Kunstmuseum Moritzburg (Halle/Saale) bis 23.08.2020

Karl Lagerfeld in Halle? Einen Moment lang stutzte ich. Was soll das in der Moritzburg, einem Kunstmuseum? Als wenig modebewusster Mann hatte mich dieser sonnenbebrillte Stehkragenmensch mit Zopf und Handschuhen nie interessiert. Und nun eine Ausstellung in einem Museum, wo Gemälde, Grafiken und Skulpturen ihren Platz haben?

Ich muss zugeben, dass ich Unrecht hatte, Vorurteile sollte man meiden! Diese Ausstellung ist wirklich großartig und als nunmehr Bekehrter, möchte ich Ihnen gern Appetit darauf machen.

Karl Lagerfeld: Suite 3906, Fendi Herbst/Winter 2010/11, Foto © Karl Lagerfeld
Karl Lagerfeld: Suite 3906, Fendi Herbst/Winter 2010/11, Foto © Karl Lagerfeld

Lagerfeld sagte von sich, drei Berufe zu haben: Modedesigner, Fotograf und Verleger. In allen drei Berufen war er äußerst erfolgreich, weltbekannt vor allem als Modedesigner. Nun sind in der Moritzburg seine fotografischen Arbeiten zu sehen, etwa 300 Fotografien, die zum Teil noch nie gezeigt wurden.

Da stellt sich die Frage, wie gelangt diese Ausstellung von Werken eines weltbekannten Mannes, ausgerechnet ins biedere Halle? Hier kommt Thomas Bauer-Friedrich, der außerordentlich rührige und offenbar sehr gut vernetzte Museumsdirektor, ins Spiel. Er war es, der sich im Herbst 2018 von Lagerfeld persönlich diese Ausstellung absegnen ließ. Hilfe erhielt er dabei von Gerhard Steidl, dem Mann neben Lagerfeld, der dessen Fotografien realisierte, verlegte und seine Ausstellungen kuratierte. Und noch ein Umstand mag dazu beigetragen haben, Lagerfelds große Verehrung von Lyonel Feininger. Dessen Bilder zählen zu den Highlights der Moritzburg.

Ursprünglich wollte Lagerfeld keine Ausstellung seiner Fotografien zu Lebzeiten. Sein Wille sollte sich erfüllen, am 19. Februar 2019 verstarb er 85-jährig.

Karl Lagerfeld: Narrenschanzen – Hommage à Feininger, 1990, Foto © Karl Lagerfeld
Karl Lagerfeld: Narrenschanzen – Hommage à Feininger, 1990, Foto © Karl Lagerfeld

Die Ausstellung wurde mit viel Aufwand und Mühe auf Lagerfeld zugeschnitten, getragen von dem Gedanken, seinen Vorstellungen und Intuitionen möglichst nahe zu kommen. Opulente, großformatige Fotografien werden gezeigt, z. B. Architektur in ungewöhnlichen Ausschnitten und Blickrichtungen, oft mit markanten Schatten. Vieles in schwarz-weiß, ungewöhnlich für den normalen Zeitgenossen, verwöhnt mit farbigen Darstellungen. Und dann immer wieder schöne Menschen. Besonders beeindruckt haben mich die fotografischen Geschichten Lagerfelds. Erwähnt sei der „Room Service“, eine neckische Champagnerwerbung, in der zwei Champagnerflaschen ein erotisches Abenteuer stiften. Eine Reihe von Bildern – in Farbe – schildert wortlos die Episode in einem Luxushotel. Der zu bewerbende Champagner findet sich auf jedem Bild, manchmal als große Flasche mit lesbarem Etikett, manchmal nur angeschnitten oder dezent versteckt in einem Blumenkorb.

Großartig, selbst im Ausmaß, zeigen sich Foto-Geschichten zur klassischen Literatur, zum Beispiel „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde und der spätantike Liebesroman „Daphnis und Chloe“ des griechischen Schriftstellers Longos.

Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung erwartet den Besucher im weißen Zimmer. Hier hängen über 4 Meter lange Fotografien mitten im Raum von der Decke herab. In einer Art Labyrinth wandelt der Besucher, von sanfter Musik begleitet, zwischen den Reihen, umgeben von auf zarter Seide gedruckten schönen Frauen.

Alles in allem eine großartige Ausstellung, die man gesehen haben muss! Planen Sie etwas mehr Zeit als sonst ein, auch eine Führung ist sehr zu empfehlen. Leider musste die Ausstellung wenige Tage nach ihrer Eröffnung infolge der Corona-Krise schließen. Es ist zu hoffen, dass dieser Zustand bald ein Ende hat.

Dr. Wolfgang Lässig
Langenbogen