Das folgende Vorwort diente der Eröffnung einer Tagung am 01. November 1997 zum Thema „Medizin und Antisemitismus“
in Frankfurt/M.*

Die wechselvolle Geschichte in Deutschland in diesem Jahrhundert hat zwangsläufig zu kurzen geschichtlichen Abschnitten von Gegenwart und Vergangenheit geführt.

Ohne abschließend notwendige Lehren aus der Vergangenheit gezogen zu haben, sind so die nächsten Fehler schon begangen und es wird auch schnell vergessen und verdrängt. Wenn wir heute im Alltag von Vergangenheitsbewältigung sprechen, so meinen die einen das sogenannte „Dritte Reich“ und die anderen die ehemalige DDR. Dieses liegt auch darin begründet, dass man aus der Geschichte gelernt hat und mit der Analyse und Bewertung ärztlicher Tätigkeit in der DDR wesentlich früher nach der Wende begonnen hat.

Die systematische innerärztliche Ausein­andersetzung mit der Medizin im Nationalsozialismus begann dagegen erst 1972 mit Publikationen im Deutschen Ärzteblatt und fand Höhepunkte mit dem 90. Deutschen Ärztetag 1987 in Karlsruhe und dem 99. Deutschen Ärztetag 1996 in Köln. Dennoch besteht weiterhin dringender Handlungsbedarf in Detailfragen und so begrüßt die Bundesärztekammer auch die Veröffentlichung dieser Beiträge. Es geht bei der Vergangenheitsbewältigung im „Dritten Reich“ doch nicht mehr primär um die Täter, sondern um die Taten und das moralische Urteil, es geht gegen das Vergessen unmenschlicher Greueltaten am Judentum, aber wesentlich auch um das Erkennen des Fortwirkens und der Gefahr des Auftretens dieses Unzeit-Geistes. Es gilt der Grundsatz: „Wehret den Anfängen“. Was war im ärztlichen Bereich passiert und sind wir gegen derartige Verfehlungen gefeit? War der Arzt Anwalt des Patienten oder ein Instrument des Staates? Unzweifelhaft hat die Masse der Ärzte den Beruf lege artis ausgeführt. Aber wie konnte bei Teilen der Ärzteschaft das ärztliche Gewissen außer Kraft gesetzt werden? Auch hier wäre natürlich das Prinzip der Einzelfallprüfung rechtzeitig erforderlich gewesen, um nicht ungerechtfertigt pauschal zu verurteilen. Wie schwierig dieses ist, erleben wir in den neuen Ländern und möglicherweise auch bald in den alten Ländern, wenn die Gauck-Akten zugänglich werden.

Wo liegt heute das Konfliktpotential für den Arzt zwischen seinem ärztlich-ethisch geprägten Gewissen und den Forderungen, Erwartungen und Möglichkeiten des gesellschaftlichen Umfeldes?

Betrachten wir einige Schwerpunkte:

  1. Neuartige Heilbehandlungen bzw. die Forschung: hier gab es in Deutschland schon 1931 vorbildliche Regeln mit juristischer Gültigkeit. Wie sie ignoriert wurden und zur Judenvernichtung führten, wissen wir heute. In der Auswertung dieser Verbrechen regelte der Nürnberger Kodex die ethischen Grundlagen der Forschung am Menschen für die Zukunft ebenso, wie die Deklaration von Helsinki. Dennoch gab es 1932 bis 1972 bei der internationalen Gültigkeit dieser Regelungen die Syphilisstudie an Gefangenen und von 1944 bis 1974 die Versuche mit radioaktiver Strahlung am Menschen in den Vereinigten Staaten. Die Regelungen in Deutschland, nicht zuletzt durch die Arbeit unserer Ethikkommissionen, sind vor dem Hintergrund unserer Vergangenheit denkbar gut geregelt, so dass wir eher darauf achten müssen, Innovationen nicht zu verhindern. Ethisches Konfliktpotential ist dennoch ausreichend gegeben, wenn ich nur an Gentherapie, In-vitro-Fertilisation, Schwangerschaftsabbruch bis hin zum Fetocid oder Xeno-Transplantation denke.
  2. Ein weiterer Komplex ist die tägliche medizinische Betreuung der Patienten. Vorgegebene Budgets in der Patientenversorgung bedeuten Rationierung mit der nicht ausschließbaren Folge einer Selektion von Patienten oder Behandlungsmethoden. Selektion nach welchen Kriterien? Alter, Vermögen oder Religion? Der moralisch-ethische Konflikt ist angelegt, der einzelne Arzt darf dabei nicht alleine gelassen werden. Die Handlung einer geschlossenen Ärzteschaft ist hier gefordert.
  3. Ein Bereich ist die Diskussion um die Euthanasie. So zeigt die notwendige öffentliche Diskussion zur ärztlichen Sterbebegleitung die noch vorhandene Brisanz des Themas, nicht zuletzt unter dem Eindruck der nicht ausreichend verarbeiteten Vergangenheit. Insgesamt wurde das Thema Euthanasie in der Diskussion bisher tendenziell vermieden, weil die Befangenheit in der eigenen Geschichte noch deutlich wirkt. Hier muß gehandelt werden, wobei die Richtlinien zur Sterbebegleitung der Bundesärztekammer einen deutlichen Akzent für ärztliche Verantwortung in dieser Frage setzen.
  4. Erwähnen möchte ich auch den Zustand der Ärzteschaft als Faktor der Handlungsfähigkeit gegenüber Staat und Gewalt. So erfolgte die nationalsozialistische Machtübernahme in der Ärzteschaft reibungslos, da sie zerstritten war in Landärzte, Kassenärzte und Jungärzte (angestellt und arbeitslos) mit politischen Gruppierungen von ultrakonservativ bis ultralinks mit einem hohen jüdischen Anteil von 12 %. Die Einschätzung der Nationalsozialisten, die Ärzte seien traditionell liberalistisch-individualistisch eingestellt, war richtig. Es machte sie als Gruppe aber auch handlungsunfähig, eine Gefahr, die wir in letzter Zeit zunehmend mit Sorge erleben.

 

Es muß klar werden, dass auch für uns der Rahmen nur für eine sehr schmale Gratwanderung zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und ärztlich-ethischem Verhalten angelegt ist. Da die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen durch den Arzt nur schwer zu beeinflussen sind, muß der Arzt dazu erzogen und befähigt werden, den Beruf als freien Beruf, d. h., in der Entscheidung und Verantwortung nur gegenüber dem eigenen Gewissen auszuüben.

Bei der Analyse des Geschehens in den letzten Jahrzehnten in der Welt und in Erkenntnis der Versuchungen, vor denen wir täglich stehen, sind Handlungsleitlinien wie Kodices, Gelöbnisse oder der Hippokratische Eid wichtig und richtig. Sie werden jedoch nur durchdringende Anwendung finden, wenn wir es mit einer Ärzteschaft zu tun haben, deren Grundeinstellung auf altmodisch angesehenen Tugenden, wie Pflichterfüllung, Leben für eine Aufgabe und außergewöhnlichem Einsatz, aber auch auf kollegialem Solidarverhalten beruht. Ich zitiere hierzu den kürzlich verstorbenen Transplantationschi­rurgen Prof. Pichlmayr: „Es ist also weniger das Vorhandensein von Kodices, als das Umfeld und die Integrität des Arztes oder der Ärzteschaft in moralisch-ethischer Hinsicht, die korrektes Handeln gewährleisten oder aber in Gefahr bringen.“

Hier schließt sich der Kreis mit den Schlußfolgerungen aus dem Beschluß des 99. Deutschen Ärztetages zur Vergangenheitsbewältigung: „Wir mahnen, die Unabhängigkeit der ethischen Grundnormen unseres Berufes auch in der ärztlichen Vertretung gegen Zeitgeist und staatliche Eingriffe zu bewahren. Dazu gehören: Die Achtung vor der Würde des Menschen. Die Achtung vor dem Lebensrecht des Menschen, die Achtung des Selbstbestimmungsrechts der Menschen. Die Pflicht, dem Patienten nicht zu schaden und mit bestem Wissen und Gewissen seinem Wohle zu dienen. Die Pflicht zur Verschwiegenheit. Die Pflicht zur Menschlichkeit. Ärztinnen und Ärzte, die widerstanden haben, sind unser Vorbild.“


Wie ist unsere Bilanz nach 20 Jahren? – Denkanstöße


Auswahl persönlicher Gedanken/Fragestellungen/Thesen nach diesen 20 Jahren:

  1. Wann erfolgt die überfällige systematische Auswertung der Stasi-Aktivitäten in den „alten“ Bundesländern nach dem Muster der DDR?
  2. Dem Versorgungsbedarf angemessene Zahl an Medizinstudenten auch zum Verzicht auf notwendige Versorgung durch ausländische Ärzte (nicht vergleichbarer Leistungsfähigkeit).
  3. Schaffung von ausgewiesenen Weiterbildungsstellen entsprechend dem Versorgungsbedarf („Lenkung“).
  4. Die Weiterbildungsordnung der Ärzte sollte sich von geregelten Weiterbildungen wissenschaftlich nicht begründeter Fachrichtungen (z. B. Homöopathie) lösen.
  5. Die Organspende sollte durch die „Widerspruchslösung“ gefördert werden.

 

Prof. Dr. med. habil. Walter Brandstädter
Vizepräsident der Bundesärztekammer 1995 – 1999

*Publiziert in „Medizin und Antisemitismus in der Ärzteschaft“, Sigmund-Freud-Institut, Materialien 17, LIT-Verlag 1998.