Maurizio Bettini: Wurzeln - Die trügerischen Mythen der Identität
Maurizio Bettini: Wurzeln - Die trügerischen Mythen der Identität

Die trügerischen Mythen der Identität

Verlag Antje Kunstmann, München 2018, a. d. Italien. v. Rita Seuß,
ISBN 978-3-95614-235-2, gebunden im Kleinoktavformat, Schutzumschlag,
158 Seiten, 16,- €

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von unseren Wurzeln sprechen? Maurizio Bettini, Professor für klassische Philologie an der Universität Siena, Schriftsteller und Publizist, stellt diese Frage nach der Wurzelmetapher und nach der neuen Wertschätzung und Wiederbelebung der Tradition an den Anfang seines kleinen Buches. Der Autor portioniert es in einen 1. Teil unter der vielsagenden Überschrift: Gegen die Wurzeln. Es folgt ein 2. Teil unter: Neue Fragen zu den Wurzeln.

Das wieder erwachte Interesse an Tradition sei eine Reaktion auf die zunehmende Homogenisierung der Länder und Kulturen. Man betrachte nur die Flughäfen und Touristenstrecken in den Urlaubsregionen. Der Unterschied zwischen uns und ihnen sei verwischt, so Bertini. Niemand habe aber weder je seine Tradition gesehen noch die eigene Identität, die zu Grenzziehungen bemüht wird. Da sei die Metapher, hier der Wurzeln, eine hilfreiche Konstruktion der Sinnesansprache. Sie sei ein wirkmächtiges Erkenntnisinstrument mit unmittelbarer Anschaulichkeit. Wurzeln erstellen geradezu ein Bild des festen Fundaments, basisorientiert und unverrückbar, eine Metapher für Grundlagen und Vorfahren.

Dabei sei unsere Kultur aber nichts einmalig Geborenes. Bei genauer Betrachtung habe sie eine unendliche Kette von Vorläufern ohne bestimmbaren Anfang. Das mit Angst wahrgenommene Anwachsen der islamischen Gesellschaften in unserer Welt, so der Autor, werde zur Gefahr für unsere Identität erklärt. Dabei werde übersehen, dass die Fähigkeit zu Wandel und Veränderung ein Charakteristikum der Kultur ist, geradezu ein Merkmal der menschlichen Spezies.

Die Grenzen der Gesellschaft erweitern sich unablässig wie der Fluss sich aus Nebenflüssen speist und sich in seiner Form verändert – ein schönes Bild für Freiheit und Entwicklung ohne Erstarrung. Wie sollte sonst das Wissen aus der Vergangenheit überliefert werden? Jeder Versuch, in diesen fließenden Prozess Neubeginne einzurammen, schaffe erfundene Traditionen. Bettini führt hier das Beispiel Neukaledoniens an, das den Menschen (Kanaken) erst nach schriftlicher Fixierung der Mythen in den 1930er Jahren mehr oder weniger erschaffen habe, halb aus Mythos, halb aus Erinnerung. Er bemüht hier auch die Topografie des Heiligen Landes aus einer Verbindung von Evangelien und Stätten in Palästina, gespeist aus Bedürfnissen und Urteilen im Zusammenhang mit dem Tourismus früherer und unserer Tage. Traditionen wachsen nach Erkenntnis Bettinis nicht vertikal aus der Erde, sondern werden horizontal auf ihr erlernt. Dabei sei nicht nur die Vergangenheit, sondern vielmehr noch die Zukunftsfähigkeit zu beachten, ihren Gehalt an Menschlichkeit, Toleranz und Offenheit, soll das Ergebnis nicht Gewalt erzeugen.

Die Beispiele Ruanda und Jugoslawien würden diese These belegen. Auch die Blutrache auf Korsika sei keine gewachsene Tradition. Der Tourismus, den er ansonsten als Geburtshelfer des Vergessens ausmacht, schaffe die Voraussetzungen für den Willen zum unbedingten Bewahren.

Bettini schreibt das Buch vor dem Hintergrund seiner italienischen Heimat, deren Ausgangssituation nicht sehr verschieden ist zu der Mitteleuropas. Geschichte verläuft für ihn nicht geradlinig, jedoch auch nicht zerstörend. Ihre Laufbänder tragen davon, was nicht starr ist. Er geißelt den monokulturellen Provinzialismus und hinterfragt die kulturellen Wurzeln, auch die christlichen und die hellenistischen, die den Ausschluss von Frauen, Fremden und Sklaven von der vielgepriesenen Demokratie für selbstverständlich hinnahmen. Mit einer gewissen Genüsslichkeit macht er sich über die scheinbar unantastbaren kulinarischen Wurzeln seiner Heimat her, über Polenta, Schinken und gebratene Singvögel und weist deren oberflächliche Verwurzlung nach. Tomaten, Kartoffeln und Paprika waren vom amerikanischen Kontinent auf den Stiefel und überhaupt nach Europa gekommen. Auberginen sind indischer Herkunft und unsere Äpfel wurden wie die Tulpen in Kasachstan geboren. Der Mais, Grundlage jeder Polenta und in Italien Türkenkorn genannt, stammt aus Mittelamerika. Die Polenta der alten Griechen und Römer, Breiesser von jeher, war eine graue Getreidequetschmasse.

Und schließlich gräbt Bettini noch an den christlichen Wurzeln der heutigen europäischen Kultur. In fünf von dreizehn europäischen Verfassungen, die eine Präambel besitzen, ist ein religiöser Bezug niedergeschrieben, in unserer deutschen ganz allgemein auf Gott. Die Ungarn strapazieren vordergründig den nationalen Stolz als eines ihrer volkseigenen Merkmale in Kombination mit Kampf und Verteidigung.
 
Das im Format kleine, inhaltlich aber kompakte Buch liest sich leicht, nicht nur wegen seiner Handlichkeit und seines ansprechenden Layouts und Papiers, geeignet für Urlaub und mehr. Das Coverbild ist allerdings in seiner Schlichtheit bemerkenswert. Es macht den Eindruck einer Werbegrafik für männliche Badebekleidung eines Säulenheiligen des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Der Gedanke, dass Frauen auch Wurzeln haben könnten, kommt bei seiner Betrachtung nicht auf.

F.T.A. Erle, Magdeburg