Cover: Verlag
Cover: Verlag

Thomas Fischer

Droemer Verlag, München 2021, ISBN 978-3-426-27843-7, gebunden mit Schutzumschlag, Kleinoktavformat, 374 Seiten, 22,- €

Der Hauptbuchtitel im feuerfarbenen Coverdesign ist ein absoluter Hingucker. Oder sagt man im Nachklang von Sex and Crime besser eyecatcher? Der Autor nennt es Spannungsgaranten. Man wird das Buch aus der Auslage in die Hand nehmen und beim ersten Blättern etwas enttäuscht feststellen, dass es gar keine verdächtigte Sammlung von Sensationsgeschichten zu Sexualverbrechen oder dergleichen ist. Und trotzdem weckt es zunehmend das Interesse des Querlesers, der sehr bald erkennt: Das ist kein Buch der Moral sondern des Rechts.

Der Autor Thomas Fischer ist eine Institution in Sachen Strafrecht als ehemaliger Richter, Hochschullehrer, vielfacher Buchautor und Kolumnist. Seine Publikationsliste ist enorm und hält an. Das hier vorgelegte, neueste Buch widmet sich ganz den strafrechtlichen Belangen geschlechtlicher Beziehungen zwischen Menschen bzw. deren Grenzüberschreitungen und kriminellen Ausuferungen.

Der Buchinhalt ist in fünf Kapitel strukturiert. Eingangs gibt Fischer Auskunft über einige Besonderheiten der Richtersprache und des Strafrechts. Er erklärt auch, warum er dieses Buch schreiben wollte. Er nennt es eine kleine Reise in die Systematik und Dogmatik des Strafgesetzbuches inkl. der Anführung mehrerer fiktiver Beispielsfälle zu Tatbeständen des Sexualstrafrechts, um dem juristischen Laien ein gewisses Verständnis zu ermöglichen. Er tut das vor dem Hintergrund seiner langjährigen Berufserfahrung. Unter der Überschrift Was ist Sexualität lenkt er das Augenmerk auf Natur und Kultur des sexuellen Verhaltens, auf Lust, Fortpflanzung und Moral als Teil individueller und gesellschaftlicher Aktivität und deren ständiger Veränderungen. Partnerwahl, Familienehre, sexuelle Präferenz seien hier nur als Stichworte genannt. Sie markieren historische Entwicklungen sowohl des Umgangs mit der Sexualität als auch der jeweiligen Grenzen in der Kommunikation. Unter Norm und Abweichung geht er auf die Notwendigkeit von Regeln in Bezug zur gelebten Sexualität ein. Unter diesem Aspekt räumt er auch der historischen Rolle der Religionen ihren Platz ein und misst ihnen Bedeutung bei. Normativität sei notwendiger Teil gesellschaftlichen Miteinanders. Unter der Kapitelüberschrift Zwang, Missbrauch, Täuschung geht es vor allem um den freien Willen und seine Erkennbarkeit unter einverständlichen Sexualpartnern, ein in der rechtlichen Beurteilung besonders häufig in den Fokus geratenes Kriterium. Denn es geht um die unabdingbare sexuelle Selbstbestimmung des Individuums.

Diesen mehr abstrakten juristischen Erörterungen folgen unter Aktuelle Rechtslage und Beispielsfälle fünf von Fischer fiktiv zusammengestellte und nachvollziehbare Vorgänge. Sie betreffen das überwiegende Spektrum von Beschuldigungen mit dem Verdacht auf sexuell motivierte Straftaten. Es sind das im ersten Fall Sexueller Übergriff, Nötigung, Vergewaltigung. Im zweiten Fall wird auf Sexuelle Übergriffe durch das Ausnutzen von besonderen Lagen des Opfers eingegangen. Im dritten fiktiven Fall werden Sexualdelikte gegen Kinder am praxisnah geschilderten Beispiel ausgiebig erörtert. Im vierten Fall geht es um Sexuelle Belästigungen und im fünften um das Verbreiten von kinderpornografischen Inhalten.

In einem eigenen Kapitel gibt der Autor anhand des gesellschaftlichen Diskur­ses Ausblicke auf die erwartbaren Entwicklungen bezüglich Sexualstrafrecht. Es stehen u. a. die Themen der sexuellen Identität, der sexuellen Präferenzen, des sog. Cybersex und der Beziehung zwischen Moral und Strafrecht in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit zur Diskussion.

Den Abschluss des Buches bildet ein Anhang mit Auszügen aus dem gültigen Strafgesetzbuch von 1998 einschließlich der inzwischen vollzogenen Änderungen und Hinweise zu in der Gesetzgebung befindlichen Bearbeitungen. Es folgen unter der Zuordnung Dokumente historische gesetzliche Regelungen, z. B. aus der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532. Im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794 fällt als Strafmaßnahme immer mal wieder der Begriff des Willkommens und Abschieds auf, was so gar nichts mit Goethes Ritt zur geliebten Pfarrerstochter ins Elsass zu tun haben dürfte. Ein abschließendes Sach- und Namensregister ist zum Verständnis der Lektüre hilfreich.

Die Sprache der Juristen ist vom Alltag ihrer Berufstätigkeit geprägt und in Reinform für den Laien kaum verständlich, die der Mediziner wahrscheinlich auch, meint Thomas Fischer. Er bietet mit seinem Buch die Chance, geltendes Recht auf einem gesellschaftlich viel beachteten und häufig missverständlich ausgelegten Lebensbereich zu verstehen. Sexualstraftaten sind in der öffentlichen Wahrnehmung der Medien ständig präsent und genießen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Veränderungen in der Gesellschaft bedingen auch solche im Umgang mit der Sexualität, die die Gesetzgebung im Auge behalten muss. Buchautor Thomas Fischer bleibt diesbezüglich streitbar, nicht ohne einen gewissen humorig-ironischen Einschlag. So ärgert er sich offensichtlich über die übergreifende Anwendung des Begriffes der sexuellen Gewalt gegen Kinder und macht auch sonst kein Hehl aus so mancher Formulierung in der Gesetzgebung. Er spricht von der Borniertheit des Jetzt. Von der Empfehlung zur Lektüre oder gar des gelegentlichen Gebrauches des Buches sollte nur ausgenommen sein, wer nie etwas mit Intimität, Moral oder Auswirkungen seiner Sexualität zu tun haben möchte, sich jenseits von Gut und Böse wähnt. Die Entwicklung geht weiter. Schließlich scheint der anzügliche Blick bereits im Visier einschlägiger Zielfahnder zu sein!

Prof. Thomas Fischer schließt sein Buch mit der Feststellung: „Es gibt kein Strafrecht ohne Moral, aber einen weiten Bereich von Moralen ohne Strafrecht. Wer seiner eigenen Moral nicht mehr traut oder trauen kann, wird die verlorene Sicherheit nicht im Strafrecht wiederfinden.“

F.T.A. Erle, Magdeburg (Juni 2021)