Leserbrief von Prof. Dr. Frank P. Meyer zum Artikel „Jahresrückblick ‚Innere Medizin‘ am 12. Januar im Schloss Teutschenthal“ im Ärzteblatt Sachsen-Anhalt, Heft 4/2019, S. 19ff

Sehr geehrte Frau Dr. Heinemann-Meerz,

im Jahresrückblick „Innere Medizin“ wird u. a. formuliert, dass „SGLT2 Inhibitoren nach derzeitiger Studienlage vielversprechende Antidiabetika“ sind. Dabei wird besonders auf Dapagliflozin in der DECLARE-TIMI-58-Studie fokussiert, z. B. „Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz… wurden reduziert.“

Aus klinisch-pharmakologischer Sicht müssen beide Aussagen kommentiert werden. „Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz“ erfolgten im Placebo-Arm bei 3,3 % und unter Dapagliflozin bei 2,5 % der Patienten. Das ist zwar bei insgesamt mehr als 17 000 einbezogenen Patienten eine signifikante Differenz – aber klinisch völlig irrelevant. Die absolute Risikoreduktion (ARR) beträgt nur 0,8 % (3,3 - 2,5). Daraus resultiert ein NNT (number needed to treat)-Wert von 125 (100 : 0,8). Das bedeutet, dass 124 von 125 Patienten keinen Nutzen aus der Therapie ziehen: NTN (number treated needlessly) = 124.

Nicht kommuniziert wurde in dem Bericht, dass genitale Infektionen unter Dapagliflozin häufiger auftraten (0,9 %) als unter Placebo (0,1 %). Das absolute Risiko wird also um 0,8 % erhöht, was einem NNH (number needed to harm)-Wert von 125 entspricht. Es resultiert für Dapagliflozin also kein Netto-Benefit (NNT: 125, NNH: 125)!

Wenn überhaupt ein SGLT2-Hemmer indiziert ist, dann käme wohl nur das etwas wirksamere Empagliflozin (Jardiance) in Betracht. Aber auch hier ist zu beachten, dass genitale Infektionen in der EMPA-REG-OUTCOME-Studie vor allem bei Frauen unter Empagliflozin wesentlich häufiger auftraten (10 %) als unter Placebo (2,6 %): Risikoerhöhung 7,4 %, NNH = 14!

Bei Frauen sollten SGLT2-Hemmer möglichst vermieden werden. „Süßer Urin“ ist eben ein idealer Nährboden für Bakterien und Pilze!

Schließlich sollte bei dieser Substanzgruppe auch an die zwar seltene, aber potentiell lebensbedrohliche Fournier-Gangrän (nekrotisierende Fasciitis des Perineums) bei Männern und Frauen gedacht werden (Rote-Hand-Brief vom 21.1.2019).

Die Industrie kann zwar „viel versprechen“, Ärzte und Patienten haben aber meistens (sehr) wenig zu erwarten bzw. zu erhoffen.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Frank P. Meyer
Wanzleben-Börde