Geschichte und Geschichten

Peter Stosiek: Tollwut
(Cover: Verlag)

Radius Verlag Stuttgart 2017, ISBN 978-3-87173-345-1, Broschur 20,5 cm x 12,5 cm, 102 Seiten, € 12,-

Es stammt aus dem Fundus der Erinnerungen an ein Leben als Flüchtling aus Schlesien, als Medizinstudent in Halle und als werktätiger Arzt in der DDR, was der Autor da dem Vergessen zu entreißen versucht. Von weiter als vergangen, von tiefer als verdrängt, heißt es in der lyrischen Einleitung des Bandes mit seinen fünfzehn Kurzgeschichten. Sie stehen in chronologischer Reihenfolge. Ihr roter Faden ist ethischer Natur mit christlichem Hintergrund.

Der Buchtitel „Tollwut“ bezieht sich auf eines der spektakulären Erlebnisse im ärztlichen Alltag, dient hier als Titelblickfänger. Diese Geschichten schöp­­fen aus zwischenmenschlichen Beziehungen und besonderen Vor­­komm­nissen. Die berufliche Anamnese Stosieks spielt sich im Wesentlichen an den Erlebnisorten Görlitz, Halle, Schwerin und Cottbus ab, abschließend noch kurz im legendären Jerewan. Er ist Medizinstudent mit politischen Hindernissen, wird danach an der Universität Halle als Mitarbeiter nicht gelitten und absolviert anderenorts seine Weiterbildung zum Internisten und Pathologen, lehrt, forscht und behandelt. Im Unterschied zu vielen seiner Berufskollegen sammelt er Erlebnisse und schreibt sie auf. Seine kurzen Geschichten reichen über 4-9 Seiten, knapp überschrieben mit einem Begriff zum Inhalt nach dem Motto: Meist genügt ein Name.

Und so erzählt er vom Gebet des kleinen Jungen für den Tod des Onkels an der Front. Er gibt den Schrei der Mutter wieder, die ihr Kind überleben muss. Er ist beeindruckt vom ehrlichen Kommunisten und besteht auf Wahrnehmung des Unterschiedes zwischen einer Leiche und einem Toten, nicht ganz ohne Anklänge an die sprichwörtliche postmortale Weisheit der Pathologen. Er beschreibt die fast liturgische Dramatik einer Klettertour an den Elbsandsteinfelsen mit dem Sturz eines Bergkameraden in die Tiefe des bereits bewältigten Kamins. Ein andersgläubiger Freund des Autors muss erleben, dass eine Einladung nicht so gemeint wie ausgesprochen war. Ein Käfer auf Rädern wird zum ausgesprochenen Beziehungsfall. Und Heinrich, Priester und Hirte, assistiert dem ZK-Mitglied Moritz Mebel inkognito am OP-Altar in einer Art Gnadenakt bei der Nierentransplantation.

Die Geschichte vom Schwein lässt den Erzähler einem Polen gegenüber schamrot werden. Irgendwann kommen auch die Tränen der hartschaligen kleinen Mutter in die Zeilen, die ihre Familie durch das Chaos von Flucht und Vertreibung rettete und deren Tränen sich dann sehr viel später freie Bahn verschaffen. Folgt schließlich der unglaubliche Report über ein Messer und dessen wochenlange Wanderung aus der Brust einer sich selbst verletzenden Frau in deren Dünndarm und die Fachliteratur. Bei der Story zum Navi Karin ist man sich nicht ganz sicher, ob da der Sinn zum Fabulieren nicht Oberhand gewonnen hat. Und schließlich erzählt das Wunder vom Glück, ein Deutscher zu sein!

Das Büchlein kommt im feinen Design des renommierten Radiusverlags daher, der sich u. a. besonders theologischer Themen annimmt. Es liest sich leicht und dürfte in den tangierten zeitgenössischen Generationen und Schicksalsgemeinschaften Anklang finden. Es sind Geschichten zum Erzählen in der Runde. Auf ein paar kleine Ungenauigkeiten soll etwas spitzfindig hingewiesen werden: Messwein war nie sauer, sagt die Erfahrung gestandener Ministranten. Röntgen gehört zu den bildgebenden Untersuchungsverfah­ren. Es gab durchaus auch Urologinnen im ostdeutschen Gesundheitswesen. Und auf den Handwägelchen der Flüchtlinge befand sich nur Allernotwendigstes, das jüngste Kind und ein Rest der einstigen Habe, ein Bett oder Decken vielleicht, ein Topf, ein paar Tassen, ein Fotoalbum – jedoch niemals Ramsch!

Peter Stosieks Buch ist keine Biografie, mehr eine Bildergeschichte im Sinne des vorangestellten Gedichts. Es eignet sich zum Lesen und Vorlesen, falls letzteres noch vorkommt.

F.T.A. Erle, Magdeburg