Marie Henneberg
Bildnis „Marie Henneberg“ 1901/02, Öl auf Leinwand 140 x 140 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Punctum/Bertram Kober

Ausstellung vom 14. Oktober 2018 bis 6. Januar 2019

Klimt kommt nach Halle. Mit diesem flotten Werbespruch wurde die Klimt-Ausstellung anlässlich des 100. Todestages des Künstlers angekündigt. Klimt kam – wie zu erwarten war – nicht, aber einige seiner Werke fanden den Weg nach Halle und können hier knapp drei Monate lang bewundert werden. Und wie sie bewundert werden, zuweilen mit Schlange stehen, wie Katrin Greiner, die Pressesprecherin, mitteilt.

In den 50er Jahren, als ich anfing, mich für Kunst zu interessieren, hätte man nicht Schlange gestanden. Jugendstil war nicht gerade „in“, sondern wurde eher als kitschig abgelehnt. Doch die Zeiten ändern sich. Klimt steht heute hoch im Kurs und das wohl zu recht. Der Wert seiner Gemälde ist ins Unermessliche gestiegen, mit der Folge, dass diese nicht oder nur ungern ausgeliehen werden.

Da ist es fast ein Wunder, wenn das hallesche Kunstmuseum, welches – bei allem Respekt – nicht zu den größten und reichsten Kunsttempeln zählt, ein wunderschönes Gemälde des Jugendstilmeisters sein eigen nennen kann, das Bildnis der Marie Henneberg.

Ein Wunder auch deshalb, da es 1979 zu DDR-Zeiten erworben wurde, was bei der damaligen Kunstpolitik aus heutiger Sicht fast unbegreiflich scheint. Auf jeden Fall ist es ein riesengroßes Glück für die Moritzburg, und wie Thomas Bauer-Friedrich – der Museumschef – auf der Pressekonferenz bemerkte, zieht eben ein solches Werk auch andere an, sozusagen seine Brüder und Schwestern,  einem Phänomen, dem wir nun in Halle die – leider kurzzeitige – Versammlung qualitativ hochwertiger Klimt´scher Werke verdanken.

Eugenia Primavesi
„Eugenia Primavesi“, 1913/14; Öl auf Leinwand 140 x 85 cm, Japan, Toyota Muncipal Museum of Art, Foto: © 2017. Photo Austrian Archives/Scala Florence

Die Erwartung der Leihgeber, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wird wohl die hallesche Marie Henneberg demnächst ebenfalls auf Reise schicken. Bei diesem Hintergrund ist es nicht hoch genug einzuschätzen, dass es den hiesigen Museumsleuten gelungen ist, diese Ausstellung präsentieren zu können. Rainer Robra, seines Amtes Staats- und Kulturminister, ließ es auch an Lob nicht fehlen und sprach vom größten Ausstellungsvorhaben des Jahres 2018 in Sachsen Anhalt.

Genug Anlass also, sich das anzusehen! Allerdings darf man aus den genannten Gründen nicht erwarten, so berühmte Werke wie „Der Kuss“, „Judith“ oder „Adele Bloch-Bauer“ in Halle zu sehen, aber was zu sehen ist, hat hohe Qualität und zusätzlich den Reiz des noch wenig Bekannten. Besonders möchte ich auf die Zeichnungen hinweisen, die den größten Teil der Exponate ausmachen und gegenüber den dominanten Gemälden stets etwas stiefmütterlich behandelt werden. Diese Zeichnungen aber sind die Grundlage für die berühmten Gemälde. In großer Zahl gefertigt, zeigen sie mühevolles Suchen nach der optimalen, endgültigen Form.

Eine Zeichnung bedarf in hohem Maße der Abstraktion. Mit wenigen, meist monochromen Strichen oder Linien ist die Realität, oder die künstlerische Vorstellung auf das Papier zu übertragen. Der Reiz der Zeichnung liegt in der Eleganz und Schönheit der Linie, diese ist an sich schon Abstraktion, da sie in der Natur nicht vorkommt, denn unsere Wahrnehmung der Umwelt basiert auf Flächen und Farben. Eine gelungene Zeichnung ist etwas Wunderschönes. Sie gleicht der Melodie eines Liedes, ein Gemälde hingegen einer Symphonie. Es lohnt sich, die Zeichnungen nach diesen Gesichtspunkten zu betrachten.

Erfreuen darf man sich auch an den vorwiegend weiblichen Portraits und Akten, die einer gewissen Erotik nicht entbehren. Insgesamt fällt am Werk Klimts eine ganz besondere Vorliebe für das weibliche Geschlecht auf. Seine Portraits von Damen der gehobenen Gesellschaft, die ihrem Stand entsprechend dargestellt sind, prächtig gekleidet, immer schön mit kostbarem Schmuck, strahlen neben einer Unnahbarkeit auch eine gewisse Erotik aus. Dieser Eindruck verstärkt sich in seinen symbolistischen Bildern noch und zeigt Klimts überfeinertes erotisches und etwas morbides Frauenbild. Übrigens malte Klimt nicht nur Erotik, sondern hat sie offensichtlich auch gelebt. In seiner Biografie sind sechs uneheliche Kinder erwähnt (mehr sind denkbar), auch seine Modelle waren nicht unbeteiligt.

Liegender Akt
„Liegender Akt“ 1914/15, Bleistiftzeichnung, 37,5 x 57 cm, Wien, Albertina, Foto: Albertina Wien

An die Klimt-Ausstellung schließt sich eine ergänzende Präsentation zu Hugo Henneberg und der Künstlerkolonie „Hohe Warte“ in Wien an. Henneberg, Ehemann der Marie, war ein damals bekannter Künstler und Fotograf.

Dr. Wolfgang Lässig
Langenbogen