Was unsere Gene über uns verraten

Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat - Was unsere Gene über uns verraten
Cover: Verlag

Deutsche Erstausgabe im Rowohlt Taschenbuchverlag Polaris, ISBN 978-3-499-63276-1, Reinbek 2018, aus dem Englischen von Monika Niehaus und Coralie Wink, 6 Abbildungen, 464 Seiten, 16,99 €

„Diese Geschichte handelt von Ihnen“, spricht der Autor, forschender Genetiker und exzellenter Wissenschaftsjournalist bei BBC und weiteren Medien, die potenziellen Leserinnen und Leser an. In diesem Buch lässt er seiner Leidenschaft für Genetik, Genomik und Historie freien Lauf. Daraus entwickelt sich eine lange Geschichte zur Geschichte des Menschen mit seiner Entwicklung zum Zeitgenossen über hunderttausende von Jahren als eine Art Hobbit, als Denison-Mensch, als Neandertaler und als Homo sapiens. Da ist eine Menge Erbmaterial zusammengekommen, das sich zum Auslesen anbietet. Rutherford möchte uns beim Übersetzen dieser Geschichte helfen, der Geschichte der Menschheit und der Geschichte der Genetik mit ihrer schwierigen Vergangenheit, insbesondere ihren Humanzweig betreffend.

Man liest das umfangreiche und unterhaltsame Buch mit Spannung. Es ist grob eingeteilt in: Wie wir entstanden sind (Teil I) und: Wer wir heute sind (Teil II). Die Kapitelüberschriften der beiden Teile sind im Boulevardstil als Blickfänger formuliert, z. B. zur Jahrtausende währenden Auswanderung aus der ostafrikanischen Heimat und gelegentlichen Vermischung mit den Neandertalern als: Geil und mobil. Das Kapitel zu den Rassetheorien wird schroff überschrieben: Das Ende des Rassebegriffs. In jedem von uns stecke ein bisschen was von allen unseren Vorfahren, ein Stück biologischer Unsterblichkeit, und das nicht in gerader Linie sondern über ein Geflecht von Wurzeln und Ästen. Wir alle seien verwandt mit Karl dem Großen, den Wikingern, Römern, Juden – und eben mit den Neandertalern, mit denen es Sex gab und die wahrscheinlich auch verspeist wurden. Im Genom unserer europäischen modernen Menschen findet sich bei genauem Hinsehen ein Anteil von 2,7 % aus Neandertaler-Ursprung. Kein Grund zur Panik! Unsere vor 30.000 Jahren ausgestorbenen Verwandten waren zwar kleiner und krummer als wir, hatten aber wahrscheinlich mehr Hirnvolumen.

Alles in diesem spannenden Buch ist Genetik in der Geschichte und umgekehrt. Ein Abschnitt widmet sich z. B. der Ausbreitung der Pest im Mittelalter aus China auf Handelswegen nach London auf breiter, verheerender Spur. Die moderne Genetik kann ihr anhand von Knochenfunden folgen. Der Biologe Rutherford erzählt es packend. Überhaupt erkennt man trotz Übersetzung aus dem Englischen einen Sprachstil, der auf einen lebensfrohen und sprachbegabten Verfasser schließen lässt, dem bei allem wissenschaftlichen Ernst Humor nicht fremd ist. Er ist eben Brite durch und durch, obwohl laut Familie und persönlicher professioneller DNA-Sequenzierung durch einen kommerziellen Anbieter seine Herkunft britisch und indisch wurzelt.

Zu seinen Geschichten gehört auch die spektakuläre Identifizierung der Gebeine von König Richard III. aus dem 15. Jh. durch die DNA-Analyse und anhand der Ahnentafeln 2012. Es konnte 2015 eine königliche Beisetzung folgen. Am Beispiel der Dynastie der Spanischen Habsburger mit ihrem ererbten vorstehenden Kinn geht der Autor auf die Problematik der Inzucht ein mit der treffenden Bemerkung: Wenn alles in der Familie bleiben muss. Man habe errechnet, dass die Vererbung der rezessiven Erbkrankheiten in Cousinen-Ehen dem Risiko entspräche, das auch heute für eine mehr als 41-jährige Gebärende ohne verwandtschaftliche Nähe bestünde. Auch die Geschichten mit den angeblich geraubten blonden Kindern in Roma-Familien kommen zur Sprache u. v. a. m.

Die moderne Genetik ist nach Entschlüsselung bedeutender Anteile des menschlichen Genoms mit dem Anfall riesiger Datenmengen auf komplizierte und hochspezialisierte statistische Rechenmodelle angewiesen. Die Entwicklung auf diesem Gebiet ist so rasant, dass der Autor bei Beendigung des Buchmanuskripts bereits vor der Notwendigkeit einer inhaltlichen Überarbeitung stand. Ein besonderes Anliegen scheint ihm zu sein, dass die Rassentheorien mit ihren unmenschlichen Folgen als Sackgasse erkannt werden. Sie hätten keine wissenschaftliche Grundlage und somit keinen Wert. Vielmehr sei es der Versuch ihrer Verfechter, sich auf Kosten anderer ein nicht vorhandenes Profil zu geben. Sein bisher größtes persönliches Erleben ist dem Dreiundvierzigjährigen die Erfahrung der internationalen Wissenschaftsgemeinde mit dem Humangenom, auf dem die Hoffnung und die Zukunft der Biologie des 21. Jahrhunderts ruhen. Es konnten schon Geheimnisse gelüftet werden, von deren Existenz man bisher nicht einmal Kenntnis hatte. Jedes Individuum ist einzigartig. Wir sind eine Spezies der Evolution. Eine Art, die sich nicht mehr entwickelt, ist schon so gut wie ausgestorben, so das Postulat des Adam Rutherford. Die Forscher werden, solange es Menschen gibt, niemals an ein Ende kommen. „Aber das Buch endet jetzt“, schließt er seinen Redefluss nach mehr als 400 Seiten lakonisch ab. Ein Glossar, Literaturangaben und ein dichtes Namens- und Sachwortregister sind hilfreiche Zugaben für die Leserschaft. An einigen Stellen des Textes ist man zum Überlesen gezwungen, wenn man zu bequem ist, sich in die diskutierte wissenschaftliche Methodik zu vertiefen. Das tut dem Buch jedoch keinen Abbruch!

F.T.A. Erle, Magdeburg