Bildende Künstler Sachsen-Anhalts

Wir kannten uns, allerdings oberflächlich, schon viele Jahre, weit vor der Wende. Manchmal trafen wir im Halleschen Kunstverein aufeinander oder bei einer Ausstellungseröffnung. Regelmäßig beglückte er mich mit Neujahrsgrafik, lückenlos seit 1980, ein Glücksfall für den Sammler!

Jetzt wollte ich mehr von ihm und über ihn wissen, um ihn - Maler, Grafiker, Gobelingestalter und Hochschullehrer - im Ärzteblatt Sachsen-Anhalt vorzustellen. Es waren interessante und sehr angenehme Begegnungen. Ich lernte einen hochintelligenten, vielinteressierten und warmherzigen Menschen kennen, der voller Begeisterung von seinen Studenten, seiner Kunst erzählt, den Aufenthalten in Fernost und seinem Engagement für die armenische Kultur. Man würde den großen stattlichen, jünger wirkenden Mann, der außerdem außerordentlich zuverlässig und exakt ist, nicht für einen Künstler halten, wenn da nicht seine hochgradige Sensibilität wäre, die sich im Gespräch immer wieder zeigt und die wohl einem wirklichen Künstler zu eigen sein muss.
Die wunderschöne Altbauwohnung, die er gemeinsam mit seiner Frau Elke – sie arbeitet als Restauratorin – bewohnt, spiegelt die gemeinsamen künstlerischen Interessen wider. Sein Arbeitsplatz war zum Zeitpunkt meines Besuches tadellos aufgeräumt, die Pinsel hängen gesäubert einzeln in langer Reihe griffbereit vor ihm. Diese Ordnung beeindruckt den Besucher. „Nicht jeder Künstler hält so rein“, um es frei mit „Faust“ zu sagen.
Im Laufe unserer Gespräche wird mir zunehmend klar, wie stark seine Persönlichkeit und seine Kunst einander bedingen. So deutlich habe ich das selten erlebt. Seine große Sensibilität bedarf der Ordnung und der Ruhe wie eines Schutzschildes. „Ich brauche meine Ruhe, Hektik und Lärm regen mich auf“ sagt er, deshalb verzichtet er auch auf ein Handy, dessen Läuten ihn beunruhigt und erschreckt, wenn er in der Natur ist, Eindrücke aufnimmt, nachdenkt. Selbst den Wecker hat Rolf Müller verbannt. Im Laufe der Jahre entwickelte er die Fähigkeit, zu dem Zeitpunkt aufzuwachen, den er sich am Abend vorgenommen hat. „Das geht nie schief, selbst bei unfreundlich frühen Weckzeiten“ entgegnet er meiner Skepsis.
Später zeigt er mir seine Arbeiten. Fast zärtlich berührt er das Papier, spricht voller Begeisterung von den Hunderten Papiersorten, die er für seine Zeichnungen und Collagen gesammelt hat, schwärmt von Papieren aus Vietnam mit wunderbaren Strukturen, die beim Einfärben die Farbe so anders, so intensiv annehmen wie keine anderen (Abb.1: „Roter Fluß“).
Er spricht über seine Bilder mit einer Begeisterung und Liebe, die mich an einen Vater erinnert, der von den Talenten, Begabungen und wunderbaren Eigenschaften seines Kindes berichtet.
Aber, ich bemerke es, das Rot, das er mir soeben als so wunderbar geschildert hat und das ich eigentlich übersehen hatte, leuchtete tatsächlich. Je länger ich hinsehe, desto intensiver (Abb. 2: Pitahaya). Das Bild, an dem ich achtlos vorüberging, ist wirklich schön! Wie kommt das? Waren meine Augen, meine Sinne so abgestumpft, das nicht zu bemerken?
So geht es weiter in unserem Gespräch, ständig öffnet er mir neue Welten, neue Sichten. Rolf Müller zeigt und erklärt Kunst, den Hochschulbetrieb, die Weltgeschichte. Ich höre ihm staunend zu und bin von seiner sanften, überzeugenden Argumentation überwältigt und fasziniert.
Bei einer seiner Grafiken kommen wir auf den Theologen Prof. Dr. Hermann Goltz zu sprechen, anlässlich dessen frühen Todes im Jahr 2010 dieses Blatt entstand (Abb. 3: „Ehre sei Gott“). Rolf Müller macht kein Hehl aus seiner großen Sympathie für diesen Theologen und Ostkirchenkundler, der sich mit großem Engagement für das armenische Volk und die Aufarbeitung der furchtbaren Massaker einsetzte.
Mit diesem Hintergrundwissen erschließt sich mir die Grafik zunehmend. Vor einer das ganze Bildformat ausfüllenden Mauer mit Symbolen der armenisch-christlichen Kirche, Schriftzeichen und den Lebensdaten Hermann Goltz´ ist ein gekreuzigter und enthaupteter Körper dargestellt. An der Stelle des Kopfes sieht man im Hintergrund eine türähnliche Öffnung in der Mauer. Ist das eine Pforte, durch die das Unheil kam oder eine Tür zur Flucht, zum Entkommen? Der Gekreuzigte scheint mitsamt dem Kreuz umzustürzen. Eine schreckliche Steigerung der biblischen Kreuzigung: zusätzliche Enthauptung, und stürzendes Kreuz mitsamt Leichnam. Ein Sinnbild des grauenvollen Leidens des armenischen Volkes?
Rolf Müllers Arbeiten sind voll solcher Botschaften. Er will sich mitteilen, seine Ansicht der Dinge einbringen. Es drängt ihn, Probleme, die ihn bedrücken oder erfreuen, zu verarbeiten, vielleicht auch, um für sich selbst Klarheit zu finden und sich frei zu machen.
Zum Schluss möchte ich noch auf eine Serie kleiner Grafiken zu Gedichten hinweisen (Abb. 4: „Und keiner ahnt das Rätsel“). Auch sie erschließen sich nicht beim ersten Hinsehen. Ich habe mir die Mühe gemacht, einige der dazu gehörenden Gedichte herauszusuchen, um mir die Darstellung schrittweise zu erschließen. Es macht ein wenig Mühe, ist aber ungemein beglückend. Man fühlt sich dabei wesentlich wohler als nach der „Entspannung“ vor dem Fernseher bei einer oberflächlichen Show!
Versuchen Sie es einmal!

Und kahle linien ziehn in reich-gestickten
Und teil um teil ist wirr und gegenwendig
Und keiner ahnt das rätsel der verstrickten.
Da eines abends wird das werk lebendig.

Zu Abb. 4: Stefan George (Aus der Sammlung“ Teppich des Lebens“), 2. Vers

 Biografie

1941 in Sachsendorf (Thüringen) geboren,

1959-63 Studium Universität Leipzig Kunsterziehung/Germanistik,
1963-65 Lehrer,
1965 –70 Studium Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle (Burg Giebichenstein) Fach: Angewandte Malerei, Gobelingestaltung.
Seit 1970 im Verband Bildender Künstler.
Ab 1970 Lehrtätigkeit an der Hochschule Burg Giebichenstein.
Dort 1991 Gründungsbeauftragter für das Fachgebiet Kunstpädagogik.
1994 Professur.
2000 Gastprofessur in Hanoi,
Emeritierung 2006.

Kontaktadresse:
Prof. Rolf Müller, Ulestr. 3, 06114 Halle Tel.: 0345-3880346

Dr. Wolfgang Lässig, St. Elisabeth- und St. Barbara-Krankenhaus Halle