Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen WörterbuchHerausgeber: Peter Graf

Grafisch in Szene gesetzt von 2xGoldstein+Fronczek, VERLAG DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS Berlin 2018, ISBN 978-3-946990-11-6, gebunden im Octav-Format, künstlerisch illustriert, 352 Seiten, 25 €

Warum sollte man ein Wörterbuch nicht nur nutzen sondern wie gute Literatur lesen? Und dann noch eines mit Begriffen, die auf den ersten Blick doch recht alt aussehen, in Form und Inhalt! Liebhaber der deutschen Sprache werden solches tun, da es ein faszinierendes Buch ist.

Der Autor bzw. Herausgeber, Sammler und Rosinenpicker, Verleger Peter Graf, ein Name in seiner Zunft, hat sich ein nachvollziehbares Vergnügen bereitet. Aus dem immensen Fundus der 320.000 Stichwörter in 34 Bänden des Deutschen Wörterbuchs (DWB), das 1838 von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm begonnen und von den folgenden Generationen bis 2012 weitergeführt wurde, hat er mehr als zweitausend Begriffe herausgeklaubt, die er als seine persönliche Blütenlese verstanden wissen möchte. Ob das alles Wortschönheiten sind, mag die Leserschaft nach ihrem Geschmack empfinden. Der Beachtung wert sind sie allemal.

Die Brüder Grimm hatten als wissenschaftliche Landmarken der Spracherneuerung den Luther und den Goethe ins Visier genommen. Das DWB in letzer Ausfertigung geht natürlich bezüglich Quellen weit darüber hinaus bzw. hinein. Peter Graf übernimmt im Buch die durchgehende Schreibung der Stichwörter in Großbuchstaben. Es werden dem zugeordnet die Angaben zur Entwicklung oder Herkunft der Begriffe, z. B. etymologisch, geografisch, mundartlich, literarisch etc. Die Reihung der Wörter geht nach dem Alphabet, dessen Buchstabenliste durch eine grafisch bemerkenswert gestaltete Doppelseite zur phonetischen Bildung der Anfangsbuchstaben unterhaltsam gebrochen wird. Überhaupt ist das Buch bibliografisch an Material, Design und Layout hervorragend gestaltet. Man schaut gern hinein, um sich dann an dieser schlichten Sammlung von Wörtern seiner Muttersprache festzulesen. Es ist vor allem der Wandel der Begriffe und ihre schon etwas verschüttet geglaubte Bedeutung in der derben Umgangssprache, teilweise noch unserer Biografien.

Man wird den DOPPELMOPS heute nicht mehr in der Schnupftabakdose vermuten, eher schon in einer Bluse. Dort aber befanden sich die MARMELBALLEN. Das SCHWELLFÖTZCHEN nannte man eine Merseburger Biersorte. Und FICKENFAUL war der Geizige. BUMPSEN bedeutete prügeln und KUTZEN taten der oder die Hustende. ARSCHKAPPEN hießen die Kerle, BANKBUBEN die chronischen Weintrinker und SEELENKANNIBALEN die Atheisten. Als bedauerlich kann das Verschwinden des MÄDCHENSOMMERS und seinen weitgehenden Ersatz durch den Altweibersommer beklagt werden. Ja, und die LANDLUST gab es schon im 16. Jahrhundert, allerdings nicht in Hochglanz zum Blättern. Die DEUTSCHHEIT wurde von unseren sprachpflegenden Ahnen bei allem Patriotismus als lächerlicher Trotz und die Verachtung der Ausländer als töricht gegeißelt. Sie zogen aber auch schon früh gegen das VERBRITTEN, das Anglisieren des Deutschen vom Leder.

Der editierende Verlag ist ein noch recht junger. Er widmet sich seit seiner ersten Publikation 2017 der Erinnerung des kulturellen Vermächtnisses, mehr oder weniger das Liebhaberwerk eines Verleger-Freundeskreises.

Sofern man nicht an AUGENBLÖDE (Sehschwäche) leidet, wird man in diesem Buch frohsinnig die eigensinnigen Einträge und ihr Drumherum wahrnehmen und vielleicht auch einmal in das im Netz lesbare Grimmsche Wörterbuch sehen, sich selbst auf Schatzsuche begeben wollen. Das vorliegende Buch erfreut sich offensichtlich der zahlreichen Nachfrage und somit hohen Wertschätzung bei den Freunden der deutschen Sprache.

F.T.A. Erle, Magdeburg

Cover: Verlag