Dr. med. Paul Franke Dr. med. Paul Franke wurde am 3. Juni 1939 in Schönebeck geboren. Die Schulzeit schloss er 1957 in seiner Heimatstadt Schönebeck mit dem Abitur ab und begann sein Medizinstudium 1960 an der Medizinischen Akademie Magdeburg, das er nach einem Wechsel an die Martin-Luther-Universität Halle 1966 mit dem Staatsexamen beendete.

Die Facharztausbildung zum Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe absolvierte er an der Medizinischen Akademie Magdeburg, promovierte zum „Dr. med.“ mit dem Thema „Zur Frage der Geburtseinleitung bei verlängerter Tragzeit“. Es folgte die Stationsarzttätigkeit auf verschiedenen Stationen der Frauenklinik unter der wohlwollenden Förderung seines Chefs Prof. Dr. med. habil. Lindemann, der sich auch später als Förderer seines psychotherapeutisch-psychosomatischen Werdegangs erwies. 1974 beginnt Paul Franke seine nebenberufliche psychotherapeutische Weiterbildung, in der er sich mit allen in der DDR möglichen Psychotherapieverfahren vertraut machte, wobei die Gruppenselbsterfahrung, zunächst als Teilnehmer und dann als Trainer, seine dynamisch-psychotherapeutische Ausrichtung und Haltung prägte.

Kurt Höck stimmte 1974 Paul Franke um, der auf dem besten Weg war, die Frauenheilkunde zu verlassen, um sich unter Gleichgesinnten voll der Psychotherapie zu widmen. „Herr Franke“, so Höck, „in der Frauenheilkunde werden Sie gebraucht, da gibt es in der DDR noch nichts.“ Am 16. November 1979 traf sich auf Einladung Paul Frankes eine kleine Gruppe von an der Psychosomatik interessierter Frauenärzte in Magdeburg, um die „Arbeitsgemeinschaft für Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe“ ins Leben zu rufen. Für DDR-Verhältnisse ein unerhörter und eigentlich unmöglicher Vorgang, hatte sich doch hier eine nicht „von oben“ verordnete, sondern „von unten“ freiwillig und an der Sache interessierte Kollegenschaft zusammengefunden. Von der „Muttergesellschaft“, der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe der DDR erfuhr die Gruppe zunächst eher Ablehnung, kaum Beachtung, aber dafür herzliche Aufnahme in der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie, wo sie wohlwollende Förderung erfuhr.

Ein erster Höhepunkt war die von Paul Franke angeregte erste öffentliche und legendäre Tagung in Magdeburg im November 1984, auf der Christa Wolf als Festrednerin sprach. Man kann sich heute wahrscheinlich gar nicht vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten es verbunden war, Christa Wolf auf einer Tagung sprechen zu lassen. Sie war zu diesem Zeitpunkt beim Politbüro in Ungnade gefallen. Es gehörte viel Mut und Standfestigkeit dazu, sich nicht von diesem Vorhaben abbringen lassen. Freunde rieten ab und Christa Wolf selber hatte gewarnt, sie als Festrednerin sprechen zu lassen. Es ging nicht nur um Kritik an einer allein auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse ausgerichteten Medizin, sondern auch um Kritik an den politischen Verhältnissen. Die Tagung wurde der Durchbruch. Ein anspruchsvolles Ausbildungssystem wurde entwickelt und etabliert.

Paul Franke ging es in erster Linie um die Vermittlung psychosomatischer Kenntnisse und beziehungsorientierter Haltung. Das kommt auch in seinen 81 Buchbeiträgen und Veröffentlichungen sowie in zahlreichen Vorträgen auf nationalen und internationalen Kongressen zum Ausdruck.

Er war der erste Frauenarzt der DDR, der die Zweitfacharztprüfung zum Facharzt für Psychotherapie ablegte und 1981 den ersten Arbeitsbereich für Psychotherapie und Psychosomatik an der Frauenklinik der Medizinischen Akademie Magdeburg gründete.

Schon vor der Wende pflegte Paul Franke Kontakt mit Kollegen aus der BRD. Einerseits die Einheit Deutschlands sehnsuchtsvoll erwartend, andererseits heftig im Widerstreit liegend mit den würdelosen „Vereinigungen“ medizinischer Fachgesellschaften, versuchte er dies für „seine“ Gesellschaft zu verhindern. Eine Annäherung beider Gesellschaften, der Ost- und der Westgesellschaft auf Augenhöhe wurde möglich. Die Zusammenarbeit wurde mit gemeinsamen Projekten durch einen Kooperationsvertrag intensiviert Am 8. November 1996 gab Paul Franke, der den Verein über 17 Jahre geleitet hatte, die Leitung an Carmen Dietrich weiter. Am Ende des Prozesses stand die Auflösung beider Fachgesellschaften 2000, um in einer neugegründeten Gesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) aufzugehen. Ein einmaliger würdevoller Vorgang im deutschen Einigungsprozess! Aufgrund seiner Verdienste um die psychosomatische Gynäkologie erhielt er 1999 die Ehrenmedaille der Katholischen Universität Leuven (Belgien), 2000 das Bundesverdienstkreuz und 2001 die Ehrenpräsidentschaft der DGPFG. Mit seinem Ausscheiden aus der Klinik und seiner Niederlassung 1993 als Psychotherapeut und Psychoanalytiker verlagerten sich seine Arbeitsschwerpunkte in Richtung der Psychotherapie. So gehörte er 1999 zu den Mitbegründern des Institutes für Psychoanalyse Magdeburg, dessen Ehrenmitglied er heute ist. Berufspolitisch war er tätig als langjähriges Mitglied der Fachkommission Psychotherapie der Ärztekammer und des Psychotherapieausschusses der KV Sachsen-Anhalt. Für ihn sind Fleiß, Zuverlässigkeit, Disziplin, Pflichtbewusstsein und Loyalität – das, was man die Sekundärtugenden nennt – nicht nur Worte, sondern gelebte Wirklichkeit.

Paul Frankes Autorität bestand darin, als Leiter notwendige Gestaltungsmacht nicht für sich selbst, die Karriere, das Ansehen einzusetzen, sondern in erster Linie für die Sache, das psychosomatische Projekt und die Gemeinschaft.

Dr. Arndt Ludwig
Zwickau