Der neunzigste Geburtstag - Eine ländliche IdylleS. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-10-397390-7, gebunden im Oktavformat mit Schutzumschlag, 269 Seiten, € 22,-

„Die Welt wird erst zur Ruhe kommen, wenn jeder zu Hause bleibt.“ Der das in diesem Roman des Günter de Bruyn postuliert, ist der achtundachtzigjährige Leonhardt Leydenfrost. Recht hat er mit seiner etwas schlichten Erkenntnis, die jedoch so seltsam lebensfremd daher kommt, sieht man von der Friedhofsruhe ab. Es bleibt im weiteren offen, wie ernst er damit die jüngsten Völkerwanderungsbewegungen in und nach Europa einschließt.

Zur Handlung: Die Geschwister Leonhardt und Hedwig Leydenfrost hatten sich nach der Wende im ehemaligen elterlichen Gutshaus eines kleinen Ortes zwischen Oder und Spree eine Wohnung genommen. Er, geboren und aufgewachsen in diesem Kaff, nach der Rückkehr dorthin mit Familie im frühen Ruhestand bald schmerzlich verwitwet, war sein Arbeitsleben lang passionierter Bibliothekar an der Universität in Berlin. Er frönt als Rentner auf dem Lande auch weiterhin des Lesens und der Sprachpflege. Sie, ledig und kurz vor dem 90. Geburtstag, ist nach politisch und arztberuflich aktiven, sogar wilden Jahren im Westen nun einfach die Oma im brandenburgischen Dorf und schärft ihre geistige Beweglichkeit an streitbaren Disputen mit ihrem „kleinen“ Bruder Leo. Beide genießen in gewissem Abstand zueinander das freie Leben abseits der Stadt, bar jeder ländlichen Verpflichtung.

Nach und nach aber greift auch hier die Gesellschaft nach ihnen und ihrem Vorhaben. Denn der 90. Geburtstag der alten Dame naht und soll nach dem Willen der Familie zu einem ehrenden Ereignis im erweiterten Kreise ausgebaut werden. Die Feier soll auf Wunsch der Jubilarin ohne Sachgeschenke sein. Vielmehr sollte gespendet werden für die neuen Flüchtlingskinder des Wirschaffendas-Willkommens. Auf dem Gut wird von cleveren Leuten der Vor- und Nachwendezeit die alte Reithalle umgebaut zu Quartieren für zu erwartende Neuankömmlinge, eine spätere gewinnbringende Nutzung als Resort am See nicht ausgeschlossen, wie sich dann herausstellt. Presse und Medien, Behörden und Ämter machen das private Fest zu einem politischen Event, profilieren sich daran. Bei der Schilderung der Aktivitäten legt Günter de Bruyn frei, was ihn und seine Umgebung bewegt und reflektiert dabei seine Lebensgeschichte. Er sieht das alles etwas distanziert, ungeachtet oder gerade wegen seiner DDR-Biografie. Dabei nimmt er in sanft-ironischer Art so manche Entwicklung ins Visier, die ihm offensichtlich nicht behagt. Er erinnert sich seiner stotterhaften Berufskarriere, stellt die Erfahrungen aus der Entnazifizierung denen aus der Wendebewältigung gegenüber mit der Erkenntnis, dass Lernprozesse keine Gewissensbisse verursachen. Er ärgert sich über den Senior als Statusname und das Hallo anstatt eines seriösen Guten Tag. Den auftretenden location scout mag er gar nicht, schon wegen seiner allseits akzeptierten Berufsbezeichnung. Er verliert seinen Em-ef-Es-Sohn völlig aus dem Gesichtsfeld und seine beiden Töchter emotional irgendwie auch. Die biestige Schwesterjubilarin bezichtigt er des Unglaubens aus Nibelungentreue, die ihn wiederum des Schreibens und des Denkens für ewig unvollendet hält. Autobiografische Bezüge zwischen Autor und Romanfigur Leo dürfen angenommen werden. Beide erlebten mehrere Epochen der deutschen Geschichte und wurden klug daran.

De Bruyns Sprache ist kurz gefasst, schnörkellos und sehr lebendig, einfach stark und treffsicher. Er, der in Würde gereifte Weise, hat sich sein unabhängiges Denken bewahrt. Betreffs der guten Sprache sollte man ihm aber nicht zu nahe treten. Kämpferische Themen steckt er in Dialoge, so z. B. den heftig geführten Streit mit einer Journalistin, die im Vortrag das Gendern aufdringlich handhabt und der er in Person des Leo vorhält, dass sie eine Sprachenverderberin sei. Er bezichtigt sie u. a. des Aberglaubens der Geschlechtsbestimmung durch Erziehung und hält ihr vor, dass sie als Frau einen Kopf (mask.) habe, wohingegen der Mann mit der Prostata (fem.) leben müsse. Das Fest allerdings vergrämt es ihn schließlich nicht, nur hat sich die Jubilarin in preußischer Pünktlichkeit von der Feiergemeinde nebenan unbemerkt von dannen gemacht.

Man trennt sich nur ungern von dem Büchlein nach vierunddreißig kurzen und vitalen Kapiteln aus der Geschichte der deutschen Gegenwart. Die Zukunft spielt darin keine Rolle. Trotzdem lesenswert.

F.T.A. Erle, Magdeburg

Cover: Verlag