Hrsg. v. M. Spitzer u. W. Bertram
Die besten Geschichten über unser wichtigstes Organ

Schattauer Verlag, Stuttgart 2020. ISBN 978-3-608-40042-7, Taschenbuch,
Klappenbroschur, 18,5 x 12 cm, schwarz-weiß illustriert, 383 Seiten, 25,- €

Der Buchtitel – eine Metapher oder der Versuch der Hinführung auf die materiellen Konstruktionsprinzipien unserer geistigen Fähigkeiten? Der Mensch kann nichts besser als denken. Es ist seine evolutionäre Nische. So steht es im Text der vorliegenden Anthologie zu den wissenschaftlichen Grundlagen und Mechanismen unserer geistigen Mühen.

Die Herausgeber dieses Buches versuchen, ein ungeheuer kompliziertes und weitgehend offenes Feld unserer menschlichen Existenz der allgemeinen Verständlichkeit näher zu bringen. Aber wie soll man ein solches Gespinst von Theorien, Spekulationen sowie relativ sicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen mit ihren vielfach vernetzten Fäden und Knoten und deren leeren Zwischenräume dem Denken der betroffenen Spezies zugänglich machen? Die Herausgeber des schwierigen Unterfangens erteilen sich und einer Gruppe von Wissenschaftlern das Wort, die auf dem Gebiet eine gehörige Expertise vorweisen können. Daraus entstanden ist diese Sammlung von Beiträgen zu den verschiedensten Aspekten der Struktur und Funktion des Gehirns, zu dem sie auch das Rückenmark zählen, des Zentralnervensystems also. Es sind dies, Frauen und Männer, Spezialisten auf dem Gebiet der Anatomie, Neurobiologie, Psychologie, Psychiatrie, Philosophie, Sozialwissenschaften und weiterer Disziplinen, deren Verflechtungen und Forschungsergebnisse zu dem hier gesponnenen Netz wesentliche Erkenntnisse beizutragen haben, die sich von ihm sozusagen einfangen ließen. Angesichts ihrer Kompetenz lassen sie erkennen, dass ihr mühsam erkämpftes neues Wissen nicht das Ende der Antwort auf ihre Fragen sondern den Anfang eines Unwissens bedeutet, das ihnen neue wissenschaftliche Herausforderungen und Fragestellungen eröffnet, unermüdliche Neugier vorausgesetzt. Thematisch gilt das Spektrum der 13 Autoren in ihren 15 in sich geschlossenen Beiträgen dem Inhalt des Hirnschädels und seinen anatomischen Strukturen, deren Automatiken und Funktionsmechanismen, Zuordnungen zu den Lebensäußerungen ihres Trägers, Reflexe und Kapriolen, Bahnen und Synapsen, Knoten und Kreuzungen. Es geht u. a. um das gewollte Klischee vom großen Unterschied zwischen Frau und Mann, um das Glücksgefühl, um Humor und Spiritualität und dergleichen.

Etwa 20 % seiner zugeführten Energie verbraucht das menschliche Individuum allein für diese biologische Arbeit, die an einer Stelle das innere Kasperltheater genannt wird, veranstaltet vom Großhirn, vom limbischen System, den Milliarden Synapsen und den anderen bisher identifizierten Strukturen, deren nomenklatorische und lokale Zuordnung und Topografie den Schülern des Äskulap und seinen Nachfolgern bis in unsere Tage besondere geistige Anstrengungen abfordern. Aber dieses hier ist kein Lehrbuch im klassischen Sinne eines Repetitoriums. Es erzählt vielmehr Geschichten vom Salz in der Suppe der Wahrnehmungen, vom Bewussten und Unbewussten, von Träumen und Assoziationen, gefälschten Daten und echten Bindungen, von Griffen in den Giftschrank der Nacht. Manche der Beiträge sind derart komplexer Natur und zudem der wissenschaftlichen Sprache verpflichtet, dass sich ihr Inhalt zu Teilen nicht erschließt. Andere wieder verführen durch die Formulierung ihrer Kopfzeilen zum Zugriff, z. B. wenn es um die Liebe und das Alleinsein geht und in der Feststellung mündet: Männer sind anders, Frauen auch!

Ein besonderer, unter Hirnaspekten betrachteter Zustand des Menschen ist das Glück. Wer möchte solches nicht genießen? Kann man es messen? Die Wissenschaft dazu ist noch ein zartes Pflänzchen. Umfragen in nationalen Populationen ergeben lange Ranglisten der Staatsvölker, die nördlichen europäischen an der positiven Spitze, obwohl doch Gewöhnung dem Glücksbewusstsein abträglich sein soll ebenso wie der ständige Vergleich mit anderen Glückserfahrern. Der Fischer un sine Fru haben es erleiden müssen. Bronzemedaillengewinner sind oft die glücklicheren Sieger. Das Glück der politischen Wende in der ehemaligen DDR hat sich abgeschliffen.

Der Themenkreis der Wissenschaften zum Gehirn, zu seiner Arbeitsweise und seinen Leistungen ist immens weit und alles andere als abgeschlossen, im Gegenteil. Was tun Alkohol, Drogen, Psychopharmaka? Wie soll Gedankenlesen gehen? Das oder warum wir keine identifizierte Topografie für den Zufall besitzen, gehört auch zu diesen vielleicht nie zu klärenden oder gar abwegigen Denkansätzen. Dass sich zum Thema Religion und Glauben in diesem Buch ein professioneller Kabarettist auslässt, hat seine besondere Note. Populärwissenschaftliche Literatur im landläufigen Sinne ist diese Sammlung nicht. Dafür sind seine Beiträge in Nomenklatur, zitierter Literatur und inhaltlichen Darstellungen für den Laien zu spezifisch. Die häufigen Selbstzitate im Text und die sporadisch eingestreuten Illustrationen helfen nicht entscheidend weiter im Verständnis der Buchinhalte. Nutzer des vorliegenden Taschenbuches sollten gewisse Vor-kenntnisse und ein spezielles Interesse zum Thema Gehirn mitbringen, um sich nicht in dessen Gespinsten zu verfangen.

F.T.A. Erle, Magdeburg (August 2022)

Cover: Verlag