Heutzutage leere ich nur ungern den Briefkasten. Er ist häufig übervoll und was sich da findet, ist entweder überflüssig und nutzlos oder unerfreulich. Ganz selten ist ein netter Brief oder eine angenehme Nachricht darunter. Die früher wenig geschätzten Urlaubs-Ansichts-Postkarten nehme ich heute dankbar entgegen.

Man wird bescheiden. Es gibt nur wenige Tage im Jahr, die eine Ausnahme machen, an denen ich gern die Postkastenklappe öffne. Das sind die Tage um den Jahreswechsel. Da erreichen mich noch immer - wenn auch von Jahr zu Jahr weniger - Neujahrsgrüße. Neujahrsgrüße besonderer Art, Neujahrsgrafik. Das sind kleine Kunstwerke im DIN A 6 oder maximal  A 5 Format, geschaffen von bekannten oder weniger bekannten Künstlern, als Druckgrafik vervielfältigt und oft mit einem, nur dem Kenner verständlichen, „p.f“ versehen.  Dieses p.f. steht für pour féliciter (frz.) = um zu beglückwünschen und ist ein typisches Merkmal eben dieser Grafiken zum neuen Jahr.
Sie wurden früher weit häufiger verschickt, als kleine Freundlichkeit zwischen den Künstlern untereinander, manchmal auch an Laien-Künstler, so einen wie mich. Es gab Holzschnitte, Lithografien, auch Radierungen, kurz alles, was es so an druckgrafischen Techniken gibt. Die Auflagen waren in der Regel niedrig, 30, 50 maximal 100 Stück und handsigniert. Manchmal gab es sogar kleine Zeichnungen, Aquarelle usw., also Unikat. Auch Vereine, Firmen, Arztpraxen nahmen diesen Brauch auf und schickten ihren Kunden derartige Neujahrsgrüße von professionellen Künstlern im Auftrag gestaltet.Herfurth, E., 2007: "Es geht schon wieder"


So muss es nicht wundern, dass ein junger Kunstnarr, wie ich es damals war, diese Gelegenheit nutzte und im stillen Kämmerlein druckbare Linolschnitte anfertigte, natürlich mit einem p.f. versehen; sich dann bei der Post aus den Telefonbüchern die Adressen bekannter Künstler aussuchte und seine 100 Drucke als sogenannte „Drucksache“ für 15 DDR-Pfennige das Stück  an all die Adressen streute, die er ausfindig machen konnte. Eine Investition von 15 Mark. Vierzig bis fünfzig Antworten bekam ich im Schnitt. Das waren schöne Tage, jedes Mal Anfang des Jahres!
Müller, R., 1984, "Mit weisser Weste ins neue Jahr"Heute sind es deutlich weniger, aus einem ganz simplen Grund: 100 Karten kosten allein schon 55 € Porto. Das überlegt sich mancher.Was da so um die Jahreswende hin und her geschickt wurde war meist heiteren, auch ironischen Inhalts, oft mit mutmachenden Sprüchen, teilweise auch mit Bezug auf aktuelle Probleme. Gleich welchen Inhalts und mit welcher Technik gefertigt, immer lösten sie eine freudige Überraschung aus. All diesen Karten ist ein Ende im Mülleimer oder im Kachelofen erspart geblieben. Sie genießen, gut bewahrt, eine Vorzugsbehandlung, im Gegensatz zu den trendigen e-mail-Grüßen mit den albernen Anhängen, die ich heute zunehmend erhalte. Zum Glück geht es in diesem Falle schneller mit dem Papierkorb, einfach per Mausklick.

Wenn Sie diese Ausgabe des Ärzteblattes in der Hand halten, sind es noch vier Wochen bis zum Jahreswechsel. Ich wünsche Ihnen, dass es ein gutes Jahr werden möge. Vielleicht haben Sie ein wenig Vergnügen an den abgebildeten Neujahrskarten.
P.F. 2013!!

Dr. Wolfgang Lässig, St. Elisabeth- und St. Barbarakrankenhaus Halle