Leserbrief zum Editorial „Kultursensibilität - Toleranz und ihre Grenzen“ von Frau Dr. Simone Heinemann-Meerz im Heft 1-2/2013

Sehr geehrte Frau Heinemann-Meerz,

Ihr Editorial habe ich mit Interesse gelesen.
Wenn Sie schreiben, dass in den „Regeln der ärztlichen Kunst“ eine „versteckte Unschärfe“ steht, gebe ich Ihnen völlig Recht.
Wie viel mehr Unschärfe – ja nebelhafte Verschwommenheit – beinhaltet aber der Begriff „Kultursensibilität“: Kultur = Gesamtzustand einer Gesellschaft; Sensibilität = Empfindsamkeit, Feinfühligkeit. Natürlich lässt sich darüber trefflich kommunizieren.

Das beginnt schon bei der von Ihnen eingeforderten Toleranz – tolerare (lat.): ertragen, erdulden, aushalten. Wenn man die wörtliche Bedeutung  berücksichtigt, dann kann man dem Begriff kaum noch Positives abgewinnen. Dann auch noch die Grenzen der Toleranz. Was bleibt wohl übrig?
J. W. Goethe hat m. E. in „Maximen und Reflexionen“ (Abschnitt Gesellschaft und Geschichte) das Problem auf den Punkt gebracht: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.
 
Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Frank P. Meyer, Groß Rodensleben