Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2019, 384 Seiten (ISBN 978-3-96023-110-3)

Die Entwicklung der Kinderkardiologie als neue Spezialdisziplin in der medizinisch-technischen Revolution des 20. Jahrhunderts.

Zur Geschichte der Kinderkardiologie im transnationalen Rahmen und in berufsbiografischer Erzählperspektive, Band 2

2008 wurde von der Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie auf Anregung von Prof. Dr. Jochen Weil das Projekt „Lebendige Kinderkardiologie“ ins Leben gerufen. Die Hamburger Historikerin Dr. Johanna Meyer-Lenz legt nun mit dem vorliegenden Band die Geschichte der Kinderkardiologie in Halle und in Leipzig von 1950 bis 2000 vor.

Die Darstellung konzentriert sich um die berufsbiografischen Erzählungen der beiden Leiter der Kinderkardiologien in Halle (Gisbert Wagner) und in Leipzig (Peter Schneider) und bettet die junge Fachgeschichte der beiden Standorte Halle und Leipzig in den übergreifenden nationalen und transnationalen fachhistorischen Kontext ein.

Kinderkardiologie in Halle und  in Leipzig 1950 – 2000
Titelfotos: oben links: Universitätsklinikum Halle- Kröllwitz, Bettenhaus I und Funktionsgebäude mit Haupteingang und Hubschrauberlandeplatz, Eingang zur Klinik und Poliklinik für Kinderkardiologie Halle; oben rechts: die ehemalige Abteilung für K (1970-1986) auf dem Gelände der alten Universitätsklinik, erbaut zwischen 1876 und 1884, heute Magdeburger Straße 12; unten links: Das neue Herzzentrum, Universität Leipzig in Probstheida, eröffnet 1994; unten rechts: Das inzwischen stillgelegte ehemalige Kinderkrankenhaus Leipzig in der Oststraße, errichtet zwischen 1889-1891, Hauptflügel (alle Fotos: J. Meyer-Lenz)

Die Kinderkardiologie in Halle und Leipzig entwickelte sich im Zuge des transatlantischen Wissenstransfers seit den 1960er Jahren und in beiden Städten unter spezifischen und unterschiedlichen Bedingungen. Halle war „zufällig“ der Arbeitsplatz des aus Mexico in die DDR remigrierten „Allround-Kardiologen“ Rudolf Zuckermann (1910-1995). Gisbert Wagner, ehemaliger Oberarzt von Rudolf Zuckermann, gelang es, das Fach Kinderkardiologie als eigenständige Spezialität aufzubauen und – seit 1985 zum a. o. Professor ernannt – sich gegen nicht immer wohlgesinnte Kollegen der Fakultät, mit Rückendeckung durch den Chirurgen Karl Ludwig Schober (1912-1999), zu behaupten. Gisbert Wagner (*1931) etablierte nicht nur die um 1970 gängige invasiv-kardiologische Diagnostik, sondern zählt, gemeinsam mit dem Physiker Rudolf Millner (1928-2005) zu den Pionieren der Echokardiografie in der DDR. Die Kontakte im Rahmen der Europäischen Gesellschaft für Kinderkardiologie (AEPC) waren ebenso wie der Erfahrungsaustausch auf den Jahressymposien der 1970 von Gisbert Wagner mitbegründeten AG Kinderkardiologie der DDR für den internationalen und grenzüberschreitenden Wissenstransfer förderlich. Die Transformation nach 1990 als tiefgreifender Umbauprozess der ostdeutschen Hochschulen im Zuge der deutschen Vereinigung schildert die Autorin für die Universität Halle als vielschichtigen, am Hochschulsystem geleiteten komplexen Vorgang. In der Kinderkardiologie knüpfte die „spezialisierte Poliklinik“ nach 2000 an bewährte Strukturen der DDR an.

Leipzig setzt bei dem berufsbiografischen Interview des Vertreters der zweiten Generation, Prof. Peter Schneider (*1940) an. Hier schuf die bereits 1951 durch den Chirurgen Martin Herbst (1917-2005) begründete kardiologische Arbeitsgemeinschaft wesentliche Voraussetzungen für das Fach, das unter der Leitung von Karl Hermann Bock einen enormen Aufschwung nahm und von seinen Beziehungen nach Prag-Motol und London profitierte. Sein Nachfolger Prof. Peter Schneider leitete im Zuge der Transformation die Kinderkardiologie in das privatwirtschaftlich geführte „Herzzentrum Leipzig“. Hiermit trat die Kinderkardiologie in Leipzig in eine neue Ära ein, die unter den Nachfolgern Prof. Jan Janousek (*1956), ebenso wie der Kinderherzchirurg Martin Kostelka vom Kinderherzzentrum Motol, dem Fach neue Impulse gab.

Die derzeitigen Direktoren der kinderkardiologischen Kliniken in Halle (Prof. Ralph Grabitz, seit 2004) und Leipzig (Prof. Ingo Dähnert, seit 2011) stehen zunehmend vor neuen Aufgaben, so u. a. die erfolgreich operierten Kinder mit angeborenen Herzfehlern als besonders anerkannte Patientengruppe (EMAH) lebenslang zu behandeln.

Die Autorin legt entsprechend dem modernen historischen Ansatz der „verflochtenen Geschichte“ Wert darauf, die Vielfalt der methodischen und thematischen Zugänge von Ambivalenzen (und) Konfliktsituationen darzustellen (S. 325). Sie spart dabei problematische Entwicklungen und Misserfolge nicht aus.

Sie hat die Geschichte der Kinderkardiologie in Halle und Leipzig mit vielen neuen Ergebnissen und Erkenntnissen vorgestellt. Die Lektüre ist einer interessierten Leserschaft ausdrücklich zu empfehlen.

MR Dr. Dieter Schwartze, 06193 Petersberg