Moritz Riesewieck: Digitale Drecksarbeit – Wie uns Facebook & Co.  von dem Bösen erlösenWie uns Facebook & Co. von dem Bösen erlösen

Verlag dtv München 2017, Taschenbuch, 10 farbige Abbildungen, 304 Seiten, 16,90 €

Jeder Mensch soll alles mit jedem teilen können. Wirklich alles, fragt sich der Leser bei der Lektüre des Buches, an dessen Anfang dieses Zitat Marc Zuckerbergs steht.

Die sozialen Netzwerke sind eine Art digitaler Öffentlichkeit. Sie gieren nach privaten Daten. So werden täglich ca. 350 Millionen Fotos allein bei Facebook abgelegt. Die Laufzeit der Videos, die in jeder Minute an Googles YouTube geliefert werden, sollen jeweils 300 Stunden ausmachen, eine unfassbare Menge. Und diese Bilddaten zirkulieren im Netz als alles für jeden, werden weiter gereicht, bestätigt und beurteilt, geteilt und geliked, sagt der Jargon. Bei weitem nicht alles, was da erst einmal so abrufbar ist, entspricht gesellschaftlichen Standards. Ruf und Anspruch der sozialen Netzwerke werden belastet. Vieles von den Netzinhalten muss möglichst schnell wieder aussortiert und gelöscht werden, um es dem allgemeinen Zugriff zu entziehen.

Moritz Riesewieck, von Bildung und Beruf her der Bühne verschrieben, ist auf die Menschen aufmerksam geworden, die dieses übelriechende Geschäft realisieren, eben die digitale Drecksarbeit. Outsourcing heißt die Tätigkeit in der Geschäftssprache. Eine automatische Bilderkennung kann das noch nicht leisten, die Technik ist nicht soweit. Zwischen Computer und Mensch besteht noch eine zu große Erfahrungslücke, um diese wundersame Sauberkeit auf den Plattformen Facebook, Instagram, Twitter etc. zu garantieren.

Die avisierten Reiniger leben seltsamerweise überwiegend auf den Philippinen, im Moloch Manila und Umgebung. Sie sind junge Erwachsene, fast ausschließlich in konservativ ausgerichteter christlicher Tradition stehend. Sie werden Content Moderators genannt und von Firmen angestellt, die das Drecksgeschäft zum Leistungsmodell gemacht haben und den Netzwerken anbieten.

Moritz Riesewieck hat sich auf den Weg nach Manila gemacht und versucht, einzelne dieser digitalen Müllarbeiter ins Interview zu bekommen, was sich als ausgesprochen schwierig herausstellt. Sie unterliegen nämlich einer umfassenden Schweigepflicht, sogar innerhalb der engsten Familie, sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Inhalte der Säuberungsvorgaben betreffend. Etwa 5.000 bis 10.000 Bilder am Tag muss jeder dieser Arbeitssklaven auf Sauberkeit hin überprüfen, den Unrat von überwiegend Amerikanern und Europäern optisch und gedanklich anfassen und gegebenenfalls beseitigen. Zu allermeist sind das pornografische Aufnahmen der widerlichsten Sorte von Selbstdarstellungen inkl. private parts (Genitalien), Vergewaltigungen, abstrusen Sexualpraktiken, Gewaltausübung mit und ohne geplantem tödlichem Ausgang an Alten und Kleinkindern etc. Sie haben nach einem grob strukturierten Regelwerk aus dem Bauch heraus sehr schnell zu unterscheiden zwischen gut und böse, ignore (lassen) oder delete (rausschmeißen) zu markieren. Letzteres kann bis 10 % der zu betrachtenden Bilder ausmachen. Diese Inhaltsmoderatoren sind die unverzichtbaren Gärtner der Facebook & Co. Das Unkraut, das sie aus dem walled garden der sozialen Netzwerke zu entfernen haben, wollten sie oft lieber nie gesehen haben. Bilder brennen sich mehr ein als Texte. Sie zerstören die Seelen der noch jungen Menschen. Die Folgen ähneln dem posttraumatischen Stresssyndrom PTSD, wie es Soldaten aus Kampfsituationen mitbekommen. Eine nennenswerte psychologische Betreuung erfahren sie nicht. Ganz abgesehen davon wäre die psychologische Hilfe auf den Philippinen mit dem Stigma der Geisteskrankheit versehen, was wiederum den Einsatz als Content Moderator in Frage stellen würde.  Für die lokalen Verhältnisse sind sie Gutverdiener mit 2-4 Dollar Stundenlohn und Brotgeber für die Großfamilie, die ihnen eine gewisse Ausbildung ermöglicht hat. Der Arbeitsmarkt gibt nicht viel mehr her.

So verzichten sie dann auf ihre Libido, fallen in Depressionen und leben mit Essstörungen. Sie empfinden das auch als Selbstaufopferung für die Befreiung der Welt von Unrat und Sünde. Für die Genres Nacktheit, Terrorismus, Kindesmissbrauch, Selbstmord und Gemischtes sind die 1 Million angestellten Filippinos und Filippinas zuständig. Geht es um Ethnien, Rasse, rasierte Glatzen, Behinderungen und Hakenkreuze etc., steht u. a. eine kleine Truppe von ca. 600 Arbeitern in Berlin zur Verfügung, der offensichtlich zu diesen Themen mehr Kompetenz zugetraut wird.

Der Autor diskutiert in diesem Buch über das Ausmisten hinaus eine breite Palette zusammenhängender Themen. Es geht da z. B. um die politische Macht der Datensammler, um Geld und Schuld, Gefahr und Manipulation, Pädosexualität, die Blumen des Bösen, Lust, Angst u. v. a. m. Abgesehen von einigen spektakulären Fällen bleibt die Masse der Verursacher der Abnormalitäten im Hintergrund.  Riesewieck hat wohl mit seiner Recherche genug Material gesammelt, um es zu einem Bühnenstück machen zu können, was seine Absicht war. Es ist ein kluges und sehr engagiertes Buch, ein Beitrag zum Versuch, Probleme zu lösen und nicht nur zu löschen. Aber das dürfte wohl sehr schwer werden. Denn schon in den jahrtausendealten Psalmen steht: So fern, wie der Osten vom Westen (der Aufgang vom Untergang) liegt, soweit hat Gott von uns entfernt unsere Schuld (Ps. 103,12). Die Philippinen sind der äußerste Osten unseres Westens! Erfüllt sich da ein Bibelwort?

Ein umfangreiches Verzeichnis von Anmerkungen und zehn auf den Text bezogene Abbildungen runden das Buch ab. Ein Sachwortregister, differenziertes Inhaltsverzeichnis oder eine Liste der Themenüberschriften fehlen leider, was das Auffinden und Nachlesen einzelner Fakten und Begriffe erschwert.

F.T.A. Erle, Magdeburg

Cover: Verlag