Historische Aufnahme der Klinikauffahrt der Klinik Carlsfeld
Historische Aufnahme der Klinikauffahrt der Klinik Carlsfeld

Der französische Orthopäde und Tuberkuloseforscher Jaques Calve (1875-1954) schrieb in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, dass man sich der Knochentuberkulose als einer armen Verwandten schäme. Diese auch nach dem englischen Chirurgen Percivall Pott (1714-1788) genannte extrapulmonale immer nur als Zweiterkrankung auftretende Tuberkuloseform führte in hohem Prozentsatz zum Tode und die sogenannten Heilungen gingen häufig mit schrecklichen Deformierungen des Skeletts einher.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Skelett-Tuberkulose in beiden deutschen Staaten erheblich zugenommen. In der BRD erfasste man 1955 etwa 20.000 daran leidende Patienten [1,2]. Lange Zeit erfolgte die Behandlung rein konservativ und war mit einer zwei- bis vierjährigen immobilisierenden Behandlung in einer Gipsschale verbunden, was besonders für die davon betroffenen Kinder einen tragischen Einschnitt in ihrer Entwicklung darstellte. Um die damit verbundenen medizinischen und sozialen Herausforderungen zu meistern, wurde Anfang der 50er Jahre in Carlsfeld bei Brehna die Zentralklinik für Knochen-Tuberkulose eingerichtet. Dort befand sich ein Klinikkomplex, der in einem Jahrhundert entstanden und von der Knappschaft ausgebaut worden war [3]. Deshalb konzentrierte man hier erwachsene Patienten und Kinder aus allen Teilen der damaligen DDR. Sie wurden liebevoll und kompetent gepflegt. Für die Kinder richtete man eine 8-klassige Grundschule ein. In einer sogenannten Kulturbaracke, in die die Patienten in ihren Betten liegend gefahren wurden, zeigte man Kinofilme und Kulturprogramme [4]. Für eine kurze Zeit hatte der später in Leipzig tätige Orthopäde Prof. Peter Friedrich Matzen (1909-1986) die Leitung der Klinik inne [5]. Im Jahre 1951 wurde der Chirurg Dr. Rudolf Höpfner (1910-1978) zum Chefarzt ernannt, der sich bald der operativen Therapie der Skelett-Tuberkulose zuwandte [6].


Die operative Therapie der Skelett-Tuberkulose


Die operative Behandlung dieser Tuberkuloseform hat eine relativ lange Geschichte. So wurden zeitgleich mit dem Aufschwung der Chirurgie, der in der Ära der Anti- und Asepsis einsetzte, ausgedehnte Resektionen von großer Radikalität vorgenommen, die bei den davon betroffenen Kindern und Jugendlichen häufig starke Verkürzungen der Extremitäten zurückließen, ohne dass die Ausbreitung tuberkulöser Herde verhindert werden konnte. Als man erkannte, dass tuberkulöse Knochen- und Gelenkherde Sekundärprozesse der Lungeninfektion darstellten, trat die operative Behandlung hinter die konservative Klima­behandlung zurück. Nachdem in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts wirksame Antituberkulostatika entwickelt worden waren, wandte sich der Chirurg Josef Kastert (1910-1993) erneut der chi-rurgischen Therapie zu. Er behandelte die Patienten längerfristig systemisch mit den spezifisch wirkenden Medikamenten und nahm erst danach die Herdausräumung vor. Bei den sehr häufigen Brustwirbelherden resezierten Kastert und auch andere Spezialisten zunächst den zugehörigen dorsalen Rippenabschnitt, eröffneten danach den Wirbelkörper und räumten den Wirbelherd aus. Vorhandene Abszesse wurden saniert und ein Katheter eingelegt, über den die Tuberkulostatika instilliert werden konnten. Im vorbereiteten Gipsbett konnte die Nachbehandlung auf ein halbes Jahr verkürzt werden. Um die Gefahr einer Mischinfektion zu vermindern, war freilich äußerste Akkuratesse in der Nachbehandlung notwendig [7,8].

In der damaligen DDR wurden entsprechende Operationen seit Mitte der 50er Jahre von dem Urologen Dr. Walter Wehrheim in Bad Berka vorgenommen [9]. In der Zentralklinik für Skelett-Tuberkulose führte Dr. Höpfner seit 1957 operative Wirbelsanierungen durch, obwohl neben ihm in Carlsfeld nur drei weitere Ärzte tätig waren, die zusammen mit ihm auch Operationen an verschiedenen Gelenken vornahmen. Er referierte seine Ergebnisse anlässlich der Tagung der Tuberkuloseärzte im Mai 1960 in Bad Dürkheim. Höpfner und sein Oberarzt Dr. Gatter (1913-1979) hatten inzwischen 135 Vertebrotomien vorgenommen, wodurch bei 18 Patienten das vor allem durch Abszesse ausgelöste Querschnitt-Syndrom überwunden werden konnte. Darunter befand sich ein totalgelähmter 17-jährigen Spondylitiker mit doppelseitigem Abszess und destruiertem Wirbel, bei dem die sofortige doppelseitige Vertebrotomie und die Entleerung der Abszesse zur vollständigen Rückbildung der Lähmung führte [10]. Als der Chirurg seine Ergebnisse vortrug, war die Klinik nicht mehr voll ausgelastet, sodass man zusätzliche Rehabilitationen querschnittgelähmter Patienten plante.

Historische Aufnahme des Klinik-Areals Carlsfeld als Luftbild
Historische Aufnahme des Klinik-Areals Carlsfeld als Luftbild


Der Mangel an Baukapazitäten und ihre tragischen Folgen


Gleichzeitig suchten die Leitungsgremien des Kreises Bitterfeld nach einer kurzfristigen Alternative für die Innere Abteilung des dortigen Kreiskrankenhauses, die in ehemaligen Bunkern der Klinik untergebracht war, sowie für die gynäkologische Abteilung. Da für einen Neubau keinerlei „Baukapazitäten“ zur Verfügung standen, beantragte man die Verlegung beider Abteilungen des KKH nach Carlsfeld, was zu schwierigen Verhandlungen führte, in deren Verlauf Dr. Höpfner seine Position als Chefarzt aufgab. Die seit 1962 ins KKH Bitterfeld integrierte Abteilung für Skelett-Tuberkulose Carlsfeld wurde kommissarisch vom bisherigen Oberarzt Dr. Gatter geleitet, der bei den Patienten großes Vertrauen genoss. Vor allem deshalb führte das Vorhaben, die verbliebenen Patienten auf verschiedene Kliniken zu verteilen, zu einer Reihe von Eingaben der Kranken und ihrer Angehörigen an unterschiedlichste Institutionen der DDR, ja sogar an Lotte Ulbricht (1903-2002), die Frau des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht (1893-1973). Denn die Kranken, denen nach langem Krankenhausaufenthalt Operationen zugesagt worden waren, wussten, dass Wirbeloperationen vor allem in Carlsfeld und in Bad Berka in größerer Zahl durchgeführt wurden. Stellvertretend für die anderen sei hier aus der Eingabe einer Mathematik-Studentin zitiert, die ihr Studium wegen einer Skelett-Tuberkulose 1961 hatte unterbrechen müssen und nach zweijähriger konservativer Behandlung nach Carlsfeld mit der Aussicht auf eine Operation verlegt worden war. Die Nachbehandlung hätte dann maximal ein halbes Jahr betragen, während bei konservativer Therapie noch mit einer Liegedauer von 2-3 Jahren zu rechnen war. „Was dies für uns Patienten bedeutet, können Sie sich sicher vorstellen,“ schreibt sie an die „Hochverehrte Frau Ulbricht“, mit deren Hilfe sie rechnet.

Obwohl nun die Kanzlei des Staatsrates beim Gesundheitsministerium intervenierte, fand sich keine befriedigende Lösung für die Kranken. In offiziellen Briefen an die Patienten und ihre Angehörigen bat man um Verständnis für die Schwierigkeiten des Gesundheitswesens im Chemie-Dreieck. Interne Dokumente zeigen eine glaubhafte Bemühung um Abhilfe, aber auch ein endloses bürokratisches Hin und Her, in dessen Ergebnis es bei dem Auflösungsbeschluss der Abteilung für Knochen-Tuberkulose blieb. So befanden sich am 5.01.1964 noch 60 operationsbedürftige Patienten in Carlsfeld, die im Laufe des Jahres auf unterschiedliche Einrichtungen verteilt wurden [11]. Erst nach der Wende wurde die kostenintensive örtliche Trennung der Fachabteilungen durch einen Krankenhausneubau in Bitterfeld aufgehoben [6].

Dr. med. Dietmar Seifert

Literaturverzeichnis

  1. Kastert J, Tuberkulose -Bücherei, Skelettuberkulose, Lungentuberkulose im höheren Lebensalter, Aktuelle Probleme, Bericht über die 24. Tagung d. Wiss. Ges. Südwestdeutscher Tuberkuloseärzte in Bad Dürkheim vom 26.-28. Mai 1960, Eröffnungsansprachen, Kastert J, Hrsg. Stuttgart: Thieme, 1961: 2-4
  2. Bühler M, Schmidt H, Knochentuberkulose. In: Engelhardt M, Raschke MJ, Haller NP, Hrsg. Lexikon Orthopädie und Unfallchirurgie, Berlin: Springer, http://www.lexikon-orthopaedie.com/pdx.pl?dv=0&id=01370
  3. Brühl B, Das Knappschaftskrankenhaus Carlsfeld. Privatdruck: circa 1928: 1-16
  4. Kutscher R, Geschichte des Krankenhauses Carlsfeld. Unveröffentlichtes Manuskript, 1971: 8-10, Quelle: Archiv des Heimatmuseums Landsberg
  5. Matzen PF, http://www.catalogus-professorum-halensis.de/matzenpeterfriedrich.html
  6. Kuschel U, Seifert D, Persönliche Mitteilung. Carlsfeld/Brehna, Delitzsch: 2018
  7. v. Schlosserer W, Die operative Therapie der Skelett-Tuberkulose. In: Kastert J, Hrsg., Tuberkulose-Bücherei, Skelettuberkulose ... siehe 1: 57-69
  8. Kastert J, Die operative Behandlung der Spondylitis tuberculosa. In: Jaeger F, Chirurgie der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Stuttgart: Thieme, 1959: 74-95 
  9. Wehrheim W, Über die Erfahrungen mit operativer Spondylitis-Therapie. In: Kastert J, Hrsg., Tuberkulose-Bücherei, Skelettuberkulose siehe 1: 103 -106
  10. Höpfner R, Ergebnisse operativer Spondylitis-Therapie auf einer Schwerkrankenabteilung für Erwachsene. In: Kastert J, Hrsg., Tuberkulosebücherei, Skelettuberkulose siehe 1: 88-89
  11. Eingaben zur Verlegung der Heilstätte für Skelett-Tuberkulose Carlsfeld nach Düben. Bundesarchiv, DQ1 Ministerium für Gesundheitswesen, Orthopädie DQ1/22111, Bandnummer 16

 

Fotos: Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See, Bibliothek/Fachabteilung Planen und Bauen

Bedanken möchte ich mich bei Herrn Benny Berger, von dem ich wertvolle Hinweise und Anregungen erhalten habe.

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!