Richard Sennett - ZusammenarbeitWas unsere Gesellschaft zusammenhält

A. d. Amerikanischen v.  M. Bischoff, Hanser Berlin 2012,  ISBN 978-3-446-24035-3, geb. m. Schutzumschl. Oktav, 1 Abb., 414 S., € 24,90

Ein kurzer und prägnanter Titel, ein vielversprechender Untertitel, ein relativ dickes Buch - man darf gespannt sein. Schon im Inhaltsverzeichnis stößt man auf Formulierungen, die ahnen lassen, dass es eine anspruchsvolle, also schwierige Lektüre werden könnte. Fast immer, wenn ein Human- bzw. Geisteswissenschaftler aus einem reichhaltigen Schaffen schöpft, wird der interessierte Laie erst einmal mit einer seltsamen Fachsprache konfrontiert, was verstörend, wenn nicht vorübergehend gar frustrierend wirkt. Das trifft hier aber nur selten zu. Der Gehalt der Abhandlung gleicht solche Hürden aus.

Richard Sennet hat einen Namen in der Soziologie und deren Geschichte. Er lehrt an  Universitäten in New York und London, hat als Theoretiker und Historiker des städtischen Lebens einen Ruf. Sein besonderes Interesse gilt der Vereinzelung, der Orientierungslosigkeit und der Ohnmacht des modernen Individuums. Seine Publikationen dazu werden weltweit zitiert. Das vorliegende Buch, 2012 in den USA bei  Yale University Press  und in Großbritannien bei Allen Lane  erschienen, ist in die drei Teile Kooperation gestalten, Geschwächte Kooperation und Gestärkte Kooperation mit 9 Kapiteln, Vorwort und Koda (Schwanz) gegliedert. Er untersucht darin die Kooperation aus verschiedensten Per­spektiven und stützt sich auf Forschungen aus der Anthropologie, der Geschichte, der Soziologie und der Politik und tut dies mit Erfolg. Dass er dabei immer wieder etwas weitschweifig und wiederholend schreibt, fällt sicher nicht nur dem fachfremden Leser auf. Als Modellvorstellung dient ihm das Bild eines Orchesters. Er ist Cellist. Das Umschlagsbild eines Achters mit Steuermann soll den Gedanken der ersprießlichen Zusammenarbeit wohl etwas vereinfachter verdeutlichen. Aus der Fülle des wissenschaftlich sortierten Stoffes mit vielen praktischen Bezügen kann man in der Rezension nur Einzelnes zitieren. Eine relativ große Passage widmet der Autor im I. Kapitel der Reformation und deren Kulturfolgen. Anhand des berühmten Gemäldes Hans Holbeins   d. J. „Die Gesandten“ (1533), es befindet sich in der Londoner Nationalgalerie, identifiziert er Veränderungen in Religion, Kultur, Wissenschaften und Technik. Er erkennt Neues in der materiellen Produktion, stellt den Wechsel vom ritterlichen zum höfischen Umgang fest und nimmt den Wandel in den religiösen Ritualen wahr. Der amtliche Gebrauch von Landessprachen und die Veränderungen der Kooperationsbeziehungen in der handwerklichen Fertigung seien weitere Reformationsfolgen.  Sennet stützt darauf seine Aufforderung zur ständigen Reformation, für die immer Bedarf bestünde.

Einige Passagen sind von besonderem Interesse, z. B. wenn es um das Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz geht. Unsere Natur als sozial lebende Wesen habe nicht im Garten Eden ihren Ursprung sondern in einer tödlichen Konkurrenzsituation bei der Nahrungssuche. Daraus ergebe sich ein fragiles Gleichgewicht in der Zusammenarbeit angesichts sich ständig ändernder Umgebungsbedingungen. Hier sind Natur und Kultur in die Waage zu bekommen, Dialog und Offenheit gefragt. Sennet sieht ein Spektrum vom aufopfernden Altruismus bis zur rücksichtslosen Gewinn­einseitigkeit, letztere in Abstufungen zunehmend dominierend. Resultat sei das „Einigeln“ des Einzelnen, bestenfalls in Gemeinschaft beim „Alleinkegeln“. Diese gesellschaftliche Passivität bekämen u. a. Gewerkschaften und Organisationen zu spüren, nicht nur in den USA. Ob die ansteigende Kontaktnahme über das Internet dem abhelfe oder nur ein weiteres Indiz sei, wäre  noch nicht beantwortet.

Manchmal sei es hilfreich, sich „fremde“ Kooperationsformen anzusehen, z. B. das Guanxi, ein starker Kodex der sozialen Zusammenarbeit im aggressiv kapitalistischen China. Guanxi, das ist der Begriff für ein Netzwerk persönlicher Beziehungen und Kontakte, das auf fast alle zu fällenden Entscheidungen der Chinesen Einfluss hat. Das ist keine zu vermutende Korruption. Das sind mühsam und langfristig aufgebaute, absolut vertrauenswürdige Beziehungen in besten Sinne zwischen Menschen, die z. B. aus dem gleichen Dorf stammen oder die zusammen ein langes Studium gemeistert haben. Hilfe ist untereinander sicher, erwiderte Hilfe gleichermaßen. Das sei etwas anderes als Kameradschaft oder Freundschaft. Das sei Kooperation in besonders tragfähiger Form.
Pfeifenrauchen - ein Angstritual, Heldenkrieger -  eine narzisstische Gefahr für die Kameraden. Das Buch ist voller überraschender Kooperationshintergründe, die den Horizont des Lesers  erweitern könnten in dieser Zeit der radikalen Simplifizierung des sozialen Lebens. Ein umfangreiches Register nach den Textseiten und 20 Seiten Anmerkungen bilden den hilfreichen Abschluss der mitunter anstrengenden Lektüre.

F.T.A. Erle, Magdeburg