Lea Ypi

Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp Verlag Berlin 2022, ISBN 978-3-518-43034-7, Oktavformat, Hardcover mit Schutzumschlag, 333 Seiten, 28,00 €

Leushka nennt der hoch verehrte Vater seine Tochter Lea liebevoll. Sie ist das Kind einer ehemals prominenten Familie, von deren politischer Geschichte, der sog. Biografie, das Kind bisher nichts weiß. Es ist die zensierte und durchkämmte Vergangenheit. Sie ist nicht zu verwechseln mit dem Lebenslauf, der einen zugewiesenen Weg in der kollektiven sozialistischen Gesellschaft darstellt.

Lea ist in eine Familie von Intellektuellen im sozialistischen Staat der Volksrepublik Albanien hineingeboren. Die Mutter ist Lehrerin, der Vater Angestellter. Sie leben im seinerzeit wohl unfreiesten Land Europas, das sich selbst in einer Art Paranoia vollkommen isoliert und eingeigelt hat.

Die Länder des Ostens sind gemäß ihrer Parteidoktrin zu revisionistisch, die des Westens zu imperialistisch. Nur Albanien geht laut seiner Führung unter dem verstorbenen und vergötterten Enver Hodscha den richtigen Weg durch die Geschichte, in der einzig möglichen Form von Freiheit.

Die von Lea Ypi, einer heute renommierten Wissenschaftlerin im Bereich Philosophie und Politik, hier vorgelegte Geschichte, ist eine Art biografische Selbstbeschreibung als Heranwachsende am Ende eines politischen Systems, des bisher von ihr überzeugt vertretenen diktatorischen Einparteienstaates, in dem die Zukunft Freiheit sichern soll. Zunehmend bemerkt sie in der aktuellen Phase des chaotischen Umbruchs jedoch, dass das Land sich in einer selbstverschuldeten politischen und wirtschaftlichen Sackgasse befindet. Sie nimmt wahr, dass die vordem so strikt propagierte sozialistische Freiheit nur funktionieren konnte, wenn man bereit war, zwei Leben in einem zu führen, die Lüge zur Basis der gesellschaftlichen Existenz zu machen. Das wiederum macht dann die Gesellschaft zur Beute krimineller Aktivisten und imperialistischer Gier.

Lea Ypi schreibt hier ihre Geschichte als ehrgeizige Schülerin und ideologiegläubige Jugendliche auf, parallel dazu die Entwicklung Albaniens mit ihren Höhen und Tiefen nach dem politischen Wandel, der Wende. Es ist der beschwerliche Weg einer abgeschotteten Familie mit deutlichen Spuren der ehemals bürgerlichen Vergangenheit. Die prägenden Muster ihrer Kindheit verändern sich ständig. Außen rebellieren große Anteile der Bevölkerung in ihrer Verunsicherung. Da sind plötzlich nicht mehr die kommunikativ so nützlichen Warteschlangen vor den Läden und an den Märkten zu sehen. Stanniolverpackungen westlicher Kaugummis sind keine Sammelobjekte mehr und die Fremdeinschätzung, wie ein Tourist auszusehen, ist weder Kompliment noch Warnung noch Drohung. Mit Hilfe ihrer vielgeliebten Großmutter Nini, die offensichtlich eine suspekte bourgeoise Vergangenheit hat, entschlüsselt das heranwachsende Mädchen die Lügen der verunsicherten Erwachsenen, denen sie so fest vertraut hatte. Sie stellt fest, dass ihr Urgroßvater nicht nur den gleichen Namen wie ihr Vater hatte, wie bisher behauptet wurde. Sie muss erkennen, dass es tatsächlich der faschistische Ministerpräsident aus Gnaden der italienischen Okkupanten während des 2. Weltkrieges war, ein wesentlicher Makel in der „Biografie“, den die Nachkommen zu spüren bekamen. Als geradezu grotesk empfindet Lea die entschlüsselte Sprachregelung der Erwachsenen zu Zeiten „Onkel Envers“, insbesondere für Zustände aus dem individuellen Freiheitsentzug. Da sprach man untereinander von internationalen Beziehungen, wenn es um angeblichen Landesverrat ging. Ausschluss vom Unterricht bedeutete, dass dem so qualifizierten Mitbürger die Todesstrafe zukam. Freiwilliger Studienabbruch stand für Selbstmord im Gefängnis. Die angeblichen, nur mit Initialen bezeichneten Universitäten, waren Strafvollzugseinrichtungen, die strengen Dozenten darin brutale und tötende Folterknechte.

Im Dezember 1990 endet diese Geschichte Albaniens (siehe Untertitel). Der Freiheit stehen Tür und Tor offen, glaubt die Heranwachsende. Als Großmutter Nini, die einstige Aristokratin, einen Brief aus Athen erhält mit der Bitte fraglicher ehemaliger Geschäftspartner aus Großvaters Zeiten, die Rückforderung einstigen Grundbesitzes vorzunehmen, nicht ohne Absichten, versteht sich. Es herrscht jetzt Reisefreiheit, sofern man sie bezahlen kann. Großmutter Nini leiht sich Dollars und näht sie im Rocksaum ein. Sie nimmt ihre Enkelin mit auf die Traumreise ins Land ihrer Herkunft, beide fliegen nach Athen. Lea ist überwältigt von den Bildern auf den Straßen und den Angeboten der Märkte und Schaufenster, merkt aber bald, dass das ohne passendes Geld nur Illusionen sind. Sie kehren ernüchtert zurück in ihre Freiheit, ohne etwas erreicht zu haben. In der albanischen Heimat herrscht Chaos. Alle wollen weg. Alle wollen ihre Ersparnisse hochprofitabel anlegen. Mit überladenen Frachtschiffen geht es zu Tausenden ins gegenüberliegende Italien, zu dem aus TV-Gewohnheiten eine gewisse Bindung besteht. Dort werden die nun freien Ankömmlinge aber als fremdartige Bedrohung angesehen. Sie werden letztlich wieder zurück verfrachtet in ihr Land, das so gar keine Aussichten auf eine hoffnungsfrohe Entwicklung erkennen lässt. Aber auch in Italien sind die albanischen Landsleute Objekte der Ausbeutung, in prekären Arbeitsverhältnissen oder der Prostitution gefangen. Lea bleibt in der Heimat. Sie macht unter seltsamen Prüfungsbedingungen das Abitur. Als sie dann ihrer Familie den Studien- und Berufswunsch Philosophie offeriert, stößt sie auf deren entsetztes Unverständnis, da dieser Begriff aus-schließlich für Marxismus-Leninismus stehe. Und das hätte man doch hinter sich gelassen! Aber Lea glaubt daran, dass es eine Botschaft der Hoffnung geben muss und möchte ihr auf den Grund gehen. Sie sieht dazu keine Alternative und nimmt den Kampf auf. Heute lehrt die angesehene Polittheoretikerin an der renommierten London School of Economics Politische Philosophie. Das vorliegende Buch hat sie in durch Corona gegebenen Zeitreserven verfasst. Es ist ein gutes Buch geworden, locker und lebendig geschrieben, nicht ohne Witz. Es wird in ihm natürlich auch auf die rote Colabüchse mit der Rose vom Umschlagbild gebührend eingegangen.


F.T.A. Erle, Magdeburg (Juni 2022)

Cover: Verlag