Leserbrief von Dr. Dirk Folkens mit dem Titel „Brauchen wir eine ‚neue Normalität‘?“ vom 24. April 2020

Die Zahl der Neuinfektionen an COVID-19 geht zurück und eine Überlastung des deutschen Gesundheitswesens ist glücklicherweise nicht eingetreten. Aktuell höre ich von verschiedenen Politikern auf Bundesebene (Frau Merkel, Herr Scholz, Herr Spahn) die Äußerung, dass wir uns zukünftig auf eine „neue Normalität“ werden einstellen müssen.

Gemeint ist vermutlich die derzeitige Lebenssituation in unserem Land, die wir infolge der COVID-19 Pandemie vorfinden und zu massiven Eingriffen in unsere Lebenswirklichkeit geführt hat. War zu Beginn der Pandemie resultierend aus einer unsicheren Datenlage der sog. Shutdown noch nachzuvollziehen, ist es jetzt nach über 4 Wochen an der Zeit, die Maßnahmen auf ihre Berechtigung zu überprüfen.

Letztere besteht meines Erachtens nur dann fort, wenn die Gefährdung durch COVID-19 im Vergleich zu herkömmlichen viralen Atemwegserkrankungen weiter als außergewöhnlich hoch eingeschätzt wird und eine Überlastung des deutschen Gesundheitssystems droht. Wie lässt sich die derzeitige Bedrohungslage nun einschätzen? Es mehren sich die Hinweise, dass die Sterblichkeit an SARS-CoV-2 niedriger liegt als anfangs erwartet.

Herr Prof. H. Streeck (Leiter des Instituts für Virologie in Bonn) fand bei seiner Untersuchung in der Gemeinde Gangelt (Heinsberg) in Nordrhein Westfalen (vorläufiges Ergebnis) eine fünffach niedrigere Sterblichkeit (0,37%) als die Johns Hopkins Universität bezogen auf die Zahl der Infizierten. Herr Prof. J. A. Ioannides (Professor an der renomierten Stanfort Universität) sieht die Sterblichkeit von COVID-19 „im Bereich der saisonalen Grippe“ (0,05-1%).

Professor Dr. K. Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat bisher etwa 100 sogenannte „COVID-19 Tote“ untersucht. Bei einem Durchschnittsalter von 80 Jahren fand er bei allen Gestorbenen mindestens 1 und in der Regel mehrere relevante Vorerkrankungen. Viele der Untersuchten hätten nur eine sehr eingeschränkte Lebenserwartung gehabt. Die Auslastung der Intensivbetten im UKE habe bei 60% gelegen und die Situation habe sich nicht dramatisch entwickelt. Im Interview (ARD 21.4.20) plädiert Herr Prof. Püschel für eine realistische Herangehensweise und übt Kritik an der Risikokommunikation der Verantwortlichen (Vergleich der COVID-19 Pandemie mit einem Krieg, Bezeichnung bedrohliches Killervirus) und warnt vor übertriebener Angst und Panik. Es sei notwendig, bei den Todesfällen genauer hinzuschauen, um „von den Toten für die Lebenden“ zu lernen.

Auch der emeritierte Professor für Infektionsepidemiologie und Mikrobiologie Prof. S. Bhakdi fordert dazu auf, zwischen wirklichen COVID-19 Toten und zufälliger Viruspräsenz zum Zeitpunkt des Todes zu unterscheiden.

Laut einem Thesenpapier verschiedener Wissenschaftler zur Pandemie („Datenbasis verbessern, Prävention gezielt weiterentwickeln, Bürgerrechte wahren“) werden die Zahlen zur Sterblichkeit überschätzt (u. a. notwendige Berücksichtigung von Begleiterkrankungen und Vorjahresvergleich). Im Gegensatz dazu war bisher durch das Robert Koch-Institut jeder als Corona Todesfall gewertet worden, bei dem eine Coronavirus-Infektion nachgewiesen wurde.

Da die Dunkelziffer unbemerkt oder leicht verlaufener SARS-CoV-2 Fälle als hoch angesehen wird, ist meiner Ansicht nach eine repräsentative Studie notwendig, um die Ausbreitung der Infektion in der Bevölkerung zu erfassen. Nur so kann sicher eingeschätzt werden, wie die Bedrohungslage wirklich ist.

Es sollte auch der Blick gerichtet werden auf die gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen der getroffenen Eindämmungsmaßnahmen. Kontaktverbot bzw. soziale Distanzierung führen dazu, dass alte kranke und pflegebedürftige Menschen in Pflegeeinrichtungen nicht mehr besucht werden dürfen und an einem Mangel an menschlicher Zuwendung leiden. Familiäre Beziehungen zu Eltern und Großeltern sind ausgesetzt, niemand will schuldig sein an Erkrankung und Tod des anderen.

Die Angst hat sich tief eingegraben in das Fühlen, Denken und Handeln der Menschen. Kinder spielen nicht mehr mit ihren Altersgenossen, dürfen nicht auf Spielplätze und es ist zu befürchten, dass diese Coronakrise eine traumatische Wirkung auf ihre Entwicklung hat. Es ist anzunehmen, dass Depressionen und Suizide und auch häusliche Gewalt zunehmen werden, je länger solche Maßnahmen dauern. Menschen trauen sich aus Angst vor Ansteckung kaum mehr zum Arzt, verschleppen möglicherweise akute Erkrankungen wie Herzinfarkte, Schlaganfälle. Dringliche Operationen werden verschoben, Krebsbehandlungen aufgeschoben.

Bei aller Wichtigkeit von COVID-19 dürfen alle anderen Erkrankungen nicht aus dem Fokus geraten. In wirtschaftlicher Hinsicht sind die Folgen der Maßnahmen kaum absehbar. Soziale Ungleichheit wird verschärft, da Menschen mit niedrigem Einkommen und Selbständige mehr betroffen sein werden (Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Insolvenzen, Inflation). Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer sprach bereits von einer Weltwirtschaftskrise („Es ist eine Weltwirtschaftskrise, die jetzt hier auf uns zu kommt…“ ARD , Anne Will 19.4.20).

Problematisch ist die Einschränkung unserer Bürgerrechte. Shutdown und Kontaktverbot führen zu einer Zunahme von Überwachungsmaßnahmen, Konflikten und Denunziation. Aktuell wird mit Hochdruck an einer „freiwilligen“ Corona-Warn-App zur Eindämmung der Pandemie gearbeitet. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte bereits vor Wochen geplant, ein Handy Tracking gesetzlich verpflichtend ins Infektionsschutzgesetz zu schreiben.

Aktuell haben sich über 300 Wissenschaftler aus dem europäischen Projekt PEPP-PT (Pan European Privacy Protecting Proximity Tracing) zurückgezogen. Sie befürchteten bei der geplanten zentralen Datenspeicherung eine „Überwachung durch die Regierung“ und eine Verletzung von Datenschutz und Privatsphäre als elementare Grundrechte. Auch in einer Krise müssen die demokratischen Grundrechte einer Gesellschaft erhalten bleiben und sich bewähren (Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung, ZDF Morgenmagazin 21.4.2020). Alle Maßnahmen sollten immer unter Beachtung der wirklichen Bedrohung verhältnismäßig bleiben. Angst dürfe keine Autobahn für Sicherheitsgesetze und Gesundheitsgesetze sein.

Unter Berücksichtigung der realen Bedrohungslage (repräsentative Studie), Schutz der Risikogruppen (hohes Alter, Vorerkrankungen, Patienten in Pflegeheimen und Krankenhäusern) und vernünftigem Umgang miteinander (Hygieneregeln bei Infekten) sollte meiner Meinung nach eine zügige Rückführung in die alte Normalität möglich sein.

Dr. med. Dirk Folkens
Flechtingen