Stephan Krass

Steidl Verlag Göttingen 2021, ISBN 978-3-95829-981-8, geb. in Leinen, 21x13 cm, 158 S., 18,00 €

Sie sind Zeichen wie die Sternbilder, die Buchstaben unseres Alphabets. Sie wandern von Wort zu Wort und gehen immer neue Verbindungen ein. Ihrer 26 bilden im Alphabet ein geschlossenes Arsenal dieser Typen. Sie sind, und das ist der unschlagbare Vorzug der Buchstabenschrift gegenüber der Bilderschrift, als Einzelne flexibel und austauschbar, frei flottierende und somit selbstbewusste Gesellen. Sie haben die Freiheit, in immer neue Figurationen einzutreten, neue Bedeutungsfelder abzustecken. Dennoch bleiben sie dieselben Zeichen.

Der Autor Stephan Krass ist mit dem Begriff eines Literaturphilosophen sicher gut, wenn auch nur annähernd beschrieben, der Hochschullehrer und einstige Rundfunkredakteur.

Im vorliegenden Essayband denkt er ausgiebig über eine Voraussetzung des Lesens und Schreibens, die allgegenwärtigen Buchstaben nach und bleibt ihnen auf der Spur. Er widmet jedem einzelnen dieser „Gesellen“ unter einem Schlagwort ein mehr oder weniger kurzes Kapitel und umkreist ihn literarisch und historisch. So erzählt er z. B. beim A (Alphabet) die Geschichte der Namensänderung der Webseite von Google Inc. 2015 in Alphabet Inc. Als Webseite sicherte sich der Konzern so die gesamte Buchstabenfolge abcdefghijklmnopqrstuvwxyz.com und machte das jahrtausendalte Buchstabenkorpus zu seinem Firmenpaten! Und so geht es dann im Buch in alphabetischer Reihenfolge von Buchstabe zu Buchstabe.

Krass weiß bei jedem dieser Zeichen zu verweilen und sich zu Historie und Geschichten kenntnisreich zu äußern. Viele der Kapitel enthalten zum Abschluss Anagramme, mit denen er gern spielt und die nach seiner Ansicht poetische Elemente der Texte darstellen. Sie bilden die Beschränkung auf einen buchstäblichen Vorrat, dessen Wiederverwendung dem unbedarften Leser etwas widerspenstig durch den Kopf gehen mag (Beispiel: Die Lesbarkeit der Welt / wer da lebt leidet Krise). Immer wieder erzählt Krass Geschichten zur Kapitelüberschrift, z. B. zum Code die Geschichte um das Rätsel ENIGMA, dessen Entschlüsselung durch das feindliche ULTRA den Ausgang des 2. Weltkrieges entscheidend beeinflusst haben soll. Auch die Geschichte des Schriftstellers Ödön von Horvath, der immer Angst davor hatte, von einem seiner umstürzenden Bücherregale erschlagen zu werden, erwähnt er. Er starb durch einen herabstürzenden Ast auf dem Heimweg bei einem Unwetter in Paris. Der Autor weiß den Begriff der Edelfeder ebenso zu erklären wie er dem Sprachkunstwerk Gedicht seine Ehrerbietung in einem ganzen Kapitel zollt.

Die Handschrift als körperliche Spur der Zeichen würdigt Krass als hochkomplexen sensomotorischen Vorgang. Diese Kulturtechnik des Schreibens lässt Hand und Hirn einem lebenslangen gemeinsamen Weg zusammen gehen. „Mit der Hand schreiben heißt, mit fünf Fingern ICH zu sagen,“ so ein Zitat im Buch. Die Bildschirmschrift dagegen bleibe ohne besonderes Kennzeichen, sei jedoch praktisch, leicht zu lesen und bedienungsfreundlich, was sie unschlagbar mache. Inskriptionen und Inschriften seien für die Nachwelt bestimmt. Dass allerdings Tätowierungen der Haut die ältesten vom Meschen vorgenommenen bildlichen Mitteilungen seien, noch vor denen auf Holz und Stein, darf der Leser angesichts der Höhlen von Lascaux und älterer solcher Galerien bezweifeln. Der Akt des Lesens sei eine Privatangelegenheit, sagt Krass, wobei der Weg beim stillen Lesen von den Augen ins Bewusstsein besonders kurz sei und der Vorgang des Lesens schneller sei als beim lauten Vorlesen. Das erscheint logisch.

Unter der fremdartigen Überschrift Ostrakon sind in der antiken Tradition Tonscherben, Muschelschalen und ähnliche Materialien versammelt, in deren Oberfläche Zeichen für Handelsartikel und deren Menge eingeritzt wurden. Mitunter wurden sie auch als eine Art Stimmzettel bei Wahlen oder Gerichtsverhandlungen benutzt (Scherbengericht). Sie sind wichtige Zeugnisse des antiken Warenverkehrs und ein Hinweis darauf, dass die Buchhaltung vor dem Buch das Licht der Welt erblickte. Am Anfang stand der Buchstabe, dann kam das Wort und schließlich das Passwort, bemerkt der Autor augenzwinkernd, wenn auch nicht ganz logisch.

Unter dem Begriff des Quadrats für den Buchstaben Q kommt Stephan Krass bei seinem unverkennbaren Hang zum Spiel mit Schrift und Sprache natürlich auf das geniale magische Quadrat zu sprechen, die literarische Zauberformel einer Kombination aus Anagrammen und Palindromen, die berühmte Satorformel. Sie besteht aus fünf lateinischen Substantiven, die so im Quadrat angeordnet sind, dass sie jeweils viermal in verschiedenen Richtungen gelesen werden können. In deutscher Übersetzung könnte man folgenden “Sinn“ herauslesen: SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS / Der Sämann Arepo hält durch seine Mühe die Räder. Zauberei scheint so ihre besonderen Gesetze und Formeltexte zu haben. Dass die Stimme das Organ der Sprache sei, versteht der Mediziner nicht so recht. Dass aber die Rhapsodie und der Rapper Verwandte sein sollen, mag ihn vielleicht schon eher freuen.

Ein anderer umtriebiger Geselle sei das V, besser das Vogel-V. Ist es ein W oder ein F, ist hier die Frage. Gesprochen wie geschrieben oder auch nicht? Ärger hat es schon früheren Generationen bereitet. Klopstock war für seine Eliminierung aus der deutschen Schrift. Die Gesellschaft für deutsche Sprache ist ihm auch auf den Fersen (oder Versen?). Mit der Zunge, dem wohl wichtigsten Sprechorgan unter den physischen Strukturen zur Sprachlautbildung enden die intelligenten und anregenden Gedanken des Autors auf der Spur der Buchstaben.

Er fügt noch den Äther, die Öffentlichkeit und die Übersetzung als Beispiele für die durchaus häufig vorkommenden Umlaute an sowie einen Bonustrack für George Bernhard Shaw. Der hatte unter Vertretung durch sieben renommierte Anwälte per reichhaltigem finanziellen Nachlass postum vergeblich versucht, durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofes von England das englische Alphabet um 14 Buchstaben zu erweitern. Das Unternehmen scheiterte, trotz der beachtlichen Finanzierung. Die Millionen waren in den Sand geschrieben.

Klugen Leuten und solchen, die es werden möchten, kann das kleine, intelligent verfasste Buch zur Lektüre empfohlen werden, nicht zuletzt auch wegen seines ansprechenden Designs, seiner Handlichkeit und seiner schönen Buchstaben. Man ist nach dem aufmerksamen Lesen etwas klüger!

F.T.A. Erle (Juli 2022)

Cover: Verlag