1997 wird ein Impfstoff gegen Humane Papilloma Viren (HPV) patentiert [1]. HPV gelten als Hauptverursacher von Gebärmutterhalskrebs und lösen weitere Krankheiten aus. 2006 wird der Impfstoff als Gardasil in Deutschland auf den Markt gebracht [2]. Es dauert etwa 15 Jahre, bis aus einer persistierenden HPV-Infektion Gebärmutterhalskrebs wird. Trotzdem bekommt die Entwicklung bereits 2008 den Medizinnobelpreis, also lange bevor die erste Krebstote selbst hypothetisch verhindert wurde. Pikant damals: Die lizenzvergebende Firma finanzierte zwei Komiteemitglieder und war Großsponsor des Nobelkomitees an sich [3].

Von 100 ungeimpften Frauen, die sich mit einem Hochrisikotyp von HPV infizieren, schaffen es 10 nicht, das Virus zu eliminieren, weniger als eine Frau davon wird an Gebärmutterhalskrebs erkranken. Da längst nicht jede Frau mit einem Hochrisikotyp infiziert wird [4], ist die Zahl der Impflinge, die notwendig sind, um eine Krebserkrankung zu verhindern, weit größer als 100. Der Traum von der „Impfung gegen Krebs“ führte zu rascher Aufnahme in die Impfempfehlungen vieler Länder, sogar wie selbstverständlich für Altersgruppen, die in den Studien nicht erfasst worden waren.

Pünktlich zum Ablauf des Patentschutzes für Gardasil (20 Jahre), wird Gardasil-9 2015 auf den deutschen Markt gebracht, welches 5 weitere Virusvarianten abdeckt [5].

Im Herbst 2017 fordert der „Vater“ der Impfung und Medizinnobelpreisträger zur Hausen vielbeachtet, die Impfung auch für Jungen einzuführen [6]. Am 5. Juni 2018 greift die Ständige Impfkommission diesen Vorschlag auf und geht damit an die Öffentlichkeit: Alle Jungen sollen gegen HPV geimpft werden [7]. Einige Krankenkassen reagieren sofort und bieten ihn – am Gemeinsamen Bundesausschuss vorbei, welcher beschließt, was Kassenleistung sein muss und was nicht – direkt als „Service“ für ihre Versicherten an [8]. „Informierte“ Nutzer*innen in den Sozialen Medien rufen zum raschen Impfen auf [9]. Mittlerweile hat der G-BA die Impfung auch für Jungen in den Leistungskatalog aufgenommen [10].

Bei Männern sind HPV-assoziierte Krebserkrankungen noch seltener als bei Frauen. Geimpfte Männer könnten aber als Überträger wegfallen und damit auch Frauen schützen. Auch mit der Reduktion von anderen, harmloseren, wenn auch unschönen Erkrankungen, wie Genitalwarzen, durch HPV wird für die Impfung argumentiert. Erste langfristige Beobachtungsstudien zeigen positive Ergebnisse hinsichtlich der Krebserkrankungen und anderer Endpunkte. Eine Senkung der Sterblichkeit konnte freilich bisher nicht belegt werden [11]. Selbst diese Metaanalyse wurde unter anderem wegen ihrer Pharmanähe heftig kritisiert [12] und es wurden Gründe angebracht, warum der Benefit der Impfung vermutlich überschätzt wird. Diese Kritik war ein wichtiger Baustein für eine Krise [13] der bedeutendsten Organisation für Metaanalysen, der Cochrane Collaboration. So hat die HPV-Impfung schon zwei „ehrwürdige“ Organisationen ins Zwielicht gerückt. Auch die Ständige Impfkommission (STIKO) und das Robert Koch-Institut haben sich im Zusammenhang mit der HPV-Impfung nicht mir Ruhm bekleckert und zu Recht heftige Kritik geerntet [14]. Die Impfung, die für sich in Anspruch nimmt, gegen eine lebensgefährliche Krankheit zu wirken, hat zunächst erstmal ordentlich Schaden angerichtet. Außer beim Umsatz der Hersteller: 2017 hat Merck mit Gardasil 2,3 Milliarden US-Dollar umgesetzt [15]. Nachdem Gardasil-9 nun alle Mitbewerber aus dem Feld zu schlagen scheint, dessen Patentschutz bis 2035 läuft und die potenziellen Impflinge über Nacht verdoppelt wurden, dürfte sich der vervielfachen. Drücken wir die Daumen, dass es nicht die einzige Erfolgsgeschichte im Zusammenhang mit der HPV-Impfung bleibt.

Stefan Lodders
Allgemeinmediziner aus Halle (Saale)

Literatur:

[1] https://worldwide.espacenet.com/data/publicationDetails/biblio?FT=D&date=19970102&DB=worldwide.espacenet.com&locale=en_EP&CC=EP&NR=0750669A1&KC=A1&ND=4 [Zugriff 29.6.2018]
[2] https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=2509 [Zugriff 29.6.18]
[3] https://www.zeit.de/online/2008/50/nobelpreis-verleihung-bestechung/seite-2 [Zugriff 29.6.18]
[4] https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_HPV.html#doc11064408bodyText3
[5] https://www.msd.de/fileadmin/files/fachinformationen/gardasil_9.pdf [Zugriff 29.6.18]
[6] https://www.deutschlandfunk.de/hpv-impfstoff-gegen-krebs-beide-geschlechter-muessen.709.de.html?dram:article_id=401789 [Zugriff 29.6.2018]
[7] https://www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressemitteilungen/2018/07_2018.html [Zugriff 29.6.18]
[8] https://www.tk.de/techniker/service/gesundheit-und-medizin/praevention-und-frueherkennung/impfungen-medizinische-hintergruende/hpv-impfung/hpv-impfung-fuer-jungen-2033612 [beispielhaft, Zugriff 29.6.18]
[9] https://twitter.com/search?l=de&q=HPV%20since%3A2018-06-05%20until%3A2018-06-28&src=typd [beispielhaft]
[10] https://www.g-ba.de/institution/presse/pressemitteilungen/765/
[11] http://www.cochrane.org/de/CD009069/hpv-impfung-zur-vorbeugung-von-gebarmutterhalskrebs-und-seinen-vorstufen [Zugriff 29.6.18]
[12] https://ebm.bmj.com/content/early/2018/07/27/bmjebm-2018-111012 [Zugriff 18.9.18]
[13] https://blogs.bmj.com/bmjebmspotlight/2018/09/16/cochrane-a-sinking-ship/ [Zugriff 18.9.18]
[14] https://www.arznei-telegramm.de/html/htmlcontainer.php3?produktid=101_01&artikel=1411101_01k [Zugriff: 19.9.18]
[15] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/312620/umfrage/fuehrende-impfstoffe-nach-weltweitem-umsatz/ [Zugriff 29.9.18]