Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld: Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Piper Verlag München 2018, ISBN 978-3-492-05837, geb./Oktavformat, 220 Seiten, 16 Abbildungen, € 24,-

Es sind die Visionen und radikalen Ideen, die unsere technologische Entwicklung vorangetrieben haben, der Wunsch zu fliegen, die unbegrenzte Mobilität, die abrufbare Energiebereitstellung. In jedem Prozent einer Verbesserung unserer Lebensumstände stecke ein ehemals utopisches Potenzial, so Julian Nida-Rümelin, der Münchner Philosoph. Zusammen mit seiner Ehefrau, der Kultur- und Filmwissenschaftlerin Nathalie Weidenfeld, legt er im Auftrag des Piper-Verlags ein bemerkenswertes Buch auf den Tisch des Fachhandels. Dessen Haupttitel „Digitaler Humanismus“ klingt in dieser Zusammenstellung wie aus zwei verschiedenen Welten, der einer modernen Technologie und der einer philosophisch verankerten Weltsicht. Selbst die Künstliche Intelligenz aus dem Untertitel, ein unbestreitbar arriviertes Schlüsselwort unserer Tage, geht den an sprachlicher Schlüssigkeit interessierten Lesenden gegen den Strich. Man wird beides akzeptieren müssen. Die Autoren jedenfalls versuchen, die moderne digitale Lebenswirklichkeit mit der humanistischen Ethik in Einklang zu bringen.

Das Buch ist nach Vorworten und Einführung in zwanzig thematische Kapitel strukturiert, eines aktueller und interessanter als das andere. Sie sind von je einer schlagwortartigen und einer sachlich informierenden Überschrift gekrönt, z. B. zum Thema der physischen Aufwertung, dem sog. Enhancement: Upgraden Sie Ihren Körper. Die transhumanistische Versuchung. Um den Stoffen eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen, beginnt (fast) jedes Kapitel mit Szenen aus einem Film. Passionierte Cineasten des Genres Science Fiction haben einen Vorsprung vor diesbezüglich unbedarften Lesern. Passende Szenen aus Star Wars, Blade Runner, Iron Man, Ex Machina, Matrix, Metropolis etc. malen das Bild zur nachfolgenden ethisch-philosophischen Reflexion des jeweiligen Problems. Das Spektrum letzterer umfasst die Fragen, die sich dem wachen Zeitgenossen stellen, wenn er mit der Digitalisierung und ihren Versprechungen und Folgen konfrontiert wird. Das reicht vom Roboter als digitalen Sklaven, von dessen nicht vorhandener Urteilsfähigkeit, der Kommunikation im Internet, den Datenpools versus verfügbares Wissen bis zur Metaphysik der Digitalisierung. Man darf annehmen, dass überwiegend für das Narrative N. W., für die philosophische Erschließung J. N-R. verantwortlich zeichnet. Verantwortung spielt in diesem Zusammenhang überhaupt eine große Rolle. Es ist nichts lebensfremd an den packend dargestellten Fragen und ihren ethisch orientierten Versuchen von Antworten im Spannungsfeld zwischen apokalyptischen Ängsten und euphorischen Erwartungen. Immerhin muss man bei manchen Onlinekontakten heute schon versichern, dass man kein Roboter sei!

Einer der Hauptaspekte ist immer wieder der scheinbare Grenzbereich zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz. Wann hauchen hochkomplexe Algorithmen, z. B. von Computern generierte Computer, den Maschinen eigenständig agierenden menschlichen Geist ein? Nie, sagen die Autoren und gehen von überzeugenden Simulationen durch hochkomplexe Algorithmen aus. Denken und Abwägen, das können sie nicht, die rechnerisch gesteuerten Kunstmenschen. Wer aber trägt die Verantwortung beim Unfall des selbstfahrenden Automobils? Wie verändern in Zukunft diese Roboter unsere Städte und Dörfer? Mit wem können wir bei Fehlern nach automatischem Vertragsabschluss persönlich kommunizieren. Gibt es echte Liebesgefühle zwischen dem Menschen und der reizenden Ava(tarin)?

Das Buch ist handwerklich ansprechend gefertigt mit seinem starken und handlichen Papier und im angenehm lesbaren Satz (Sabon). Die in schwarz-weiß reproduzierten Fotos im Text entstammen sämtlich den im Text zitierten Filmen, wenn sie auch den Blick auf die Kinoleinwand, schon der fehlenden Akustik wegen, nicht ersetzen können. Wenn man sich damit abfindet, dass man nur der Generation der digitalen Immigranten und nicht der digitalen natives (Hineingeborenen) angehört, ist dieses sehr lesenswerte Buch eine Fundgrube für das Nachdenken, nicht zuletzt in ethisch ausgerichteten philosophischen Kategorien entlang der Grundbedingungen für das Menschsein, die Conditio humana. Das Buch hilft gegen Resignation und Kapitulation vor der digitalen Zukunft und manch anderer Angst. Das Schlaraffenland á la Pieter Bruegel d. Ä. (satt, dick, faul) wird es wohl auch nicht geben. Das wären eine fehlgesteuerte Vision und ein zu hoher Preis für die auf digitalem Wege errungene Freiheit.

F.T.A. Erle, Magdeburg

Cover: Verlag