Piper Verlag/Malik, ISBN 978-3-89029-530-5, gebunden mit Schutzumschlag,  Oktavformat, 265 Seiten, 31 farbige Abbildungen, 20,- €

Dirk Liesemer

Piper Verlag/Malik, ISBN 978-3-89029-530-5, gebunden mit Schutzumschlag, Oktavformat, 265 Seiten, 31 farbige Abbildungen, 20,- €

„Streifzüge“ – ein mit Suchen, Finden und Erleben verbundenes, schönes Wort aus dem Schatz der deutschen Sprache, in Kombination mit dem der „Nacht“ Abenteuer verheißend. Dirk Liesemer, freischaffender Autor mit journalistischer Berufshistorie, wollte es wissen. Wie bietet sich seine Heimat (einschließlich einiger ausgesuchter Nachbarn) nachts dem neugierigen Besucher dar, draußen zwischen den hell erleuchteten Metropolen, im platten Land, in Großstädten und im Gebirge, im Wald, in der Ebbe des Wattenmeers und anderen Landschaften.

Innerhalb einer Zeitspanne von neun Monaten unternimmt er Märsche durch die Nacht, allein oder mit kundigen Begleitern, die ihm Führung und Auskunft, Anregung und Wahrnehmung bedeuten. An den Beginn einer jeden begangenen Jahreszeit stellt er eine tabellarische Übersicht zu Koordinaten ihrer Nächte vor in der Folge Winter, Frühling, Sommer und Herbst. Sie sagen etwas aus über deren zeitliche Begrenzung, Auf- und Untergänge der Sonne, über Sternbilder und Sternschnuppen.

Es ist kein zusammenhängender Gang durch Dämmerungen und mehr oder weniger dunkle Stunden. Den Start bildet eine Nachtwanderung im Allgäu. Als Städter hatte er einen prächtigen Sternenhimmel nach eigenen Erinnerungen aus der Kindheit so gut wie nie mehr erlebt und später auch nicht vermisst. Die gefürchtete Dunkelheit und Stille draußen wäre nur schlecht zu ertragen gewesen – ein schiefes Bild von der Nacht in unserer Zeit und Region, wie es sich dann herausstellt. Als Wanderer zu Fuß und teilweise auch mit dem Rad treibt er sich in München, Berlin, Hamburg, Wien und Zürich bei Nacht herum, wird, nicht ganz legal, ins Wattenmeer der Nordsee geführt und auf eine Forschungsstation im Großen Stechlin mitgenommen. Er lässt sich von einem passionierten Heim-Astrologen am Teleskop die unheimlich fernen Sterne näher bringen, weiß dann u. a., warum die einen blinkern und andere still vor sich hin leuchten. Auf Schritt und Tritt heimst er neues Wissen und überraschende Erkenntnisse ein. Ihn faszinieren die Spukgeschichten des Erzgebirges ebenso wie die unheimlichen Geräusche im nächtlichen Wald oder entlang von Wiesen und Gewässerrändern. Nicht die Wölfe, die Zecken und Keiler sind die gefährlichen Tiere der Nacht. Er taucht mit einem Spinnenkenner im Schlosspark auf Rügen in die hochdifferenzierte Welt dieser Tierchen ein und muss schließlich erkennen und akzeptieren, dass er als Mensch auch nur aus Sternenstaub besteht.

Einige erwartete Erlebnisse bekommt er nicht bestätigt, insbesondere die mit der Dunkelheit und dem Sternenhimmel. Mondschein und Kunstlicht verhindern sie oft. Er erfährt gelegentlich einer nächtlichen Bergtour, dass die Menschheit seit 2007 nach der La Palma-Deklaration der UNESCO ein Recht auf Dunkelheit und Bilder des Sternenhimmels habe, erkämpft durch die Dark Sky Association, die für ausgeschriebene Lichtschutzgebiete und Sternenparks streitet. Das Dörfchen Gülpe in der Havelaue Brandenburgs wäre da zu nennen. Er sucht es auf und erfreut sich mit anderen Nachtschwärmern der beeindruckenden und geschützten Dunkelheit, international bekannt und gar nicht mal so weit von der Metropole Berlin entfernt.

Es wird viel Licht in die Nacht geschickt, von Menschen gemachtes, das den Puls von Tag und Nacht, hell und dunkel, schwächer werden lässt. Denn, wer Tempo machen will, braucht Helligkeit. Überall stehen Leuchtkörper, die selbst die Wolkendecke zum Leuchten bringen. Etwa acht Millionen Straßenlaternen flammen Nacht für Nacht allein in Deutschland auf, rechnet ihm einer seiner Begleiter vor. Der Begriff der Lichtverschmutzung hat sich übrigens erst seit etwa 10 Jahren etabliert.

Nächtliche einsame Fußgänger werden trotzdem zunehmend seltener. An den Externsteinen im heimatlichen Ostwestfalen gerät er zur Sommersonnenwende in seltsame nächtliche Gesellschaften. Die einen kehren mit Yin und Yang und Weihrauch ihr esoterisches Inneres nach außen, andere feiern altgermanische Götter. Eine laute Gruppe, Streifzügler auch, huldigt dem Junggesellenabschied eines Kumpels.

Dirk Liesemer ist ein aufmerksamer Beobachter und routinierter Schreiber. Die sorgfältige Vorbereitung dieser Reise sichert das durchgehende Interesse am Buch. Man liest es mit Spannung. Er versteht es, dem Leser die Natur der Nacht nahe zu bringen, gleich, ob im Reich der Glühwürmchen, der Fledermäuse oder des Hamburger Hafens mit seinem Geknatter, Geknarze, Wummern und diversen anderen Geräuschen. Überhaupt die Nachtgeräusche! Selbst ein stillgelegtes AKW ist laut und zudem störend hell erleuchtet. In der freien Natur aber sind Ohrenmenschen nachts den Augenmenschen überlegen. Er solle die nächtliche Stadt als großen Resonanzkörper wahrnehmen, rät man ihm an der Hafenmole des Zürichsees. Es entsteht keine Müdigkeit beim Lesen, trotz des Themas. Offen bleibt, in welchem Jahr diese Abenteuer stattfanden. Von Corona ist darin noch keine Rede. Mehrere eingebundene Farbfotografien vermitteln einen gewissen atmosphärischen Eindruck. Was bleibt, fragt sich der Autor nach Beendigung seiner Abenteuer in der nächtlichen frühwinterlichen Dunkelheit. Eine Begegnung mit sich selbst! Es habe sich auch ein Gefühl wie nach der Rückkehr aus dem Auslandsjahr zur Erlernung einer fremden Sprache eingestellt, stellt er verblüfft fest. Wer die Natur wirklich kennen lernen will, sollte sich ihr auch einmal auf Streifzügen nachts stellen.

F.T.A. Erle, Magdeburg (März 2021)