Jan Bazuin

C. H. Beck Verlag München 2022, herausgegeben von Paul-Moritz Rabe,
aus dem Niederländischen von Marianne Holberg, ISBN 978-3-406-78165-0,
Illustriert von Barbara Yelin, Hardcover 17,5 x 24 cm, 20,- €

Zwangsarbeiter gab es im Wortschatz der NS-Bürokratie nicht. Sie wurden mit den Begriffen Fremdarbeiter, Ostarbeiter, zivile Dienstverpflichtete u. a. umschrieben. Anders als die KZ-Gefangenen unterstanden sie nicht der SS sondern den Arbeitsämtern und waren auch nicht außerorts interniert. Sie wurden in der Bevölkerung bewegt und von dieser auch wahrgenommen. Ihre administrative und kommunikative Behandlung war jedoch durchaus unterschiedlich. Holländer waren z. B. wesentlich besser dran als Polen und Russen. Jedoch waren sie nicht freiwillig in diesem Zustand, zwangsmäßig also.

Jan Hendrik Bazuin gehörte zu dieser Kategorie der wiederbelebten Sklaverei zwecks Stütze der Wirtschaft, insbesondere der Rüstung im 2. Weltkrieg, gern auch in der Munitionsherstellung. Er stammte aus einfachen Verhältnissen im großen Rotterdam. Die elterliche kleine Druckerei war 1941 durch die Deutsche Luftwaffe total zerstört worden. Die nun in ihrem besetzten Land lebende Familie hatte, wie der größte Teil der Holländer, Mühe, dem Hunger, der Kälte und der häuslichen Dunkelheit standzuhalten.

Der 19-jährige Jan wurde am 4. Januar 1945 in Rotterdam von den Behörden erfasst und zusammen mit weiteren 500 Zivilisten aus dem Feijenoord-Stadion per Güterzug in ungeheizten Waggons in der Eiseskälte nach München transportiert. Er hatte schon am 20. November 1944 begonnen, Tagebuch zu führen angesichts der sehr schlechten Lebensbedingungen im okkupierten Heimatland. In seiner direkten, literarisch unauffälligen, sprechnahen Ausdrucksweise berichtet er fast täglich, zumindest aber kontinuierlich und faktenreich über den Alltag der Bevölkerung Ende 1944 resp. über sein Leben als Zwangsarbeiter in Deutschland. Die Struktur seiner Aufzeichnungen in drei Teilen ergibt sich aus drei ergatterten Schreibheften.

Nach einer abenteuerlichen Flucht und glücklichen Rückkehr nach Hause verwahrte er seine Schriften so sicher, dass niemand aus seinem Umfeld inkl. Familie etwas von ihrer Existenz erfuhr. Erst nach seinem Tod im Jahre 2001 kamen sie zum Vorschein und stellten jetzt für die historische Forschung und Gedenkarbeit einen Fundus dar, der professionell aufgearbeitet wurde, u. a. vom Herausgeber P.-M. Rabe. Da im Berichtszeitraum keinerlei bildliche Begleitung gefertigt werden konnte, nahm sich die bekannte Comiczeichnerin Barbara Yelin der Illustration des Buches an in Form von mehr als 40 beschreibenden, farbigen Zeichnungen, eine künstlerisch bemerkenswerte und einfühlsame Geschichtenerzählung mit Stift und Pinsel. Bei einigen beiläufig erkennbaren Gesichtern könnten Brouwer, Teniers oder Ostade mitgemalt haben.

Inhaltlich berichten die offensichtlich ganz zeitnah aufgeschriebenen Erlebnisse des Jan Bazuin vom Hunger, vom Essen, von der Winterkälte, von Verlegungen, aber auch Ausflügen und Kinobesuchen, auch von Diebstählen untereinander, von alliierten Bombardierungen der RAW-Gelände in München, der Arbeitswelt des Autors. Als gewieftem Großstädter gelang es ihm, den größten Teil seines Arbeitseinsatzes in der Essenzubereitung unverzichtbar zu werden. Die Vorteile lagen auf der Hand. Allerdings musste er oft zwölf und mehr Stunden täglich arbeiten, als ungelernter Koch manchmal ganz allein für tausend und mehr Leute warme, wenn auch einfache Mahlzeiten herstellen. Die häufigen Alarme und Bombenabwürfe, denen er zusammen mit Polen, Italienern, Russen, Amerikanern, Franzosen, Briten, Slowaken, Belgiern, Letten und Dänen sowie holländischen Landsleuten ausgesetzt war, stellten eine psychische Belastung besonderen Ausmaßes dar, der nicht jeder Mitsklave gewachsen war. Schließlich wagte er mit einem Schicksalsgenossen die Flucht nach Westen durch die nahe Frontlinie. Sie gelingt – und der Bericht endet damit abrupt.

Im Nachwort des Herausgebers und einem Glossar bekommen Leserin und Leser ausreichend Auskunft zur zeitgeschichtlichen Orientierung inkl. einiger Fotos zur Person des Schreibers. Ein lesenswertes Buch, besonders für junge aber auch für reifere Freunde des haptischen Genusses von Literatur!

F.T.A. Erle, Magdeburg (Mai 2022)

Cover: Verlag