Michail Bulgakow: ArztgeschichtenErzählungen aus dem Russischen von Thomas Reschke

Luchterhand Literaturverlag, ISBN 978-3-630-62183-8, Broschur 18,5 cm x 12 cm, 142 Seiten, 8,99 €

Es hat den jungen Absolventen der Medizin in die Weiten des in den letzten Zügen liegenden Zarenreiches ver-schlagen, in das Gebiet um Smolensk. Es ist Krieg, es ist Revolution. Beides schließt man zwar aus den Daten des Berichtszeitraumes, jedoch nur mit Abstrichen aus dem Erzählstoff des fünfundzwanzigjährigen Jungarztes. Er kann sich auf die Fachkenntnisse eines erfolgreichen Medizinstudiums stützen, was ihm in der ländlichen Einsamkeit des kleinen Dorfkrankenhauses aber nur bedingt nützt. Es fehlt ihm die wesentliche praktische Erfahrung für die verantwortliche Führung einer abgelegenen staatlichen ärztlichen Einrichtung. In dramatischen Notsituationen kann er nur sich und ein paar Bücher befragen.

In acht Erzählungen entsteht eine romanartige Geschichtensammlung. Es sind die Jahre 1916 und 1917. Vierundzwanzig Stunden mit dem Pferdewagen inkl. Übernachtung braucht es, um aus der Zivilisation der Kreisstadt mit Bahnstation und Elektrizität an den einsamen Bestimmungsort um das kleine Krankenhaus fern von Moskau zu gelangen. Die Wohnunterkunft des Arztes im Krankenrevier ist geräumig. Geschlafen wird auf dem Strohsack. Das Licht kommt vom Fenster und abends von der Petroleumlampe. Eine kleine integrierte Apotheke führt die nötigsten zeitgenössischen Medikamente samt Morphium und Chloräther. Ein paar Fachbücher in Russisch und Deutsch sind ebenfalls vorhanden, u. a. der vom Autor oft zitierte Kleine Döderlein für gynäkologische Fragen. Ein Operationsraum mit ihm teilweise fremden Instrumenten steht zur Verfügung.

Der junge Arzt fürchtet sich vor jedem nächtlichen Klopfen am Tor des Krankenreviers oder an der Tür seiner Wohnung, vor jedem Boten, lässt sich das aber nicht anmerken. Da wird ihm ein fast totes, junges Mädchen vorgefahren, das mit einem Bein in die Flachsbreche geraten ist. Er sieht nur noch zerfetztes Gewebe und amputiert das Bein aus reiner Hilflosigkeit. Bisher hatte er nur einmal eine Amputation von der Hörsaalbank her gesehen. „Stirb schneller, was soll ich sonst mit dir machen“, sagt er still zu sich. Das Mädchen überlebt, blüht auf und macht ihn in der Region berühmt.

Noch nie hat er einem Luftröhrenschnitt beigewohnt. Ein Kind mit schwerer Diphterie wird ihm gebracht. Es ist am Ersticken. Er wagt die notwendige Tracheotomie. Der die Haken haltende Feldscher kollabiert nach dem Hautschnitt und zerrt ungewollt so sehr an der Weichteilwunde, dass die zuvor vergeblich gesuchte Trachea zum Vorschein kommt. Das weitere Vorgehen ist vorgezeichnet und kann erfolgreich beendet werden. Das Kind ist gerettet, die Mutter muss sich nicht aufhängen bzw. muss ihr Mann, wie angedroht, sie nicht umbringen.

Bei der nächtlichen Irrfahrt im Schneesturm auf dem Heimweg von einer erfolglosen kollegialen Hilfeleistung greifen Wölfe das Gespann an. Die Pistole gehört neben gehöriger Kleidung, medizinischer Ausrüstung und ausreichend Zigaretten zur Armierung der Reisenden und sichert das Überleben der Schlittenbesatzung und der Pferde.

Die ländliche Bevölkerung, die den Bürger Doktor verehrt, sich vor dem Gebärstuhl verneigt, mitgegebene Medikamente im Block einnimmt und sich die heilenden Pflaster auf den Rücken des Pelzmantels klebt, versieht den Geburtskanal auch schon mal mit kristallinem Zucker für das erwartete Kind, damit es Lust hat zu kommen. Denn am meisten fürchtet der angehende Geburtshelfer die komplizierten Entbindungen. Er hat davon gehört und gelesen, sie aber nur zweimal selbst im Unterricht aus der Ferne erlebt. Nicht umsonst stehen ihm zwei Hebammen im Krankenhaus zur Seite. In deren Augen kann er lesen, ob seine angesetzten Griffe und Bewegungen die richtigen Wendemanöver sind. Nicht immer kann er das kleine Leben retten, wohl aber das der Mutter.

Bei einer frisch Verlobten kommt er zu spät. Das durchgehende Pferdchen vor dem Schlitten hatte ihren Schädel am Torbalken zerschmettert. Der verzweifelte Bräutigam verfällt dem Alkohol.

Zahnkaries ist etwas für die Zange in der Hand des Feldschers. Als er einmal selbst einen Zahn ziehen muss, hängt ein Teil des Kieferknochens daran.

Nach Beendigung seines Einsatzes über zwölf Monate auf verlorenem Posten wird ihm seitens des Amtes die Behandlung von 200 stationären und mehr als 15.000 ambulanten Patienten bescheinigt. Er hat gelernt, Weiberreden zu verstehen, den bitteren Tabaksqualm der Gemeinschaft zu ertragen, die Zeichen des 2. Stadiums der Syphilis wie Sternbilder zu erkennen, aus Terminbüchern Krankheitsverläufe zu deuten und Kinder in den tiefen Falten der Röcke ihrer Mütter verschwinden zu sehen.

Das letzte Kapitel des Buches nimmt das ihm überlassene Tagebuch eines benachbarten, morphinsüchtigen Kollegen ein, der sich selbst erst mit der Droge und schließlich mit der Pistole richtet. Die Schilderung des Verlaufes der elenden Sucht ist deshalb so ergreifend und mit ihren sozialen Verstrickungen so lebendig, weil Michail Bulgakow seine eigenen Erfahrungen mit diesem Teufel einfließen lässt. Er war zeitweilig ebenfalls süchtig. Bulgakow lässt anhand dieser Arztgeschichten schon am Anfang der Schriftstellerkarriere etwas von seiner literarischen Kompetenz erkennen. Er wird ein berühmter Schriftsteller und Theaterdichter und gerät so fast zwangsläufig in die Maschen der stalinistischen Zensur, sodass er die internationale Anerkennung seines reichen Schaffens nicht mehr als Lebender (1891-1940) erfahren kann. Das Buch ist geprägt von den Spannungen des Lebens eines einsamen Arztes in der Frühzeit seines beruflichen Alltags. Man liest es mit anhaltendem Interesse.

F.T.A. Erle, Magdeburg

Cover: Verlag