Sophie Seemann: Verschwundene Krankheiten
Cover: Verlag

Kulturverlag Kadmos Berlin 2019, ISBN 978-3- 86599-300-7, gebunden mit Schutzumschlag, Großoktav-Format, 29 Abbildungen, 271 Seiten, 27,85 €

Der Titel stellt meist nur den ersten, verkürzten Hinweis auf den Inhalt oder den Charakter eines Buches dar, soll wohl ein Signal an den Flaneur vor der Bücherauslage sein. Dann aber ist die weiterführende Differenzierung erforderlich. In diesem Falle hieße das: Sind die hier genannten Krankheiten wirklich verschwunden? Hat es sie überhaupt gegeben? Kann man die Diagnosen heute noch rückblickend nachvollziehen?

Die Kinderärztin Sophie Seemann legt eine Liste von zwanzig Krankheitsnamen vor, geordnet nach dem deutschen Alphabet. Darin folgen die Pocken der Phosphornekrose, die Trichinose der Sulfonalvergiftung etc. Diese unter kausalen Aspekten indiskutable Reihung weist auf den subjektiven Charakter des Buches hin. Er drückt sich auch in den einzelnen Beiträgen aus. Einleitend wird von der Autorin den sachlichen Erörterungen in jedem Kapitel ein von ihr formulierter fiktionaler Text, eine erzählende Beschreibung der Krankheitssituation vorangestellt, deren Quelle nicht immer transparent wird. Sie malt damit aber gedanklich ein Bild für die emotionale Einstimmung des Lesers. Das ist allemal eine interessante Verbindung zwischen den Leidenden und der um sie bemühten Heilkunde der ferneren oder näheren Vergangenheit und schafft menschliche Nähe.

Vor dem Hintergrund seiner naturwissenschaftlichen Weltsicht wird sich der interessierte Leser in dieser Systematik eine eigene Ordnung schaffen, in der das Alphabet nicht die tragende Rolle spielt. Wenn man also die in diesem Buch aufgeführten Krankheiten unter kausalen Gesichtspunkten sortiert, kommt man zu gewissen Kategorien. Da wären solche Krankheiten, die man nach Aufdeckung ihrer Ursachen durch effiziente und überzeugende Impfprogramme wirksam ausrotten konnte, sodass man sie in entwickelten Ländern heute nur noch in der Medizinhistorie feststellt, z. B. die Diphterie und die Pocken. Da wären solche zu nennen, deren Ursachen durch die Eliminierung toxischer Substanzen aus dem Produktionsprozess wegfielen, die ihren Grund also in der massiven Exposition giftiger Stoffe im Arbeitsprozess hatten. Hier wären z. B. die Quecksilbervergiftung der Spiegelmacher und die Kiefernekrosen bei der Herstellung von Zündhölzern mittels weißem Phosphor einzuordnen. Dazu gehören auch die, wenn auch lokal begrenzten oder sozial limitierten Mangelzustände in der Ernährung, z. B. der chronische Jodmangel mit der Folge des endemischen Kretinismus oder die furchtbare infizierte Nekrose der Gesichtsweichteile Noma bei chronischem Nahrungsmangel und Immundefizit. Auch die Lepra, der biblische und mittelalterliche Aussatz, tritt in Europa nicht mehr wesentlich in Erscheinung, da sie medikamentös behandelbar ist. Eine früher unabdingbare, lebenslange Quarantäne mit Verstoßung in die Asozialtät muss nicht mehr eingerichtet werden.

Man könnte diese Klassifikationen allein schon anhand des Buches weiter fortsetzen. Hier interessiert jedoch nur das Herangehen der Autorin. Sie gesteht ein, dass das Auswahlprinzip der von ihr vorgestellten Krankheiten von persönlichem Interesse geleitet, also in keiner Weise unter medizinischen oder anderweitig-wissenschaftlichen Gesichtspunkten repräsentativ ist. Man kann der Autorin jedoch nicht unterstellen, dass sie nicht ausreichend recherchieren wollte. Das umfangreiche Literatur- und Quellenverzeichnis spricht für ihr Engagement. Illustrationen sind in angepasster Anzahl vorhanden. Kein Lehrbuch eben, mehr ein Lesebuch. Die Lektüre mag besonders Freunden der belletristischen Literatur helfen, früher häufigere, heute vielleicht schon ausgestorbene Diagnosen in Romanen, Novellen und alten Büchern zu verstehen, dem Leben näher vielleicht als das Googeln, z. B. die Chlorose oder die Neurasthenie. Das Kapitel der Missbildungen durch nicht ausreichend getestete Wirkstoffe könnte angesichts des relativ offenen schwarzen Medikamentenmarktes noch spannende Aussichten offerieren. Dem Contergan-Skandal widmet sie den ihm gebührenden Raum. Dass allerdings die durch Phosphor ausgelöste Kiefernekrose mit Schließung der verbotenen Werkstätten verschwunden sei – dem kann man nicht ohne Weiteres zustimmen. Sie ist durch die Hintertür über die Assoziation mit Bisphosphonaten wieder eine klinische Tatsache.

Einige der aufgeführten Krankheiten bleiben ein Geheimnis, der Alpenstich, der Englische Schweiß, die Haffkrankheit. Den Cellohoden allerdings darf man getrost bzw. nachweislich dem innerberuflichen Mobbing der befrackten Musikergilde zuordnen.

F.T.A. Erle, Magdeburg
(gelesen im September 2019)