Kommentar von Dr. Eberhard Puls zum Leserbrief des Kollegen Dr. Ilja Karl zum Thema Organspende im Ärzteblatt Sachsen-Anhalt, Heft 4/20, S. 37

In seinem Leserbrief äußert sich Herr Kollege Dr. Karl zu den kritischen Aussagen im Editorial unseres Ärzteblattes Heft 3, 2020 von Herrn Prof. Dr. Walter Brandstädter zum genannten Thema.

Leider hat es der Verfasser des Leserbriefes versäumt, zu diesem sich über viele Jahre hin quälenden Thema konstruktive Lösungen zu formulieren. Er spricht von einer „suboptimalen Entscheidung“ der jetzt vom Gesetzgeber getroffenen „erweiterten Zustimmungslösung“. Er hätte eine enge Zustimmung bevorzugt und scheint die Situation der ohne Spenderorgan allein gelassenen oder todgeweihten Kranken als ein biologisches Problem hinzunehmen, für welches nach einer demokratischen Entscheidung im Bundestag und juristischen Fixierung unsere Gesellschaft nicht mehr zuständig ist.Zurzeit warten in Deutschland ca. 10 000 Patienten auf ein Spenderorgan und die Bundesrepublik ist bei der Organspende europaweit Schlusslicht. Dabei profitieren wir gern von der größeren Spendenbereitschaft bzw. der höheren Quote einer Organspende der meisten europäischen Länder, die zumeist eine Widerspruchslösung durchgesetzt haben.

Und da bin ich bereits bei der weltfremden Interpretation des Begriffes von „Solidarität“, mit der sich Herr Kollege Dr. Karl wortreich auseinandersetzt. Mit Hilfe einer lexikalischen Interpretation der Stichworte „Gegenseitigkeit“, „Zusammengehörigkeit“, „Freiwilligkeit“ will der Verfasser die Anwendbarkeit oder überhaupt die Gültigkeit solidarischen Handelns klären.

Ich frage Herrn Kollegen Karl, ob es nicht einfach angemessen wäre, den für ihn so komplizierten Begriff „Solidarität“ schlicht und einfach als ein Handeln aus Mitmenschlichkeit zu betrachten, genauso wie der Blutspender, der einfach nur Gesundung spenden oder Menschenleben retten will.

Dass man sachliche Entscheidungen mit Hilfe von komplizierten, ethisch verklausulierten und unpräzisen Argumenten im Bundestag blockiert hat, mag mein subjektiver Eindruck sein, aber wo bleibt die Ethik gegenüber den schwer erkrankten Patienten auf den Wartelisten.

Werter Herr Karl, Sie haben (für mich sehr erfreulich) in Ihrem Organspendeausweis das „Ja“ angekreuzt; aber wäre es nicht auch indiziert gewesen, über gesellschaftliche Problemlösungen nachzudenken? Wie Herr Prof. Dr. Brandstädter darlegt, lassen wir nun angesichts einer „demokratischen Entscheidung“ des Bundestages ganz „legitim“ schwerstkranke Menschen verzweifelt allein oder überlassen sie ihrem „biologischen Schicksal“.

Damit hat er die bittere Konsequenz des Votums unseres Bundestages vom 16.01.20 auf den Punkt gebracht. Eine „erweiterte Zustimmungslösung“ ist nun für unabsehbare Zeit beschlossen. Noch klingen mir die aufgeregten Statements aus der Bundestagssitzung betreffs einer „Verteidigung von Entscheidungsfreiheit“ in den Ohren. Man darf gespannt sein, wie diese Verfechter von „Bürgerautonomie“ (die ja bei einer Widerspruchlösung respektiert geblieben wäre) die Problemlösung fehlender Organe vorantreiben werden.

Wird man endlich versuchen, die irrationalen Ängste der Unentschlossenen abzubauen, die Mystifizierung des Sterbevorgangs zu versachlichen, die Verschwörungstheorien ad Absurdum zu führen, werden die Medien endlich ihre Skandalisierung von Listenmanipulationen vor mehreren Jahren beenden, wird man den Unentschlossenen helfen, ihre Hemmungen bei der Ausfüllung eines Spenderausweises zu überwinden? Es bedarf ja doch nur eines „Ja“ oder „Nein“, um sich klar zu bekennen und um Sicherheit – auch für die Angehörigen zu schaffen.

Dürfen wir nun wenigstens erwarten, dass der jetzt vorgezeichnete, allerdings deutlich langwierigere Weg konsequent gegangen und die genannten Versäumnisse korrigiert werden?

Dr. med. Eberhard Puls
Facharzt für innere Medizin,
früher Krankenhausarzt in Tangermünde
Geschrieben auch im Sinne von Kolleginnen und Kollegen des
Staatsexamens-Jahrgangs 1960