Leserbrief von Dr. Ilja Karl zum Editorial „Organspende: Widerspruchslösung als erfolgreich gelebtes Konzept der Solidarität einer intakten Gesellschaft - abgelehnt“ von Prof. Dr. Walter Brandstädter im Ärzteblatt Sachsen-Anhalt, Heft 3/20, S. 5

Nach erfolgter Gesetzgebung ist die Diskussion um die Organspende etwas weniger intensiv. Gleichwohl können einige der von Prof. Brandstädter getätigten Thesen nicht unwidersprochen bleiben.

Zuallererst bleibt unklar, was die (juristische) Widerspruchslösung mit Solidarität zu tun haben soll. Der Gesetzgeber hatte die Absicht, die Zustimmung zur Organspende nicht mehr als Voraussetzung für die Entnahme von Organen zu machen, sondern den fehlenden Widerspruch als Zustimmung zu nehmen. Die Widerspruchslöung ist also zunächst ein juristisches Konstrukt mit dem Ziel, die Zahl der Organspenden zu steigern und so den Status als „Organschuldner“ aufzuheben.
Die Konsultation verschiedener digitaler und analoger Nachschlagewerke zum Begriff „Solidarität“ ergibt verschiedene Definitionen, die sich aber in einigen Grundannahmen gleichen: Gegenseitigkeit, Zusammengehörigkeit, Freiwilligkeit.

Gegenseitigkeit als Prinzip fällt bei der Organspende per se aus. Zusammengehörigkeit ist schwierig, da der Spender vorab nicht wissen kann, wer von seinen Organen profitiert und ob Zusammengehörigkeit da überhaupt in Frage kommt. Freiwilligkeit steht einer Widerspruchslösung entgegen, bei der der Gesetzgeber entscheidet, dass bei fehlendem Widerspruch Organe entnommen werden dürfen.

Kurz: Der Begriff der Solidarität erscheint in der Diskussion um die Organspende deplaziert und als „erfolgreich gelebtes Konzept“ gerade durch die Widerspruchslösung konterkariert.

Die polemische Formulierung „demokratisch legitimiertes Sterben auf der Warteliste“ impliziert Zweierlei: 1. Die Patienten sterben am Mangel an Spenderorganen und 2. sei dies demokratisch legitimiert. 1. stimmt nicht - diese todkranken Patienten sterben an einer Krankheit, was natürlich einer demokratischen Legitimation überhaupt nicht unterliegt und 2. ist zu fragen, was an einer demokratischen Legitimation zu bemängeln wäre.

Der von Prof. Brandstädter launig konstruierte Widerspruch zwischen gewissenhafter Problemlösung und geisteswissenschaftlicher Beschreibung offenbart eine Haltung, nach der geisteswissenschaftliche Bezüge in der Medizin eher Ballast sind. Dem Versuch, diesen abzuwerfen, droht immer weniger die Gefahr einer Gegenwehr aus der Ärzteschaft. Diese zieht es vor, die Substitution des Geistes durch die Betriebswirtschaft „verantwortungsvoll zu beschreiben“.

Die „erweiterte Zustimmungslösung“ ist tatsächlich suboptimal. Sie bringt Hinterbliebene in Not und verletzt den ethischen Grundsatz des Respektes vor der Patientenautonomie. Insofern ist aus ethischer Sicht eine „enge Zustimmungslösung“, bei der nur ein dokumentiertes „Ja“ des Spenders zur Organentnahme zählt, wünschenswert.

Dr. med. Ilja Karl
Facharzt für Allgemeinmedizin

Interessenskonflikt: Der Autor des Leserbriefes hat in seinem Spenderausweis „Ja“ angekreuzt.