Die Schattenwelt des Internets

Otto Hostettler: Darknet - Die Schattenwelt des Internets
Cover: Verlag

Verlag Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-95601-201-3, gebunden im Hardcover, Oktavformat, 207 Seiten, 7 Abbildungen, 2 Grafiken, 6 Tabellen, 29,90 € (Lizenz von NZZ Libro Zürich)

Es hat sie immer schon gegeben, die Angebote und Nachfragen im Dunklen. Man denke nur an die zwielichtigen Schwarzmärkte der unmittelbaren Nachkriegszeit. Und es gibt sie heute mehr denn je in der verborgenen Öffentlichkeit des Internets.

Der Zürcher Journalist Otto Hostettler hat diesem Phänomen seine Aufmerksamkeit gewidmet im Rahmen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit zum Erwerb des Masters in Economy Crime Investigation an einer Schweizer Hochschule. Den Fokus legte er dabei auf den Handel mit pharmazeutischen Produkten und Drogen und mischte mit in der Kommunikation und den Zahlungsabläufen unter anonymen Geschäftspartnern. Seine Einblicke in die verborgenen Märkte mit ihrem reichhaltigen Waren- und Leistungsangebot legt er diesem Buch zugrunde.

Man sollte sich nur einmal kritisch die täglichen privaten Posteingänge auf dem eigenen PC zu Gemüte führen um festzustellen, dass unter den Angeboten dieser oder jener Artikel ist, im Hintergrund eine gewisse kriminelle Energie vermuten lässt, insbesondere bei den Medikamenten und Drogen. Hier zuzugreifen könnte aber unschöne Folgen haben. Der Besteller ist anhand der IP-Adresse seines Computers auffindbar, also letztlich nicht anonym. Ermittler könnten sich melden.

Der verborgene, dunkle Bereich des Internets, überwiegend als Darknet bezeichnet, bietet dagegen den reizvollen Vorteil der spurenlosen Anonymisierung von Käufern und Anbietern untereinander und gegenüber Dritten. Das betrifft sowohl den Waren- bzw. Leistungskaufvorgang als auch die Abwicklung der Bezahlung. Es sind riesige Märkte mit erheblichen Gewinnmargen, die sich dem Eingeweihten eröffnen. Zum Spektrum der illegal erworbenen oder kriminellen Angebote gehören vor allen Dingen Drogen jeglicher Härte und Reinheit, Potenzmittel, Psychopharmaka, Stimulanzien, Dopingsubstanzen, Falschgeld, Pässe, sowie höchst kriminelle Dienstleistungen, letztere im Preis gestaffelt nach der Prominenz der Zielpersonen. Zusammenschlagen, Vergewaltigen und Mord können dort u. a. gekauft werden, vorausgesetzt der Bezahlvorgang geht komplikationslos über die Bühne. Bezahlt wird mit einer staatlich nicht kontrollierbaren, durchaus nicht illegalen Währung, auf die auch Banken keinen Zugriff haben, meist in Bitcoin. Dieses Geld geht nicht in Münzen oder Banknoten über den Tisch sondern realisiert sich aus Rechenoperationen.

Um auf diese dunklen Märkte zu gelangen, bedarf es nach Aussage des Autors keiner überragenden, wohl aber solider Kenntnisse im Umgang mit dem Internet. Google und Co. helfen da nicht weiter. Die Tür zum Darknet öffnet nur ein speziell dafür programmierter Browser. Am häufigsten eingesetzt wird der sog. TOR-Browser (Abkürzung von The Onion Router). Der Begriff der Zwiebel (onion) leitet sich von der Art der Anonymisierung der Kommunikation ab. Die IP-Adressen werden, wie von einer Zwiebel, Schale um Schale verhüllt und fortschreitend verschleiert, sodass sie letztlich nicht mehr rekonstruierbar sind. Solchen Browser kann man legal erwerben. Seine kriminelle Nutzung allerdings ist dann illegal. Man gelangt mit ihm in eine schier grenzenlose, virtuelle Parallelwirtschaft und kauft auf Märkten ein, wie bei Amazon oder anderen Online-Händlern. Das funktioniert grenzüberschreitend. Die Schwächen dieses speziellen Handels liegen nur in den Schnittstellen zwischen virtuellem Geschäft und realer Zustellung. Irgendwie muss die Ware ja an den Kunden kommen, das verräterisch duftende Cannabis zum Besteller, die Waffe zum Attentäter.

Otto Hostettler erzählt Geschichten vom Weg der Entwicklung des Darknets und berichtet über spektakuläre Anbieter. Er baut selbst einen anonymen Kontakt auf mit einem auskunftswilligen Drogenlieferanten und führt für seine wissenschaftliche Arbeit ein längeres Interview mit ihm. Er stellt auch nachvollziehbar dar, dass die Strafverfolgung in diesem Bereich ein noch offenes Problem ist. Von Ermittlern und Strafverfolgern werden nicht nur überdurchschnittliche Kenntnisse der Cyberwelt sondern auch der polizeilichen Ermittlungsarbeit und der internationalen Zusammenarbeit verlangt. Gerichte sind damit oft heillos überfordert. Das Lohngefälle zwischen Privatwirtschaft und Behörden macht die Suche nach geeignetem Personal frustran.

Die Texte des Buches sind sachlich und emotionslos formuliert und somit gut zu verfolgen. Natürlich sollte man mit der Sprache der virtuellen Welt des Internets bezüglich Fachausdrücken ein bisschen vertraut sein bzw. sie sich bei der Gelegenheit erschließen. Der Autor bemüht sich sehr, nicht zuletzt mit den Listen im Anhang, Verständlichkeit zu gewährleisten. Auch die eingestreuten Grafiken sind nützlich, insbesondere der übersichtlich gezeichnete Algorithmus des Weges in das Darknet und des Kaufvorganges auf den Umschlagseiten des Vor- und Nachsatzes des Einbandes. Das Buch bietet eine gute Gelegenheit, sich dem Thema des geheimnisumwitterten Darknet gedanklich zu nähern und kann als spannende und bildungsintensive Lektüre empfohlen werden.

F. T. A. Erle, Magdeburg