Eingesandtes

Unmittelbar nach Abschluss des Studiums trat ich meine erste Stelle in Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin an einem großen Krankenhaus in Leipzig an.
Motiviert, aber unerfahren, wurde ich auf einer kardiologisch geprägten Station eingeteilt.
Diese wurde von einer klinisch exzellenten, aber sehr strengen Oberärztin alter Schule geleitet.

Medizinisch ganz am Anfang stehend war meine Hilfe zur Bewältigung des enormen Arbeitspensums sicherlich nur gering. Im Gegenteil, der Oberärztin fiel die Supervision unserer Tätigkeiten und damit eine deutliche Mehrbelastung zu.
Somit blieben mir zunächst die einfacheren manuellen Aufgaben vorbehalten und insbesondere die Aufklärungen über diagn. und therap. Massnahmen fielen in meinen Aufgabenbereich. Begleitet war meine Tätigkeit von einer dauerhaft bestehenden Angst vor Fehlern und insbesondere den damit verbundenen, teilweise recht resoluten Zurechtweisungen durch meine Lehrerin. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, dachte ich mir und versuchte zu bestehen.
Mir meiner sonstig gefühlten Unfähigkeit bewusst, gab ich mir daher besonders bei diesen Dingen Mühe und nahm mir auch für die Aufklärungen und den Patienten ausreichend Zeit, was dort entsprechend honoriert wurde.
Eines Tages kam eine im Haus bekannte, aber für mich neue Patientin mit chronisch dekomp. Herzinsuffizienz zur Aufnahme. Bei ausgeprägten Pleuraergüssen und anstehender Punktion fiel mir wiederum die Aufklärung darüber zu, welche ich auch mit Hingabe und offensichtlichem Eindruck auf die Patientin durchführte. Nachdem ich die Patientin gelagert hatte, die Utensilien bereitgelegt und auch sonst alles vorbereitet hatte rief ich nun meine Oberärztin zur Durchführung der Punktion. Als diese das Zimmer betrat und sich in Position brachte, rebellierte die Patientin energisch und sagte: „Nee, nee, nee das macht mal schön der Oberarzt!“

Zunächst zähneknirschend, dann aber schmunzelnd, trat meine bis heute geschätzte Lehrerin beiseite und sagte zu mir: „Na, dann mal los!“
So kam ich zu meiner ersten Pleurapunktion und wieder war ein weiterer Schritt zum richtigen Arzt gemacht.  

Thomas Müller, Leipzig