Drogen, die für das Morphium mit 12.000 Kg und das Kokain mit 9.000 Kg angegeben wird. So gelangte der Schriftsteller relativ leicht an das Rauschgift.

Die Suchtbehandlung in Carlsfeld und ihre literarische Spiegelung in einer frühen Novelle des Autors

Seine Sucht nahm im Jahre 1919 solche Ausmaße an, dass er sich nach einem Suizidversuch keinen anderen Rat wusste, als um Aufnahme zum Rauschgiftentzug im Sanatorium Tannenfeld zu bitten, das er jedoch nach einer Auseinandersetzung mit dem ärztlichen Leiter Dr. med. Tecklenburg verließ, der ihn jedoch zu Dr. Alexander Schmidt vermittelte, welcher die Heilanstalt Carlsfeld leitete. Hier wurde Rudolf Ditzen, der inzwischen den Künstlernamen Hans Fallada angenommen hatte, vom September 1919 bis April 1920 behandelt. Die Krankenunterlagen sind leider nicht mehr vorhanden. Die Behandlung wird jedoch, wie schon in Tannenfeld in einer schrittweisen Reduktion des Morphiums und der nächtlichen Gabe von Chloralhydrat bestanden haben. Dass es ihm auch noch nach zwei Monaten sehr schlecht ging, geht aus seinen Briefen an Anne Marie Seyerling hervor, die er vergeblich bat, ihn zu besuchen. In Carlsfeld erreichten ihn die Druckfahnen seines Erstlings-Romans, den er plötzlich wegen künstlerischer Unzulänglichkeit zurückziehen wollte. Versagens-Gefühle, überhöhter Selbstanspruch und ein tief beeinträchtigtes Selbstwertgefühl mögen diesen Wunsch ausgelöst haben. Zu seinem Glück ließ sich der Verlag nicht auf seine Forderung ein. Während des stationären Aufenthaltes entstand seine Novelle „Die Kuh, der Schuh, dann du“. Es handelt sich um eine in „expressiv-verstiegenem Stil“ geschriebene Geschichte voller ausschweifender Phantasien, in der sich regressive Tendenzen mit sexuellen Wünschen mischen.

Mühelos schlüpft der Autor in die Weltempfindung einer trächtigen Kuh, fühlt sich ein in diese benutzte Kreatur, deren Dasein im Schlachthaus endet. Später kehrt das schon in seinen Briefen an Anne Marie Seyerling auftauchende Motiv der Rückkehr in den Mutterleib wieder, allerdings in pervertierter Form. Denn der Hauptheld, ein Schuhfetischist, tötet eine Prostituierte, indem er ihr ihrem Wunsche folgend den Leib öffnet. Gelegentlich beschreibt der Autor auch Aspekte des Klinik-Alltags, die auf die Qualen des Entzuges hinweisen. Die seelischen Abgründe, die sich in dieser Erzählung offenbaren, sind kaum zu ertragen und dennoch spürt man schon etwas vom Gestaltungsvermögen des zukünftigen Schriftstellers von Weltrang. Hans Fallada verließ die Heilanstalt Carlsfeld im April 1920, ohne dass er die Sucht bewältigt hatte, vermutlich weil das Sanatorium aufgelöst und an die Knappschaft Halle verkauft wurde, die es in eine moderne Klinik mit chirurgischer und innerer Abteilung verwandelte. Dass es im 2. Weltkrieg als Lazarett, danach als Seuchenkrankenhaus, als Landeskrankenhaus für Knochen-TBC und schließlich als Innere Abteilung des KKH Bitterfeld diente, sei nur nebenbei erwähnt. Hans Fallada konnte sich von seiner Sucht nach einem weiteren Klinikaufenthalt in Rinteln für einige Zeit befreien, nahm jedoch weiterhin große Mengen von Schlafmitteln ein, rauchte mehr als 100 Zigaretten am Tag und trank zu viel Alkohol. In seinem Tagebuch wird er 1924 vermerken, er habe die Entwöhnung „unter Geheul, Geschrei und mit schrecklicher Anstellerei“ ertragen.

Am Ende seines Lebens wurde er erneut morphinsüchtig. Dennoch gelang es ihm Ende 1946 innerhalb von vier Wochen seinen Roman „Jeder stirbt für sich allein“ zu verfassen. Johannes R. Becher regte ihn dazu an und besorgte ihm die Gerichtsakte, die dem Werk zugrunde liegt. Dass der Zufall beide Autoren vor Jahrzehnten in einer entscheidenden persönlichen und geistigen Krise zu dem menschlich vornehmen Psychiater Prof. Otto Binswanger geführt hatte, stellte deshalb nicht nur für sie persönlich, sondern auch für die deutsche Literatur einen großen Glücksfall dar. Hans Fallada starb am 05. Februar 1947 in Berlin, kurz nach Vollendung seines letzten Werkes, vermutlich an einem versehentlich überdosierten Schlafmittel.

Dr. med. Dietmar Seifert

Literatur beim Verfasser
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