Verlag Hamburger Edition 2009, a. d. Englischen v. Richard Barth, Taschenbuch 21,5 x 14 cm, ISBN 378-3-86854-211-0, 204 Seiten, € 15,-

Konsum – mit Betonung der ersten Silbe war es das Synonym für Banalität. Aber so ist es hier nicht gemeint und ist deshalb wohl auch endständig zu betonen.

Zygmunt Bauman war Philosoph und Professor der Soziologie. Sein an Erfahrungen reiches Leben im Vorkriegspolen, in der Sowjetunion der Stalin-Ära, in Israel und schließlich in der Hochschullandschaft Englands hatte ihn zu einem Wissenschaftler linker Prägung reifen lassen. Sein Terrain waren die Moderne und vor allem die Postmoderne, die sich in seinen zahlreichen Schriften niedergeschlagen haben.

Im vorliegenden Titel widmete er sich dem Konsumismus und seiner Kultur bzw. seinen gesellschaftlichen Erscheinungsformen, insbesondere im vom ihm als virtuelles Leben bezeichneten Netz, im Internet. In dessen sozialen Räumen, facebook etc., nimmt er die Nacktheit der Gesellschaft wahr, die körperliche, soziale und psychische. Als tragbare Beichtstühle bezeichnet er die elektronischen Kommunikationsgeräte, die das Konsumspiel mit der Geschwindigkeit hochansteckender Krankheiten verbreiten. Der Konsument verwandelt sich dabei zum Gegenstand des Verbrauches auf den Arbeitsmärkten, die ja auch zu den Warenmärkten gehören, und unterwirft sich allen Regeln dieser Existenzform.

Eine der Marktregeln ist, dass Käufer die angebetete Ware konsumieren und sich dadurch die Befriedigung eines Bedürfnisses versprechen zu einem Preis, der mit der Glaubhaftigkeit des Versprechens und der Intensität der Bedürfnisse zu korrelieren angibt.

Kennzeichen der Konsumgesellschaft, des Konsumismus also, ist die Verwandlung des Konsumenten in eine Ware. Baumann macht das hier u. a. am Beispiel der Partnersuche im Internet fest. Es stehen sich dabei die Angst vor der Einsamkeit und die Angst vor dem Fremden gegenüber vor dem Hintergrund des Verlustes sozialer Fähigkeiten. So wird aus dem gesuchten Partner ein Shoppingobjekt, das man lieber auf der Website als über den Ladentisch kauft. PC, Smartphone und Laptop werden zum Sand, in den man den Kopf steckt, ätzt der emeritierte Professor.

Konsumieren ist ein permanenter Bestandteil und eine Voraussetzung des Lebens, eine banale Angelegenheit, am deutlichsten im Prozess der Nahrungsaufnahme und ihrer Folgeprozesse erfahrbar. Im Wirtschaftssystem lockte es mit dem Versprechen andauernder Sicherheit und Planbarkeit. Es galt, Bedürfnisse zu befriedigen durch hohe Qualität und Haltbarkeit des Angebots. Es musste jedoch nichts sofort verbraucht werden. In Folge der konsumistischen Revolution der Postmoderne verlagert sich das Schwergewicht von der Produktion von Waren zur Herstellung von Wünschen, die möglichst nicht mehr erfüllt, sondern fortlaufend neu generiert werden sollen. Die vorhandenen haltbaren Produkte werden zu lästigem Ballast, unabhängig von ihrer Brauchbarkeit. Es gilt nicht mehr die Qualität des Produkts, sondern ein kurzlebiger, durch dauernde Werbung künstlich aufgebauter Wert, der schon beim Erwerb der Ware nicht mehr neuesten Entwicklungen entspricht. Die Überschussproduktion und eine leistungsfähige Verpackungs-, Entsorgungs- und Abfallwirtschaft werden zu unabdingbaren Faktoren der Wirtschaft im Konsumismus, dessen paradoxe Schwungräder nicht die Erfüllung der Wünsche, sondern deren Weckung sind.

Der Warenkreislauf findet zwischen Fließbändern, Verkauf und Mülleimern mit kurzem Atem statt. Nicht Zufriedenheit, sondern deren Gegenteil, treibt die Wirtschaft an. Stagnation wäre ihr Tod. Was sexy und geil zu sein hat, legen Werbung und Mode fest. Ihnen kann man sich im Schwarm nicht entziehen ohne die Gefahr der Exklusion. Langeweile, der Fluch der Sicherheit, darf nicht aufkommen.

Die Kultur des Konsumismus beruht auf dem Versprechen, der Zukunft zuvor zu kommen. In ihrer Zeitauffassung hat die Ewigkeit keinen Wert und ist kein Objekt der Begierde. Nur der sofortige Genuss gilt. Das carpe diem macht Front gegen das memento mori. Die Herstellung sozialer Bindungen verliert sich, die Liebe verflüssigt sich. An ihre Stelle tritt die Möglichkeit, selbst jemand anderes zu werden, durch Diät, Plastische Chirurgie, Wohnungs- und Bekleidungswechsel etc. Die Modalitäten des Loswerdens und Wegwerfens, des virtuellen Auslebens im Internet mit seiner Maskerade und Hochstapelei, lassen Scheinleben zu. Dass solches nicht ohne Ausgrenzung von Teilen der Gesellschaft gehen kann, weist der Autor eindrucksvoll nach. Die Nichtkonsumenten sind die Armen von heute, die sog. underclass. Sie stören das Bild der Gesellschaft und sind unerwünscht, müssen aus dem Blickfeld verschwinden in die angeblich selbst verschuldete Isolation. Das Spektrum dieser inneren Dämonen einer Gesellschaft reicht vom jugendlichen Straftäter über die sozial schwachen, allein erziehenden Mütter bis zum Bettler und Zuhälter.

Den Gedankengängen und Thesen des Autors zu folgen stellt eine Herausforderung für die Leser dar, geht es doch im Kern um einen Appell an die Unvernunft der Bürger als Verbraucher. Konzentrierte Aufmerksamkeit ist gefragt, sicher eine der knappsten Ressourcen potenzieller Leser, und eine gewisse Toleranz gegenüber der labyrinthischen Syntax des Zygmunt Baumann, der in seiner Sprache gern in überlangen Satzkonstruktionen schwelgte, wie die Übersetzung ins Deutsche vermuten lässt. Die Lektüre bedeutet deshalb über Strecken eine intellektuelle Mühe, lohnt sich aber. Man merkt ihr das Alter nicht an, weder das des 2017 mit 91 Jahren verstorbenen Verfassers noch das der Ersterscheinung des Essays anno 2009.

F.T.A. Erle, Magdeburg