Eine Würdigung des Schriftstellers zu seinem 200. Geburtstag aus medizinischer Sicht

„Als ich in Halle war, da war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin und in Giebichenstein, ... da hab ich Zwillinge mit der Flasche großgezogen ...“ antwortet die unglückliche, gerade stellungslos gewordene Roswitha der schwangeren Effi Briest, die eine Amme sucht und in ihr eine treue Seele gefunden hat. Denn sie hält zu der jungen Frau als sich alle anderen von Effi nach der Entdeckung einer lang zurückliegenden Affäre abgewandt haben. [1]

Theodor Fontane (1819-1898), dessen 200. Geburtstag wir am 30.12.2019 feiern, wurde zu diesem Roman durch das Schicksal der Elisabeth von Plotho (1853-1952) angeregt, die im altmärkischen Zerben aufgewachsen, in die Ehe mit einem Baron von Ardenne (1848-1919) gedrängt worden war. Ihr Ehemann tötete ihren Liebhaber im Duell, so wie es Theodor Fontane in seinem Roman beschreibt. Nur wird Elisabeth ein hohes Alter erreichen, während Effi Briest als junge Frau stirbt. [2] Sie ist eine von seinen Frauengestalten, die einen „Knacks weg haben“, eine „Tochter der Luft“, die an den Konventionen scheitert. [1,3]

Theodor Fontane 1894
Theodor Fontane 1894

Ihre äußere Erscheinung bildete der Schriftsteller einem englischen Mädchen nach, dem er im Hotel Zehnpfund in Thale/Harz begegnete, wo er Muße und Erholung suchte. [4] In seinem Roman „Cecile“ diente das Hotel Fontane als zentraler Ort der Handlung. Die Hauptheldin lernt hier den Ingenieur Gordon kennen, der sie verehrt und sie häufig begleitet. Nachdem er jedoch von ihrer Vergangenheit als Mätresse zweier Fürsten erfahren hat, beginnt er sie zu bedrängen. Darauf wird er von ihrem Ehemann zum Duell gefordert und getötet. Cecile, die sich von beiden verraten fühlt, begeht Selbstmord mittels einer überhöhten Dosis eines Digitalispräparates. [5]

Der in Neuruppin geborene Theodor Fontane wusste über die Wirkungen, die gefürchteten Nebenwirkungen und die geringe therapeutische Breite des Präparates genau Bescheid. Denn er erlernte bei Wilhelm Rose (1792-1867) in Berlin den Beruf des Apothekergehilfen und übte ihn kurzfristig in Burg bei Magdeburg aus, nahm dann aber eine Stelle in Leipzig an, die er erst nach Ostern 1841 anzutreten hatte. Zwischenzeitlich erkrankte er an lebensbedrohlichem Typhus. Als noch „ziemlich schmalbäckig aussehender Rekonvaleszent“ traf er am 31. März 1841 in der Adler-Apotheke in Leipzig ein, wo er sich wohlfühlte. Im folgenden Jahr befiel ihn jedoch ein rheumatisches Fieber, das zu häufigen Rezidiven führte. [6]

Fontane, der inzwischen Apotheker erster Klasse war, übte seinen Beruf bis zum Jahre 1849 aus. Danach ging er als Zeitungskorrespondent für mehrere Jahre nach London. Daneben schrieb er Gedichte, Reiseberichte und Kriegsreportagen. Seine großen Erzählungen entstanden mit Ausnahme des Romans „Vor dem Sturm“ aber erst in seinen letzten zwei Lebensjahrzehnten. [7]

Der Reigen dieser Schöpfungen beginnt mit der Novelle „Grete Minde“, in der die von ihrem Halbbruder um ihr Erbe betrogene junge Frau ihre Heimatstadt Tangermünde in Brand steckt. Sie selbst, ihr eigenes und das einzige Kind des Bruders kommen im brennenden Kirchturm um. Grete Minde wird in einem frühen Stadium der Erzählung vom Blütenstaub des heilenden aber auch giftigen roten Fingerhutes getroffen. Theodor Fontane nutzte die Szene, um ihre glücklichen, aber auch die dunklen Anlagen anzudeuten, die ihr Handeln bestimmen. [8] Dem Werk liegt eine vom Autor frei bearbeitete historische Begebenheit zugrunde.

Ein Jahr später ließ er sich durch eine Kriminalgeschichte, die er in den Ilsenburger Kirchenbüchern fand, zu seinem Roman „Ellernklipp“ anregen. Im Zentrum der Handlung steht Hilde, die uneheliche Tochter eines Grafen, die nach dem Tod der Mutter beim Heidereiter aufwächst. Der Dichter findet im gelben Fingerhut, der am Grab der Mutter wächst, ein Symbol für das Wesen und künftige Schicksal dieses träumerischen und passiven Mädchens. Als Hilde zur Frau gereift ist, geraten der Pflegevater und sein Sohn, die sie beide begehren, an dem Felsvorsprung „Ellernklipp“ aneinander, wobei der Ältere seinen jungen Rivalen die Klippe hinabstößt. Hilde fügt sich in die Ehe mit dem Heidereiter, den sie achtet, aber auch fürchtet. Als dieser vom Arzt erfährt, dass ihr herzkrankes Kind sterben wird, erschießt er sich an der Felsklippe [9].

Theodor Fontane litt selbst an einem Herzklappenfehler, am ehesten wohl an einer Aortenklappenschwäche, worüber er 1880 in einem Brief aus Wernigerode an seine Frau Emilie Fontane (1824-1902) schrieb: „Ein Dickhäuter mit kurzem Hals und festen Herzklappen kann alles das aushalten, aber bei wem die Herzklappen so mangelhaft schließen wie früher die Hosenklappen ... die müssen im Sommer ins Hochgebirge (Wernigerode) oder an die See.“ [10] Fontane kannte die Diagnose wahrscheinlich schon seit dem Jahre 1859, nachdem er den Herzspezialisten Ludwig Traube (1818-1876) konsultiert hatte. [11] Mit Wernigerode verband ihn eine besondere Beziehung. Er schrieb über die Stadt im August 1880: „Ich liebe diesen Ort so, daß ich, ich will nicht sagen hier sterben, aber hier begraben sein möchte.“ [12]

Brief Theodor Fontanes an Georg Friedlaender vom 05. Januar 1898
Brief Theodor Fontanes an Georg Friedlaender vom 05. Januar 1898

Dieses und andere Briefzitate deuten freilich auch darauf hin, dass Theodor Fontane in eine seiner depressiven Episoden geglitten war, die er „Nervenpleiten“ nannte. Ein gutes Jahrzehnt später befiel ihn während der Arbeit an seinem großen Roman „Effi Briest“ tiefe Niedergeschlagenheit, die von qualvoller Schlaflosigkeit begleitet war. Eine von Prof. Ludwig Hirt (1844-1907) im Jahre 1892 veranlasste „Elektro-Galvanische Kur“ blieb erfolglos. Erst als er dem Rat seines Hausarztes folgend, seine Kindheit zu reflektieren begann, gelang es ihm sowohl den autobiographischen Roman „Meine Kinderjahre“ zu schreiben, als auch „Effi Briest“ zu vollenden. [11,13] Wie er später bekannte, habe er sich am Buch der Kinderjahre „gesundgeschrieben“. [7]

Dubslav von Stechlin, die zentrale Gestalt seines letzten Romans, erkrankt jedoch an einer Herzschwäche und wird letztlich vergeblich mit der Digitalis-Droge behandelt. [14] Theodor Fontane selbst litt während der Arbeit an seinem Abschiedswerk an nächtlichen Hustenattacken, konnte aber noch in den letzten Tagen seines Lebens die drei Treppen zu seiner Wohnung steigen. Das ist umso erstaunlicher, als seine Herzfrequenz, wie er am 18. September in einem Brief an seine Frau schrieb, nur noch 34 Schl./Min. betrug. Somit ist ein AV-Block III. Grades anzunehmen. Fontane lebte mit einer Herzfrequenz von 36 Schl./Min. mindestens schon seit März 1898, wie einem Brief an Georg Friedlaender (1843-1914) zu entnehmen ist. [11,15,16]

Ein kleines Malheur, das Fontane in einem nebenstehend abgebildeten Brief vom 05.01.1898 unterlief, könnte jedoch auch schon die Folge einer temporären Rhythmusstörung gewesen sein. Es findet sich dort ein kurzer, über den Text schräg verlaufender Strich, den er mit den Worten kommentierte: „Pardon, die Feder fiel mir aus der Hand.“ War ihm während einer kurzen Synkope die Feder über den Text gerutscht? [17] Seither konnte er kaum noch arbeiten oder lesen. [18]

Am 20. September 1898 ging er nach dem Abendbrot in sein Zimmer, um seine Verdauungsmedizin einzunehmen. Dort fand ihn seine Tochter
15 Minuten später leblos auf. [11]

Fontane ist sehr leise aus dem Leben geschieden. Inzwischen hat die wohltätige Wirkung seines menschenfreundlichen Werkes stetig zugenommen. Deshalb gilt für Theodor Fontane selbst, was er über den Helden seines bekanntesten Gedichtes schrieb: „So spendet Segen noch immer die Hand / Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“ [19]

Dr. med. Dietmar Seifert
Delitzsch

Fotos: Theodor-Fontane-Archiv Potsdam

Literaturverzeichnis:

  1. Fontane T, Effi Briest. Stuttgart: Reclam jun., 2002: 7, 126
  2. Die Ardenne-Geschichte, https://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/seiler/effi_briest/h/ardenne/druck/ardenne.pdf
  3. Fontane T, Brief an Colmar Grünhagen vom 10. 10. 1895. In: Keitel W, Nürnberger H, Hrsg. Werke, Schriften und Briefe Abtl. IV, Briefe Bd. 4. München: Hanser, 1982: 487
  4. Fontane  T, Brief an Hans Hertz vom 02. 03. 1895. In: Schreinert K, Hay G,Hrsg. Theodor Fontane, Briefe an Wilhelm und Hans Hertz 1895-1898. Stuttgart: Klett, 1972: 356
  5. Fontane T, Cécile. Stuttgart: Reclam jun., 1982: 16-190
  6. Fontane T, Von Zwanzig bis Dreißig. Hamburg: Severus, 2014: 7-24, 61-66, 96-103
  7. Dieterle R, Theodor Fontane. München: Hanser, 2018: 641- 646, 699-711
  8. Fontane T, Grete Minde. Stuttgart: Reclam jun., 1993: 3-107, (68-69)
  9. Fontane T, Ellernklipp. München: dtv , 2015: 7-116, (30)
  10. Fontane T, Brief an Emilie Fontane vom 14. 08. 1880. In: Erler G, Hrsg. Theodor Fontane Grosse Brandenburger Ausgabe, Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles, Der Ehebriefwechsel, 3,  1873  - 1898, Berlin: Aufbau, 2. Aufl. 1998: 240-241
  11. Gravencamp H, Um zu sterben muß sich Herr F. erst eine andere Krankheit anschaffen. Göttingen: Wallstein, 2004: 111-120
  12. Fontane T, Brief an Emilie Fontane vom 04. 08. 1880. In Erler G, siehe Nr. 10
  13. Nürnberger H, Theodor Fontane mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Helmuth Nürnberger. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1868: 143-148
  14. Fontane T, Der Stechlin. Stuttgart: Reclam jun., 1978: 365-373
  15. Ritter O, Fattorusso V, Atlas der Elektrokardiographie. Basel, München, Paris, London, New York, Sydney: Karger, 1976: 216-220
  16. Haverkamp W, Breithardt G, Moderne Herzrhythmustherapie. Stuttgart: Thieme, 2003: 158-160
  17. Fontane T, Brief an Ludwig Friedländer vom 05. 01. 1898: Fontanearchiv
  18. Fontane T, Tage-und Reisetagebücher, Tagebücher 1866-1882; 1884-1898. In: Erler G, Erler T, Grosse Brandenburger Ausgabe. Berlin: Aufbau, 1994: 268
  19. Fontane T, Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. In: Reuter HH, Fontanes Werke in fünf Bänden, Berlin, Weimar: 52-53