Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis

Umberto Eco: Auf den Schultern von Riesen - Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis
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Carl Hanser Verlag München 2019, ISBN 978-3-446-26186-0, aus dem Italienischen von Martina Kempter und Burkhart Kroeber, gebunden mit Schutzumschlag im Oktavformat, 414 Seiten, 135 Abbildungen, 32,- €

 
       Lesen ist Unsterblichkeit nach hinten (U. Eco).


Das geistreiche Bild der weit sehenden Zwerge auf den Schultern von Riesen wird dem Kleriker Bernhard von Chartres (12. Jh.) zugeschrieben, war aber vorher schon im Gedankengut frühmittelalterlicher Gelehrter vorhanden. Später zitierten es u. a. auch Ambroise Paré und Isaac Newton. Letzterer findet sich symbolhaft auf dem Umschlagsbild des Buches als Gemälde des William Blake im Victorianischen Stil wieder.

Dieses Buch kann in die Reihe der von Umberto Eco verfassten ansehnlichen Werke zu Kunst, Ästhetik und Kulturgeschichte gestellt werden. Es wurde jetzt erst nach seinem Tode 2016 herausgegeben. Die Texte und die darin befindlichen Abbildungen sind von ihm zu Lebzeiten verfasst bzw. ausgewählt worden, so der Verlag. Die dreizehn Kapitel bestehen aus thematisch geführten Vorträgen, die der weltweit verehrte und geachtete Gelehrte auf dem alljährlichen Mailänder Kulturfestival La Milanesiana auf Einladung der Veranstalter hin gehalten hatte. Der erste davon war nicht von Bildern begleitet und dient hier als Einleitung. Ein anderer ist zwar illustriert, wurde aber nicht gehalten. Er erscheint jedoch auch in dieser Sammlung. Man merkt es den Texten beim Lesen an, dass sie nicht für ein Buch sondern für den Vortrag vor einem interessierten Publikum entstanden sind. Es darf wohl davon ausgegangen werden, dass man der besonderen Aufmerksamkeit der Festivalgäste angesichts des illustren Redners sicher war. Dafür war der geborene Piemontese und gelehrte Bologneser Wissenschaftler berühmt genug, nicht nur wegen des Namens einer Rose.

Umberto Eco schöpft aus dem Vollen, was dann auch in den Vorträgen des Öfteren zum Überquellen seines Wissensschatzes und auf Seitenwege des Themas führt, denen er wortreich folgt, den Leser gezwungenermaßen mitnehmend. Er spricht über mehr als nur über das Schöne, die Lüge und das Geheimnis, wie der Untertitel glauben machen will. Einige Themen kommen dem Leser bekannt vor. Sie finden sich in anderen Buchtiteln seiner Provenienz wieder. Unter der Schönheit nennt er u. a. die wunderschöne Uta von Ballenstedt aus dem Naumburger Dom und gotische Kirchenfenster.

Er bezeichnet einen schönen Sportwagen die Nike von Samothrake des soeben vergangenen Jahrhunderts. Der Hässlichkeit widmet der wohl bedeutendste Semiotiker unserer Zeit einen weiteren Vortrag, in dem er u. a. Karl Marx zitiert (Geld vernichtet die Kraft des Hässlichen), ein von Adolf Hitler gemaltes Blumenstillleben zeigt und sich über Kitsch und Camp auslässt. Jugendstil, Tiffany-Lampen und La Traviata sowie Il Trovatore bekommen etwas ab. Beim Thema absolut und relativ behauptet er, dass Lenin ein Neothomist war und weist zu Recht darauf hin, dass Einsteins Relativitätstheorie kein Relativismus sei. Nietzsches „Gott ist tot“ schaffe das ethische Problem nicht aus der Welt. Zudem stellt er fest, dass wir das Element Feuer nur noch selten erleben. Für Kinder sei es heute schon interessanter als der TV-Bildschirm.

Unter Paradoxe und Aphorismen erzählt er Beispiele aus der antiken Literatur (Alle Kreter sind Lügner) und stellt sie an die Seite von Plattitüden (Ich kann allem widerstehen, nur nicht der Versuchung). Man sollte sich auf seine manchmal kapriziösen Texte einlassen mit langem Atem und Lust auf Exkursionen. Es stellt sich ein Gewinn ein. Weitere Themen sind Lügen, Fälschen und Formen der Unvollkommenheit in der Kunst. So ordnet er z. B. die nicht ganz vollständige Venus von Milo aus dem Louvre unter Ruinenästhetik ein.

Ein hochinteressantes und ihm sehr eigenes Kapitel ist das zu einigen Enthüllungen über das Geheimnis. Darunter versteht er u. a. die Geheimnistuereien um die Traditionen der Templer, um die Freimaurer, die Illuminaten und um die sog. Jüdische Weltverschwörung. Der Mensch giere nach Geheimnissen, die ihm jedoch enthüllt nichts nützten. Das Thema leitet über zu Komplotten, Verschwörungen und Konspiration. Den nine eleven nennt er einen König aller Komplotte. Die Anfechtung der Realität der Mondlandung 1969, der Da Vinci Code und die Verschwörung um die Geheimnisse des Grals sind für Umberto Eco, den bekennenden Atheisten, der Stoff zu andauernden Lügen. Bei den Darstellungen des Heiligen kann der Leser seinem philosophierenden Gedankengängen nur noch mit Mühe folgen.

Jedem Vortrag ist eine Reihe von Abbildungen zugeordnet, deren Quellen er penibel in einer anhängenden Liste nachweist. Ein Personenverzeichnis, das nicht nur die Namen der genannten Lebenden und Verstorbenen führt, sondern auch die der fiktiven Akteure, der Anna Karenina z. B., runden das Buch ab.


        Wer nicht liest, wird mit 70 Jahren nur ein einziges Leben gelebt haben, sein eigenes (U. Eco).


F. T. A. Erle, Magdeburg

(gelesen im Juli 2018)