Dietrich Güstrow: In jenen Jahren - Aufzeichnungen eines „befreiten“ DeutschenAufzeichnungen eines „befreiten“ Deutschen

Verlag Siedler und Severin, Berlin 1983, ISBN 3-88680-049-0, gebunden im Oktavformat mit Schutzumschlag, 383 Seiten, antiquarisch (Neuauflage als Taschenbuch, ISBN 978-3-84238119-3, herausgegeben vom Verlag Sternal Media, Gernrode 2011)

Mit jenen Jahren ist der Zeitraum von April 1945 bis Februar 1948 umrissen. Das Buch ist nicht auf unserem östlichen Büchermarkt erschienen. Ich bekam es erstmals kurz nach der Wende in die Hand und war hochinteressiert. Befasste es sich doch mit dem von uns viel besuchten und geliebten Unterharz und u. a. dem Schicksal eines Berufskollegen dortselbst zu Kriegsende 1945. Es handelte sich um den Tod eines Soldaten, im Buch Richard Schlösser genannt, der als Unterarzt (Oberfähnrich) kieferchirurgisch im Reservelazarett in Quedlinburg tätig war. Autor Dietrich Güstrow war in gewissem Sinne Zeitzeuge des Vorgangs. Er folgte im Oktober 1945 als Richter am Kreisgericht Quedlinburg der Bitte um Amtshilfe der lokal zuständigen Staatsanwaltschaft Dessau zur Ermittlung der Todesumstände des Lazarettarztes.

Der genannte Soldat war nach dem Ende des Krieges verschollen geblieben, vorerst ohne jeglichen Hinweis auf seinen Verbleib. Die letzte Nachricht war ein Telefonat mit seiner Frau am 12. April 1945 gewesen. Sein Schwiegervater Otto Bökelmann, bis dahin ein Direktor in den Bernburger SOLVAY-Werken, forschte in Quedlinburg nach dem Vermissten, ohne Erfolg. Das wochenlange Suchen vor Ort führte dann aber zu der Erkenntnis, dass der Schwiegersohn am 17. April 1945, zwei Tage vor Einrücken der US-Armee, auf Betreiben der örtlichen NSDAP festgesetzt worden und höchstwahrscheinlich nicht mehr am Leben war. Zeugen einer Tötung konnte Bökelmann nicht ausmachen. Die NSDAP-Bonzen der Kreisleitung waren flüchtig, ehemalige militärische Vorgesetzte des Frontabschnitts nicht mehr auffindbar. Er ließ aber nicht locker. Nach Rückkehr des damaligen Lazarettchefs, eines Quedlinburger praktischen Arztes aus der Internierung, gab dieser zu, eine Anzeige aus dem Personal des Lazaretts wegen defätistischer Äußerungen des Kollegen bezüglich des Endsieges, u. a. auch unter Hinweis auf die Bombardierung des benachbarten Halberstadts ein paar Tage zuvor, an die Geheime Feldpolizei und die örtliche Parteileitung pflichtgemäß weitergeleitet zu haben.

Im Oktober 1945 wurde südlich oberhalb Gernrodes, Richtung Mägdesprung, an der Forsthütte „Sternhaus“ ein von Raubwild freigelegter und teils schon zerstörter Leichnam im nahen Unterholz aufgefunden. Die gerichtlich angeordnete Obduktion, an der der Buchautor als Ermittlungsrichter teilnahm, fand in Quedlinburg statt. Anhand des aufgefundenen Eheringes und bestimmter Gebissmerkmale sei die Identität des getöteten Unterarztes gesichert worden. Weitere Angaben zum Verbleib des Leichnams finden sich in dem Buch nicht. Die Familie des Toten habe bald darauf die Ostzone verlassen. Der Richter konnte jedoch wenig später einen unbeteiligten indirekten Tatzeugen vernehmen, einen ehemaligen Bewohner des Sternhauses, der einige Angaben zum Tathergang beitrug. Demnach sei am 17. April 1945 ein gefangener Uniformierter in einem Kübelwagen an den Ort der Handlung gebracht und in der Nähe erschossen und verscharrt worden. Ein ordentliches Standgericht gab es ebenso wenig wie ein regelhaftes Exekutionskommando. Die Hinrichtung nahm ein HJ-Führer aus der Wehrmacht hinterrücks durch Revolverschüsse auf den zum Tode bestimmten Soldaten vor, wie sich später herausstellen sollte. Dieser selbsternannte fanatische Henker sei zwei Tage später in den Kämpfen gegen die Amerikaner um Blankenburg/Harz umgekommen.

Forsthütte „Sternhaus“ im Zustand vor dem Umbau 1976
Forsthütte „Sternhaus“ im Zustand vor dem Umbau 1976

Der Zeitpunkt der Handlung vor genau 75 Jahren bewog mich jetzt anhand gesammelter Informationen, den Vorgang doch etwas eingehender zu hinterfragen, um ihn entsprechend würdigen zu können. Es stellte sich heraus, dass der Buchautor der Jurist Dietrich Wilde (1908-1986) war, der unter dem Pseudonym Dietrich Güstrow schrieb. Er war der Sohn des Bad Suderoder Arztes Dr. Carl Wilde und hatte sich als nicht wehrfähiger Körperbehinderter nach Ausbombung mit seiner Familie aus Berlin in den letzten Kriegstagen 1945 in sein Vaterhaus im Harz geflüchtet. Den Namen des Opfers Richard Schlösser hatte er wahrscheinlich falsch erinnert. So konnten meine Nachfragen bei den Registern der deutschen Ärzte- und Zahnärzteschaft, bei den Wehrmachtsauskunftsstellen, in Archiven, bei Kirchenbuchverwaltern, kommunalen Ämtern und Forstdienststellen nur ins Leere laufen. Auch nach einer Namenskorrektur ergaben sich keine konkreten Hinweise zu dieser Person, so dass langsam Zweifel an der Wahrhaftigkeit der im Buch erzählten Geschichte aufkamen. Recherchen im Netz bestätigten aber ansatzweise einen entsprechenden Vorgang und konnten helfen, den richtigen Namen des Hingerichteten heraus zu bekommen. Es war ein Dr. Dr. Gustav Emil Hans Schäder aus Bernburg. Das Geschehen fand in den dunklen Zeiten des Abgrundes der deutschen Geschichte zu Kriegsende im April 1945 statt, der bürokratische Prozesse ad absurdum führte oder verschluckte. Dokumente, falls überhaupt vorhanden, wurden vernichtet, eine Menge Akten noch schnell verbrannt oder sie fielen den Zerstörungen und Verlusten der Kämpfe zum Opfer. Ein vager Hinweis im Internet brachte schließlich die Spur auf brauchbare und vom o. g. Buch unabhängige Ergebnisse. In der Dokumentationsreihe „DDR-Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung ostdeutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen“ der Universität Amsterdam finden sich im Band VI (2004/lfd. Nr. 1300) und im Band X (2007/lfd. Nr. 1537) relevante Entscheide des Landgerichts Magdeburg aus der frühen Nachkriegszeit. Aus ihnen geht hervor, dass eine Erschießung des Dr. Schäder stattgefunden hatte und dass sie widerrechtlich geschah. Es handelte sich um ein Verbrechen, u. a. nach dem Kontrollratsgesetz Nr. 10. Weiteres Bohren ergab schließlich aus dem Stadtarchiv Bernburg den Hinweis auf Zeitungsmeldungen der Mittedeutschen Zeitung „Freiheit“ vom September 1947 und September 1949, in denen der Gesuchte unter den Opfern des Faschismus aufgeführt und geehrt wurde. Es war auch eine feierliche Namensgebung „Dr.-Hans-Schäder-Zahnklinik“ als Abteilung in der noch jungen Poliklinik Bernburg erfolgt. In den langen Listen bekannter Persönlichkeiten der Stadt sucht man ihn heute jedoch vergeblich. Ein Foto oder weitere Lebensdaten zur Person sind leider nicht mehr zu eruieren.

Dr. Hans Schäder wurde an seinem 31. Geburtstag umgebracht. Am selben Tage besetzten die Amerikaner Bernburg, zwei Tage später auch Quedlinburg. Er hinterließ eine junge Ehefrau und einen einjährigen Sohn. Sein Schwiegervater Otto Bökelmann, der ehemalige Direktor bei SOLVAY, wurde in Abwesenheit in einem Schauprozess unter dem Vorwurf von Spionage und Sabotage im Dezember 1950 in Bernburg zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Familie ist heute nicht mehr lokalisierbar.

Dietrich Wilde al. Güstrow, Jurist und Überlebensstratege, erzählt zwar phantasie- und dialogreich, jedoch auch realitätsverdächtig aus seinen Erinnerungen zu den Ereignissen im Unterharz und von seinen weiteren Einsatzgebieten im Sachsen-Anhalt des o. g. Zeitraumes, überwiegend als Richter. Von seinem letzten Amt in der damaligen Landeshauptstadt Halle setzt er sich im Februar 1948, gerade noch rechtzeitig vor einer Verhaftung, über die grüne Grenze im Harz bei Benneckenstein nach Niedersachsen ab. Er wirkte dort für 25 Jahre als Stadtdirektor. Wilde hatte dieses Buch erst 1983, lange nach den Erlebnissen und wenige Jahre vor seinem Tode veröffentlicht. Es ist eine Spur, keine echte Quelle, aber mit eindrucksvollen Schilderungen seiner Sicht auf die erlebte Zeit versehen. Schließlich war er in der kurzen Zeit u. a. auch Bürgermeister von Gernrode, erst unter amerikanischer, später sowjetischer Besatzungsmacht. So konnte er z. B. die für die NS-Rüstung konfiszierte, historisch wertvolle, vom Staufer-Kaiser Friedrich Barbarossa 1188 anlässlich seines Besuches auf einem Hoftag der Gernröder Stiftskirche geschenkte Glocke mit hilfsbereiten Bürgern und amerikanischer Zustimmung aus der Kupferhütte Ilsenburg vor bleibendem Verlust retten. Sie hängt heute mahnend, wenn auch schweigend, im Stephaniturm der Stadt Gernrode.

Wanderer, kommst Du am Sternhaus auf dem Ramberg im Harz vorbei, denke an das Ende des schrecklichen II. Weltkrieges vor 75 Jahren und an Hans Schäder, dem dort im besten Mannesalter an der Schwelle zum Frieden Leben und Zukunft genommen wurden.

F. T. A. Erle, Magdeburg
März 2020

Fotos: Archiv A. Erle