Berndt Seite über Fluchterlebnisse – Lesenswerter Band mit zwei Erzählungen des Tierarztes und Ex-Ministerpräsidenten

Bertuch Verlag, Weimar 2021, ISBN 978-3-86397-157-1, Hardcover, 176 Seiten, 20,- €

Berndt Seite, 1940 in Niederschlesien geboren, war von 1992 bis 1998 für die CDU Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns. Der Absolvent der Landesschule Pforta studierte in Berlin Veterinärmedizin und praktizierte bis 1990 in Walow bei Röbel, im Westen der Mecklenburgischen Seenplatte. Kirchlich engagiert, kam er erst mit der friedlichen Revolution in die Politik. Seit dem Ausscheiden aus derselben widmet der 82-Jährige sich dem Schreiben und legte Anfang des Jahres 2022 seinen letzten Erzählband vor, wie er selbst der Nachrichtenagentur dpa sagte.

Prof. Dr. Dr. Sigurd Schulz aus Halle (Saale) hat die beiden im Buch enthaltenen Erzählungen gelesen.

Der Wagen

Aus einer anfangs mehr autobiografisch gefärbten dokumentarischen Beschreibung des Flüchtlingstrecks aus Schlesien im Jahre 1945 entstand ein filmreifes, literarisches Kunstwerk über die Flucht der Zivilbevölkerung im Krieg. Vertreibung, Not, Elend, Entmenschlichung und Menschlichkeit an der „Heimatfront“ eines Krieges, unter dem Alte, Frauen und Kinder ganz besonders, auch nachwirkend, leiden, sind Themen dieses, meines Erachtens beachtenswerten, literarisch wertvollen Werkes, mit allgemeingültigem Gegenwartsbezug. Die Geschichte wird aus der Erinnerung des Hauptprotagonisten Heinrich in unterschiedlichen Zeitformen, zumeist im Präsens, erzählt und durch häufige, inhaltsschwere Dialoge belebt. Die Haupthandlung, die Flucht selbst, schreitet chronologisch fort. Die durchlebten Vorkommnisse nehmen an Spannung zu bis zum dramatischen Höhepunkt, der Entführung und sexuellen Verstümmelung Marias. Auf sich allein gestellt, verlieren die Kinder alles, auch ihre Kindheit. Hoffnung und Vertrauen leben fort. Aus unterschiedlichen Sichtweisen resultieren Überlegungen und Bewertungen zu den Ereignissen. Die Charaktere der beteiligten Personen offenbaren sich vorwiegend in ihren Handlungen. Das Geschehen läuft mit starken Szenen wie ein Filmkunstwerk ab.

Noah

„Der Fremde“ erhält den Forschungsauftrag, durch eine Zeitreise in die Vergangenheit den Bau der Arche Noah zu begleiten, um tiefere Einsichten in die Noah-Problematik zu erlangen. Wegen seiner Glaubenstreue wurde Noah ja, gemäß der biblischen Überlieferung, von seinem Gott auserwählt, durch den Bau der Arche mit seiner Familie die Sintflut zu überleben, wodurch die Welt vom Bösen befreit wäre. „Der Fremde“ mischt sich unter das Volk, macht Bekanntschaften, sogar mit Noahs Sohn Sem, verliebt sich in Esther, die Schwester von Sems Frau Sarah, und gerät in zahllose Lebenssituationen, die dem Autor der Erzählung Gelegenheit bieten, sich über die vielen Fragen des Lebens auszulassen. Häufig resultieren Aphorismen. Das beginnt bei der Planung des Forschungsunternehmens mit Fragen der Leitungstätigkeit, geht über Reiseerfahrungen auch im All, führt zu Empfindungen in der Fremde, wie Einsamkeit, Träume, Bekanntschaften, Menschenkenntnis, Begegnung mit Räubern, Personenbeschreibungen, Eitelkeit, aber zugleich zu Tätigkeitserfahrungen beim Bau der Arche und natürlich erwartungsgemäß bei dem als Naturlyriker bekannten Autor Berndt Seite auch zu Naturbeschreibungen.

Einen wesentlichen Teil der Erzählung nehmen daher philosophische, ethische, politische sowie religiöse Fragen ein. „Nach dem Kern einer Religion sollte man nicht fragen.“ Gottes Anliegen, seine misslungene Schöpfung mit der Sintflut zu bereinigen, ist gescheitert.

Prof. Dr. Dr. Sigurd Schulz, Halle (Saale)

Erschienen in: Zahnärztliche Nachrichten 5/2022, S. 40

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt