Was man für Geld nicht kaufen kann von Michael J. SandelUllstein Verlage Berlin 2012, 6. Auflage, a. d. Amerikanischen v. Helmut Reuter, ISBN 978-3-550-08026-5, Hardcover m. Schutzumschl. 300 S., € 19,99

Michael J. Sandel

Die moralischen Grenzen des Marktes.

„Manches ist mit Geld nicht zu kaufen. Aber nicht mehr viel“. So beginnt das Buch, das sich die Märkte und ihre Moral vornimmt bzw. ihr brisantes Verhältnis zueinander. Zum Einstieg folgt eine Liste von bezahlten Angeboten, für die zumindest in den USA auch eine Nachfrage besteht. Da ist z. B. das kostenintensive Zellen-Upgrade im Knast zur Verbesserung der Haftbedingungen, die Reservierung einer Fahrspur für den bezahlenden Vorbeifahrer im Stau, die sichere, gekaufte Handy-Nr. des Arztes für den sofortigen Termin im Jahresabonnement, das „Recht“ auf Abschuss eines vom Aussterben bedrohten Großwildes. Wer sich andererseits etwas innovativ verdienen will, vermietet seine Stirn als Reklametafel, verkauft sich als Proband an Pharma-Firmen, steht Tag und Nacht Schlange für das begehrte Ticket im Auftrage eines Reicheren, handelt mit Policen alter und kranker Inhaber von Lebensversicherungen etc.  Alles hat seinen Markt bzw. die Märkte greifen nach allem.

Michael J. Sandel ist der wohl bekannteste und gefragteste Moralphilosoph unserer Zeit. Er hat sich in Oxford/England gebildet und lehrt an der Havard-Universität/USA. Sein zentrales Thema ist die Gerechtigkeit in der Zivilgesellschaft. Für ihn ist die Ökonomie eine Herrschaftswissenschaft. Ihre Triumphatoren sind die Märkte, die sich in jüngster Zeit unheimlich ausgedehnt haben in Lebensbereiche, in die sie mit ihren Wertvorstellungen nicht hingehören. Sie suggerieren, dass alles käuflich sei. Und damit falle der Reichtum sehr viel schwerer ins Gewicht als noch vor einigen Jahrzehnten. Wäre er nämlich nur für den Luxus verantwortlich, wäre das zu ertragen, meint Sandel. Wenn jedoch alles nur noch über den Preis zu bewerten sei, mache einzig der Besitz von Geld den Unterschied in den Zugriffsmöglichkeiten zu gesamtgesellschaftlichen Gütern aus. Märkte wirkten so tendenziell zersetzend. Sie stünden der Übernahme zivilgesellschaftlicher Verantwortung im Wege. Das sei keine Marktwirtschaft mehr, das sei Marktgesellschaft - eine bemerkenswerte und inhaltsschwere Wortschöpfung. Das führe zu moralischen und spirituellen Defiziten in der Politik. Sie folge dem marktkonformen Denken und verlöre an ethischer Kompetenz. Es gehe nicht mehr der Reihe nach, sondern man bekomme, was man bezahlt habe. Wer aber schätzt eine Leistung am meisten? Der sich in der Reihe anstellt oder der jemanden für das Anstellen kauft? Die Grenze zum Handel mit nicht Handelbarem sei dann schnell überschritten und das Feld der Korruption eröffnet.

Ökonomen sind zunehmend in moralische Fragen verstrickt und legen Preise für nichtökonomische Güter fest. Sie handeln bei Lebensentscheidungen nach der Kosten-Nutzen-Relation und machen blind für die Ursprünge unseres Handelns. Schattenpreise regeln den Handel mit immateriellen Gütern.  Und so wäre es dann nur noch logisch, dass jetzt schon Schulen ihre Schüler für gute Noten bezahlten oder dass Gesunderhaltung durch Nichtrauchen, Gewichtsreduzierung, disziplinierte Medikamenteneinnahme etc. nicht mehr selbstverantwortliche Komponenten einer Lebensführung seien sondern bezahlt werden von denen, die davon finanziell profitieren, Versicherungen etc. Es wird das Richtige aus dem falschen Grund getan. Dass schafft keine stabile Ausgangslage für Gesundheit und andere  Werte. Es werden lediglich perverse Anreize für fragwürdige Motivationen erzeugt. Die Geldbuße wird zur Gebühr. So ließe sich auch der Handel mit Verschmutzungsrechten rechtfertigen.

Der Geist des Gebens ist in der Krise. Unter dem Nutzenaspekt seien Geschenke ein Unsinn, Weihnachtsgeschenke gar eine Orgie der Wertvernichtung. Gutscheine helfen da nicht wirklich. Gäbe es doch bereits Unternehmen, die unpassende Geschenkbons aufkauften und Handel damit trieben.

Wird Blut zur Handelsware, dann schwindet das solidarische Gefühl der Verpflichtung zur Spende und es wird zudem zu einer Umfüllung von arm nach reich. Seit der Vermehrung der gewerblichen Blutbanken in den USA ist ein Rückgang der Menge von Blutspenden zu verzeichnen. Der Gegenstand Blut hat sich dadurch nicht verändert, wohl aber die Einstellung zu ihm. Harte Ökonomen meinen, man solle sowieso mit ethischem Verhalten als begrenzte Ressource sparsam umgehen. Als seien es fossile Brennstoffe. Sie sollten für den Fall aufgehoben werden, dass das Preisgefüge zusammenbricht! Da darf man sich wohl fragen, wo der Altruismus dann plötzlich herkommen soll. Sandel kommt zu dem Schluss, dass die Märkte für uns entscheiden, wenn wir unsere Vorstellungen nicht äußern und verteidigen. Das sei seine Erkenntnis aus der Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte. Die Macht der Märkte entspringt aus dieser Welt. Sie entsteht u. a. aus einem fragwürdigen Umgang mit dem Gut der Freiheit.

Das Buch zeigt trotz seiner Desillusionierung Ansätze zum wehrhaften Handeln. Es vermittelt keine Ideologie, hilft aber beim Denken. Die Gier erscheint dann nicht mehr als Ursache sondern als Folge eines Verhaltens, das nur noch den Preis aller Dinge kennt. Bei einigem Interesse an mehr als sich selbst gerät man in eine spannende und empfehlenswerte Lektüre des gut strukturierten Buches. Was kann man nun z. B. für Geld  nicht kaufen? Freunde und treue Liebe und wohl auch noch nicht den Nobelpreis!

F.T.A. Erle, Magdeburg