Caspar Hirschi: Skandalexperten, Expertenskandale (Cover: Verlag)
Caspar Hirschi: Skandalexperten, Expertenskandale (Cover: Verlag)

Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems

Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018, ISBN 978-3-95757-525-8, gebunden mit Schutzumschlag im Oktavformat, 399 Seiten, 33 schwarz/weiß-Abbildungen, 28,- €

Die moderne Gesellschaft ist angewiesen auf Experten!

Nach der Feudalgesellschaft der Ritter, der Kolonialgesellschaft der Entdecker und der Industriegesellschaft der Fabrikanten deutete sich die Wissensgesellschaft eines neuen, hochgebildeten Menschenschlages an. Sie würde mit dem Rohstoff der Zukunft, dem Wissen, zu handeln verstehen, war die hoffnungsfrohe Aussicht. Spätestens die Wahl eines Donald Trump und der Brexit stoppten solche Erwartungen, trotz aller anders lautenden Prognosen demoskopischer Experten.

Caspar Hirschi, Historiker auf einem Lehrstuhl der Schweizerischen Universität St. Gallen, legt mit seinem Buch eine umfangreiche und sehr interessante sowie tiefgehende Abhandlung zum Wortspiel im Titel vor. (Experten stehen ja angesichts der Corona-Problematik im aktuellen Diskurs). Hirschi hantiert hier mit einer Auswahl von historischen Vor- und Werdegängen, zwei davon aus der jüngeren europäischen Geschichte. Die Substanz der anderen vier Kapitel sind dem 18. und 19. Jahrhundert zuzuordnen. Das Buch beginnt und endet in der Gegenwart, in der die Wissenschaft nach seiner Erkenntnis zur politischen Hypothek und die Experten gehäuft zu populistischen Hassobjekten werden, weg vom geprüften Wissen und hin zu Volksweisheiten und Mythen. Wissen sei zwar Macht, aber die Wissenden seien nicht die Mächtigsten, dürften es auch nicht sein, wie der Wissenschaftshistoriker Caspar Hirschi warnt.

Und so legt er die Herausbildung von Experten ab der Historie Ende des 17. Jahrhunderts mit den zunehmend sich bildenden Königlichen Akademien und ähnlichen wissenschaftlichen Vereinigungen als Stützen herrschaftlicher Innovationspolitik frei und stößt damit nota bene auch auf das damit verbundene Skandalpotential, drastisch schon früh erkennbar am Beispiel des Magnetiseurs Franz Anton Mesmer. Dieser legte mit seiner Dissertation zum Einfluss der Gestirne auf den menschlichen Körper das Plagiat einer vorangegangenen Schrift aus anderer Feder vor, was seiner gesellschaftlichen Reputation in Paris aber auf die Dauer nicht schadete. Ein Skandal war es aber schon!

Im folgenden Kapitel zur Affäre Calas, die im Frankreich des Ancien Régime eine bedeutende politische Rolle spielte, wird dann erkennbar, wie Aussagen von Experten mehr oder weniger offen zu juristischen Manipulationen benutzt werden können. Es ging vordergründig um Mord versus Selbstmord, eigentlich aber um religiösen Fundamentalismus bzw. Fanatismus in Beziehung zur Macht. Der auf Expertenaussagen gestützte Justizskandal führte nach „…außerordentlichen Fragen…“, d. h. Folter, zur Exekution des Tuchhändlers Jean Calas in Toulouse durch das sehr grausame Rädern, eine den Mördern vorbehaltene Hinrichtungsprozedur. Diebe wurden gehängt, Häretiker verbrannt, Falschmünzer verbrüht. Nur Adlige wurden grundsätzlich auf dem Schafott geköpft, nicht immer mit einem Hieb.

Erst in der Französischen Revolution führte der Ruf nach gerechter, humaner und schneller Tötung der Delinquenten zur Entwicklung einer teilautomatischen Maschine durch den Arzt Joseph-Ignace Guillotin, die diesen Ansprüchen genügte und bis zum Ende der NS-Justiz in Deutschland ausgiebig eingesetzt werden sollte. Im Fall Calas schaltete sich nachträglich der große Aufklärer Voltaire ein. Ihm ging es aber mehr um das Plädoyer für seine Ideen, denn Jean Calas war bereits tot.

Zu einem Fall für Schriftexperten wurde mehr als einhundert Jahre später die Affäre Dreyfus. Der französische Hauptmann wurde des militärischen Geheimnisverrats zu Lasten der eigenen Artillerie bezichtigt. Als Jude und Elsässer hatte er schlechte Karten zu seiner Verteidigung gegen eine Fälschung in Schriftform. Die graphologischen Expertisen waren Beweismittel, Antisemitismus und Nationalismus im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhundert Treibstoffe im Justizskandal. Dreyfus wurde zur Verbannung in Ketten auf einer öden Atlantikinsel verurteilt, die er auch jahrelang überlebte bis zu seiner Rehabilitation 1906. Die Todesstrafe gab es im Frankreich zu der Zeit für politische Straftaten nicht. Die untergeschobene schriftliche Fälschung war als solche erkannt worden. Die Schriftenanalyse aber überlebte als Expertenmethode den Skandal. Der Dichter Emile Zola hatte sich in dem brisanten, langwierigen Prozess moralisch und laut exponiert und musste zwischenzeitlich in die Emigration.

Im Kapitel zum Erdbeben in L´ Aquila in den Abruzzen 2009 mit vielen Toten arbeitet Caspar Hirschi die politische Inbesitznahme von Experten auf. Er kommt dabei vom Erdbeben zum Expertenbeben. Der spätere Prozess weist auf die Gefahr der Vernachlässigung von Ungereimtheiten hin (äußere Einflüsse, aktueller Wissensstand, interdisziplinäre Konkurrenz). Hinzu kommt das Loyalitätsangebot von Gutachtern an die Auftraggeber, also eine Glaubwürdigkeitskrise durch Orientierung am Netzwerk und nicht am Gemeinwohl.

Im Schlusskapitel, das allein schon der Lektüre des Buches wert ist, widmet sich der Autor eindrucksvoll der Disziplinierung der Wissenschaft unter dem Mantra Peer Review. Die moderne Gesellschaft kann nicht ohne Experten funktionieren. Aber, je häufiger sich die Politik auf sie stützt bzw. hinter ihnen Deckung nimmt, desto stärker werden diese Experten zum Ziel von Populisten, auch der obersten Etagen. Auch disziplinieren sie sich selbst.

Caspar Hirschi greift zum Schluss des Buches das Instrument der Peer Reviews erst auf und dann auch an. Geschaffen als Instrument der innerwissenschaftlichen Selbstregulierung, wirkt es heute mehr für die Verhinderung der öffentlichen Diskussion wissenschaftspolitischer Entscheidungen. Das Peer-Review-Verfahren in der politischen Praxis der Förderung von Forschungsprojekten und in der kommerziellen Zeitschriftenwirtschaft sei nach seiner Erkenntnis schwer mit demokratischen Werten zu vereinbaren, da es schamlos geheimnistuerisch, elitär und oligarchisch sei, eine für politische Entscheider multifaktorielle Black Box. Ähnlich kritisch geht er mit Zitationen und Impactfaktoren um, Instrumente zur anonymen Eigenkontrolle der Wissenschaftler. Gutachter haben dabei kein Gesicht und Begutachtete keine Stimme. Lesen sei besser als Punkte sammeln, empfiehlt Caspar Hirschi! Peer Review habe eine Neoaristokratie der Wissensgesellschaft geschaffen, die ihrerseits die evozierte mediale und häufig auch populistische Aufmerksamkeit verständlich mache.

Der Inhalt des Buches ist unter epistemischen (ein Lieblingswort des Autors) Aspekten anspruchsvoller, als man es bei seiner ersten Betrachtung annehmen wollte. Es eignet sich nicht zum Querlesen; es ist das Werk eines professionellen Wissenschaftsforschers. Der Überhang an französisch basierten Themen ist sicher der akademischen Herkunft des Autors geschuldet, was ihn nicht am süffisanten Gebrauch von Wortversuchen (z. B. Providurien, Demokraturen, Wikipedianer) hindert.

Im Anhang befinden sich die sehr informativen Anmerkungen und Quellenangaben zu jedem Kapitel und ein Abbildungsverzeichnis. Ein Sachwortregister wäre angesichts des Umfanges des Buches hilfreich gewesen. Sein Fehlen induziert häufiges Blättern und Nachlesen. Ein Skandal ist das aber nicht.

F.T.A. Erle, Magdeburg (Juni 2020)